Karrieretelefon

„Sie sind nicht zur Wahrheit verpflichtet“

Petra Kasüschke, Talent Manager bei Vallourec Deutschland, und Jörg Brüggen, Gründer und Geschäftsführer von Brüggen Engineering, standen unseren Lesern Rede und Antwort. In den Gesprächen ging es unter anderem um Hochschulwechsel, Promotion und den beruflichen Wiedereinstieg.

Petra Kasüschke und Jörg Brüggen gaben gute Tipps.

Petra Kasüschke und Jörg Brüggen gaben gute Tipps.

Ich bin 55 Jahre alt und seit 21 Jahren als Ingenieur in einem großen mittelständischen Unternehmen beschäftigt. Kann ich meinen Job noch wechseln?

Generell ist ein Anstellungswechsel immer möglich. Allerdings sollten Sie zuerst ein paar grundlegende Fragen klären, bevor Sie das bestehende Arbeitsverhältnis aufs Spiel setzen. Fragen Sie sich, warum Sie wechseln wollen. Unterscheiden Sie dabei zwischen extrinsischen und intrinsischen Aspekten.Wurde die Wechselmotivation durch eine aktuelle Konfliktsituation ausgelöst? Steht eine Umstrukturierung an? Gibt es zwischenmenschliche Probleme, unter denen Ihre Gesundheit leidet? Oder ist der Wechselwunsch beruflich motiviert? Gleichzeitig sollten Sie die Risiko- und Mobilitätsbereitschaft Ihrer Familie abklopfen. In dieser komplexen Situation kann die Unterstützung durch einen professionellen Personalberater, der über Chancen und Risiken sowie den Markt bestens informiert ist, sinnvoll sein.

Ich bin Diplom-Chemieingenieur, Mitte 20 und habe meinen Abschluss mit der Note 1,3 gemacht. Aktuell habe ich zwei berufliche Optionen offen: Ich kann das Jobangebot eines international bekannten Konzerns annehmen, wobei der Vertrag auf zwei Jahre befristet ist. Oder ich trete eine Promotionsstelle an meiner Uni an. Wozu raten Sie mir?

Sie sollten so schnell wie möglich Industrieerfahrung sammeln. Ich rate Ihnen, den Arbeitsvertrag im Konzern anzunehmen. Bauen Sie sich dort ein Netzwerk auf, damit Sie nach den zwei Jahren fest angestellt werden. Die zweite Option würde ich aber nicht aus dem Blickfeld verlieren. Eventuell ergibt sich im Arbeitsverhältnis die Möglichkeit einer Industriepromotion. Sollte das Arbeitsverhältnis nach zwei Jahren tatsächlich enden, könnten Sie immer noch promovieren. Sie haben dann aber zwei Jahre Vorsprung im Berufsleben.

Ich studiere Agrarwissenschaft im Masterstudiengang (zweites Semester). Die Ausrichtung des Studiums erscheint mir nicht optimal. Deshalb überlege ich, an eine andere Hochschule zu wechseln. Was halten Sie davon?

Ich rate zum Verbleib an Ihrer jetzigen Hochschule, zumal sich Ihre Unzufriedenheit auf ein Fach bezieht. Halten Sie durch und garnieren Sie Ihr bisher in Regelstudienzeit durchgeführtes Studium mit einem berufsorientierten Industriesemester oder einer Industrie-Masterarbeit. Ein Hochschulwechsel erzeugt nur unnötigen Erklärungszwang. Er bringt für ein bis zwei Semester nicht unbedingt den nötigen Zugewinn.

Ich bin 29 Jahre alt und Maschinenbauingenieur. Meine jetzige Stelle habe ich gekündigt, weil es keine Weiterbildung gab und ich zu viel reisen musste. Wenn ich mich jetzt auf Stellen bewerbe, wie stelle ich das dar?

Sprechen Sie Ihre Entscheidung selbstreflektiert-kritisch an und wenden sie ins Positive. Dazu würde ich an Ihrer Stelle wie folgt argumentieren: Rückblickend wäre es natürlich besser gewesen, wenn ich aus ungekündigter Stellung einen neuen Arbeitsplatz gesucht hätte. Ich bin mit anderthalb Jahren Berufserfahrung genau der Richtige für Sie, weil ich Ihre Stellenanforderungen genau erfüllen kann und weil mich die Aufgabe sehr reizt. Ich suche eine langfristige Tätigkeit mit Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich bin 41, Maschinenbauingenieurin, konnte vier Jahre krankheitsbedingt nicht arbeiten. Danach bin ich fünf Jahre einer kaufmännischen Tätigkeit nachgegangen. Jetzt möchte ich mich auf eine Ingenieurstelle bewerben – doch wie „verstecke“ ich meine Auszeit?

Sagen Sie, dass Sie aus privaten Gründen eine Auszeit genommen haben. Ich würde auf meine Qualifikationen, persönlichen Erfahrungen, Stärken und hohe Motivation hinweisen. Bewerben ist immer auch Verkaufen. Wenn es sich um eine ausgeheilte Krankheit handelt, die keine Beeinträchtigung für den neuen Arbeitsplatz bedeutet, sind Sie nicht zur Wahrheit verpflichtet.

 

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