Bildung

Zwischen Königsweg und teurer Sackgasse  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 26. 10. 07, ws – Immer mehr Schulen richten Laptop-Klassen ein, in der Hoffnung, damit dem Pisa-Debakel zu entkommen und den Forderungen der Wirtschaft nach besser qualifizierten Auszubildenden zu entsprechen. Der didaktische Nutzen von Laptops ist unter Bildungsfachleuten umstritten.

Verschlechtern Computer die Schulleistungen unserer Kinder? Ist die forcierte Einführung von Laptops in den Unterricht, die von einzelnen Bundesländern gerade in Gang gesetzt wird, sinnvoll oder eine riesige Verschwendung von Geldern? Ausgehend von der Kritik amerikanischer Bildungsforscher steht auch hierzulande der Unterricht mit Laptops plötzlich unter Beschuss. Die Vorwürfe: Schüler in Laptop-Klassen lernen schlechter. Sie sind unkonzentrierter. Sie chatten während des Unterrichts oder hacken sich sogar ins Sicherheitssystem der Schule. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Repräsentative Studien, die den didaktischen Nutzen von Laptops einheitlich beurteilen, gibt es noch nicht. Das liegt vielleicht auch daran, dass ein Laptop kein didaktischer Heilsbringer sondern nur ein Werkzeug ist.

Aber es gibt an vielen Schulen Erfahrungen mit Laptop-Klassen und die sind, was die didaktischen Möglichkeiten betrifft, durchaus positiv: „Probleme wie Unkonzentriertheit oder Missbrauch tauchen nur dann auf, wenn Lehrer Laptops nicht didaktisch zielgerichtet einbinden“, berichtet Heike Schaumburg, Gastprofessorin für Erziehungswissenschaft an der Humboldt Universität Berlin.

Sie evaluiert seit Jahren die Einführung von Laptop-Klassen. „Wenn die Arbeit mit Laptops Teil eines vernünftigen didaktischen Konzepts ist, bietet sie viele Chancen.“ Die Schüler erwerben Medienkompetenz, die sie im Beruf brauchen. Sie können schneller und aktueller recherchieren, selbstständiger arbeiten und die Lehrer können den Unterricht durch digitale Animationen anschaulicher gestalten, individueller auf ihre Schüler eingehen und sich viel Kopierarbeiten ersparen.

Es habe sich zudem gezeigt, dass Schüler, die in der Schule viel mit Laptops arbeiten, weniger am Computer spielen und kritischer mit dem Inhalt von Websites umgehen, meint Richard Heinen, Ansprechpartner beim Verein „Schulen ans Netz“ und Chefredakteur des Portals „Lehrer-Online“.

Ist die kritische Diskussion also völlig verfehlt? „Nein, sie ist zum Teil gerechtfertigt“, sagt Martina Schmerr von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), „denn der sinnvolle Einsatz von Laptops im Unterricht bereitet an vielen Schulen noch Probleme. So funktioniert die Technik oft nicht und das ist für den Unterricht tödlich.“

Auch Heike Schaumburg hat dieses Problem beobachtet: „Der technische Support ist oft nicht genügend organisiert: Es dauert zu lange, bis defekte Geräte repariert sind.“ Laptops gingen oft nach wenigen Jahren kaputt. Zudem funktionierten die Funknetzwerke meist nicht einwandfrei.

Feste Planstellen für Technik und Koordination, die unbedingt notwendig wären, gibt es jedoch kaum, so Schaumburg. Dazu fehle meist das Geld. Und so müssen die Schulen improvisieren – und das geht zu Lasten der Lehrer.

„Lehrer werden bei der Einführung von Laptops oft allein gelassen“, beklagt Martina Schmerr. „Sie müssen sich um die Technik kümmern, angesichts mangelnder Fortbildungen selbst didaktische Konzepte entwickeln, zusätzlich zu vollen Lehrplänen und Reformen, die gerade im Nachhall von Pisa angestrengt werden. Viele Lehrer empfinden daher Laptop-Klassen als zusätzliche Belastung, der sie skeptisch gegenüberstehen.“

Verständlich, aber schade findet Richard Heinen von „Schulen ans Netz“, „denn sind die Hürden der Einführung genommen, machen Laptops den Unterricht einfacher, weil Schüler viel selbstständiger arbeiten“. Aber es mangele noch am Wissenstransfer von Lehrer zu Lehrer und von Schule zu Schule. Richard Heinen: „Es gibt viele gute didaktische Konzepte und technische Lösungen, aber von denen erfährt niemand und so erfinden viele Lehrer das Rad immer wieder von Neuem.“

Die von Heinen geleitete Plattform „Lehrer-Online“ will diese Lücke schließen. Sie bietet Konzepte und Materialien für den Online-Unterricht an und ermöglicht Lehrern den Austausch untereinander.

„Um wirklich ideale Rahmenbedingungen für die Nutzung von Laptops zu schaffen, müssten grundlegende Schulreformen angestrebt werden“, sagt Schaumburg. Dann könnten Laptops den Unterricht wirklich revolutionieren.

Es habe sich etwa gezeigt, dass Laptops einen selbst gesteuerten Unterricht unterstützen, der sich auf den Erwerb von Kompetenzen an Stelle von Wissen konzentriert. Schaumburg fordert feste Planstellen für den technischen Support und geeignete Arbeitsplätze für Lehrer an der Schule, damit die Kooperation einfacher wird.

Aber all das liegt noch in ferner Zukunft und bis dahin bleibt es den meisten Schulen selbst überlassen, sinnvolle technische und didaktische Notlösungen zu finden.

Ist der didaktische Nutzen wirklich so groß, dass sich der finanzielle, technische und zeitliche Aufwand lohnt? Hier scheiden sich die Geister. Martina Schmerr und der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, befürchten die noch ungeklärten gesundheitlichen Risiken von Wireless LAN, mit dem die meisten Schulen arbeiten. Zudem müssten die Eltern für die Finanzierung der Geräte oft selbst aufkommen. Es gibt zwar Sozialfonds, „aber viele Eltern schämen sich, dies einzufordern. So kommt es zu einem sozialen Ungleichgewicht“, sagt Kraus.

Heike Schaumburg hingegen befürwortet die Einführung. Von der Forderung „Laptops für alle“ hält sie jedoch auch nichts: „Laptop-Klassen sind nur an Schulen sinnvoll, in denen vernünftige Rahmenbedingungen herrschen und alle, Lehrer, Schulen, Eltern, den Unterricht mit Laptops befürworten.“

Ein Drittel der von Heike Schaumburg evaluierten Schulen habe den Laptop-Unterricht gut integriert, ein anderes Drittel sei sich noch unschlüssig, wie lange ihre Ressourcen reichen. Ein paar wenige hätten die Laptop-Klassen wieder abgeschafft und einige reduzierten den Unterricht auf Zweige, in denen Lehrer den Unterricht mit Laptops schätzen. Vermutlich sind solche individuellen Lösungen genau das Richtige. RITA SPATSCHECK

  • Rita Spatscheck

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