Bildung 03.08.2007, 19:29 Uhr

Wo Worte fehlen, hilft der Ingenieur  

VDI nachrichten, Königswinter, 3. 8. 07, cha – Seine eigenen Schwierigkeiten beim Erlernen von Fremdsprachen haben den Elektronik-Ingenieur Roland Stankewitz auf eine Geschäftsidee gebracht. Stankewitz schwebte ein kleines handliches Gerät vor, mit dem sich jederzeit und überall, zu Hause, im Büro und auf Reisen üben lässt, eine Art digitales Karteikartensystem. Mit vier befreundeten Ingenieuren machte er sich an die Entwicklung des mobilen Vokabeltrainers.

Wie so viele technisch Begabte tat sich Elektronik-Ingenieur Roland Stankewitz mit den „unlogischen“ Fremdsprachen schwer. Seine Tochter, erzählt der 50-Jährige, gucke zweimal auf ein Fremdwort – und schon behalte sie es. Für den Vater dagegen gilt: pauken. Vokabeln auf Karteikarten schreiben und immer wieder sich selbst abfragen.

Stankewitz musste schnell ziemlich viel Englisch lernen. Seine Firma schickte ihn als Anlagenbauer nach Skandinavien, Italien, in die USA und nach China, um nur einige der Einsatzorte zu nennen. Als Projektingenieur und später Projektleiter sollte er unter anderem die ausländischen Kunden schulen – auf Englisch. Der Fachwortschatz sei für ihn nicht das große Problem gewesen: Man habe schließlich genug Gelegenheiten, das nötige Vokabular nachzuschlagen und bei Dokumentationen und Mail-Korrespondenz schriftlich einzuüben. Aber abends beim Bier mit den Kollegen vermisste Stankewitz schmerzlich die Grundlagen.

Geboren und aufgewachsen in der DDR, hatte er in der Kindheit nur ein paar Brocken Englisch gelernt. „Unser Lehrer war jemand, der in der Kriegsgefangenschaft etwas von der Sprache aufgeschnappt hatte“, erinnert er sich. Außerdem würde er in der DDR eh nicht die Chance haben, das Gelernte anzuwenden, dachte der damals wenig motivierte Schüler. Die Chance ergab sich jedoch, als es Stankewitz gelang, noch vor der Wende auszureisen und mit seiner Familie nach Kiel zu kommen. Dort heuerte er bei einer internationalen Anlagenbaufirma an. Der Arbeitgeber schickte ihn zum Crashkurs. „Doch letztlich reicht das nicht aus“, sagt er: „Man muss parallel dazu den Wortschatz immer wieder üben.“

Als Ingenieur sei man bestrebt, automatisierte Lösungen für alle Probleme zu finden, so auch für das lästige Auswendiglernen. Stankewitz schwebte ein kleines handliches Gerät vor, mit dem sich jederzeit und überall, zu Hause, im Büro und auf Reisen üben lässt, eine Art digitales Karteikartensystem. Mit vier befreundeten Ingenieuren machte er sich an die Entwicklung des mobilen Vokabeltrainers. Einer schrieb die Software, einer ersann die Hardware, einer tüftelte an der Mechanik… Als Stankewitz aus familiären Gründen zurück nach Ostdeutschland zog, gründete er 1999 in Pinnow bei Schwerin mit den Partnern die Crammy GmbH.

Crammy kommt von „cram“, Englisch für „büffeln“. Das Gerät im Handyformat ist mit 10 000 Grundbegriffen einer Sprache geladen. Zur Auswahl stehen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Die Vokabeln erscheinen so lange auf dem Display abwechselnd in Deutsch und in der gewählten Fremdsprache, bis sich Bedeutung und Schreibweise eingeprägt haben. Der Nutzer stellt sich die Lektionen selbst zusammen oder sucht sich eines der vorgegeben Themen aus. Das Gerät passt sich dem individuellen Lerntempo an und fragt die weniger gekonnten Wörter öfter ab. Sämtliche Begriffe sind von Muttersprachlern vertont. Crammy ist seit Januar auf dem Markt, im Laufe des Jahres sollen zweisprachige Modelle dazu kommen und solche, die Sätze trainieren.

Berufstätige, die ihre Fremdsprachenkenntnisse aufbessern, also Leute wie er selbst, hat Stankewitz sich zur Hauptkundschaft erkoren. Rentner, die sich etwa in den Volkshochschulen auf den Urlaub vorbereiten, und Schüler sind weitere Zielgruppen. Die Bedürfnisse der jungen Menschen kennt er gut. Da seine Frau, eine Sozialpädagogin, ein privates Kinderheim betreibt, fragt Ersatzvater Roland Stankewitz oft die Lektionen der Zöglinge ab. Klar, gebe es inzwischen viele Lernprogramme für den PC. Aber für ihn selbst sei der Computer ein Arbeitsinstrument und für die Kinder mehr ein Spielzeug, so dass sich keiner so richtig für das Lernen am PC erwärmen kann. Andererseits haben sowohl Schüler als auch Berufstätige längere Warte- und Reisezeiten: Ob im Schulbus oder im Flugzeug, die es zu nutzen gilt. „Wenn es um mobiles Lernen geht, ist Vokabeln lernen das sinnvollste“, meint Stankewitz. „Für uns ist dies die Killer-Applikation.“

Die fünf Freunde haben die Entwicklung aus eigenen Mitteln finanziert, etwa 500 000 €. 1999, in der Blütezeit der New Economy, hofften sie noch auf Risikokapital. Mit dem Prototyp klopfte Stankewitz bei VC-Gebern und Business Angels an, wandte sich an Schul- und Wörterbuchverlage und Ministerien. Die Standardfrage dabei war, erinnert sich der Erfinder: „Hat es irgend etwas mit Internet zu tun?“ Nein. „Hat es irgend etwas mit Handy zu tun?“ Nein. „Dann kein Interesse.“ Nur wenn eine Idee sich bereits in Übersee bewährt hatte, wurde sie damals in Deutschland freudig begrüßt. Aber ein solches Produkt könne in Amerika gar nicht entstehen, weil es diesen Druck nicht gebe, Fremdsprachen zu lernen, wandte der Ingenieur ein: „Sie sprechen ja schon die Weltsprache Englisch.“ Vergeblich. Ein Bildungsexperte habe ihm sogar sofort vorgeschlagen, es im Ausland zu versuchen.

Einer der Partner sei daraufhin abgesprungen, die restlichen finanzierten jedoch Crammy bis zum Markteintritt mit den Erträgen ihrer Ingenieurbüros. Sie sind in ganz Deutschland verteilt, in Pinnow erfolgt nur die Endmontage, zurzeit mit zwei Mitarbeitern, und der Vertrieb. Die „virtuelle Firma“ erfordert gegenseitiges Vertrauen und Feingefühl in der Kommunikation, sagt Vieltelefonierer Stankewitz. Dabei helfen ihm die früheren Erfahrungen mit den Auslandskunden, die er auch meist aus der Ferne betreut hatte. Dazu kommen die Erkenntnisse aus seinem Zweitstudium der Sozialpädagogik. Das betreibt er seit einigen Jahren neben dem Beruf, um seine Frau im Kinderheim auch fachlich unterstützen zu können.

Jetzt sitzt der angehende Sozialpädagoge an seiner Diplomarbeit. Da bleibt wenig Zeit für das Hobby: Die Drachenboote. Sein Bruder baut seit einigen Jahren die traditionellen chinesischen Boote aus Kunststoff. Das Wettkampf-Paddeln bei Trommelschlag ist inzwischen zu einem Modesport geworden. Roland Stankewitz hilft dem Bruder, Drachenboote aus Pinnow in aller Welt zu verkaufen: Inzwischen kann er gut Englisch. Und wenn ihm einmal die Worte fehlen, schlägt er sie im Crammy nach. M. JORDANOVA-DUDA

Ein Beitrag von:

  • Matilda Jordanova-Duda

    Die Schwerpunkte der freien Journalistin sind: Industrie 4.0, Digitalisierung, Existenzgründer, Mittelstand, Energiewende, Firmenportrais, Migration, Bildung.

Stellenangebote im Bereich Hardwarenahe Programmierung

ZEISS-Firmenlogo
ZEISS Senior Lead Automation Architect (m/w/x) Oberkochen
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Development Engineer Systemtest (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System and Requirements Engineer (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Director Software Development Embedded Systems (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Entwickler Fahrerassistenzsysteme (m/w/d) Schwieberdingen
Hays-Firmenlogo
Hays Softwareentwickler (m/w/d) Großraum Münster
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Entwicklungsingenieur Systemtest (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Airbus Defence & Space-Firmenlogo
Airbus Defence & Space Galileo Systemingenieur (d/m/w) Raum Friedrichshafen
Capgemini Engineering-Firmenlogo
Capgemini Engineering Systemingenieur Autonomes Fahren (m/w/d) Wolfsburg
Capgemini Engineering-Firmenlogo
Capgemini Engineering Softwaretester Hardware In The Loop (HIL) Hochvoltspeicher Elektromobilität (m/w/d) München

Alle Hardwarenahe Programmierung Jobs

Top 5 Weiterbild…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.