Zukunft der Arbeit

„Wir müssen Lehrer zu Ingenieuren der Bildung machen“

Die rasante Technologieentwicklung bringt die Wirtschaft in immer größere Abhängigkeit von hoch qualifiziertem Personal. Nicht allein die Nachfrage nach Ingenieuren in Forschung und Entwicklung steigt, auch der Markt für Facharbeiter, die die hochkomplexen Anlagen steuern, wird expandieren. „Gegenwärtig stellen Bildung und Ausbildung einen massiven Engpassfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung dar“, mahnt Franz Lehner vom Institut Arbeit und Technik im Interview mit den VDI nachrichten.

VDI nachrichten: „Zukunft der Arbeit“ hieß jüngst ein Symposium des von Ihnen geleiteten Instituts Arbeit und Technik (IAT). Warum gerade jetzt die Veranstaltung?

Franz Lehner: Die Arbeitswelt befindet sich in einer radikalen Umbruchphase. Diese Phase wird durch zwei unterschiedliche Entwicklungen geprägt. Die erste Entwicklung ist die wachsende Abhängigkeit der Wirtschaft von qualifizierten und kreativen Arbeitskräften. Das gilt nicht nur für Forschung und Entwicklung, Marketing, Design oder Management, sondern auch für die alltägliche Produktion. Die Produktionssysteme in der Industrie und in den Dienstleistungen sind heute technologisch so hoch entwickelt, dass ihre Bedienung auch entsprechend hoch qualifiziertes Personal benötigt. Von diesem Personal werden insbesondere hohe Eigenverantwortung und hohe Problemlösungsfähigkeit bei der Bedienung und Überwachung moderner Produktionsanlagen verlangt. Die zweite Entwicklung ist der wachsende Mangel an qualifizierten Arbeitskräften . . .,

. . . der jetzt mit einer Lockerung der Zuwanderungsgesetze behoben werden soll.

Entgegen weit verbreiteten Vorstellungen ist das weder bloß ein demografisches Problem noch ein Problem, das man mit Migration ganz einfach lösen kann. Es ist vielmehr ein globales Problem des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage auf den Arbeitsmärkten. Da auch in den weniger entwickelten Volkswirtschaften der Anteil an technologisch anspruchsvollen Produkten und Prozessen steigt, gibt es auch dort eine rasch wachsende Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Sowohl in diesen Ländern als auch bei uns ist die Qualität von Bildung und Ausbildung oft nicht ausreichend, um diese Nachfrage zu befriedigen. Qualifizierte Arbeit wird weltweit knapp. Es kommt zu einem Paradigmenwechsel auf dem Arbeitsmarkt: Bisher galt das Motto: Arbeitskraft sucht Job, jetzt heißt es immer mehr: Job sucht Arbeitskraft. Jobs, die keine Arbeitskraft finden, verschwinden oder werden in andere Regionen und Länder verlagert. Das Gleiche gilt für die mit dem Job verbundene Wertschöpfung.

Wird die Bildung der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften entsprechen können? Was wird aus denen, die dem Innovationstempo nicht folgen können?

Gegenwärtig stellen Bildung und Ausbildung – und deren Qualität – einen massiven Engpassfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung dar: Angebot und Nachfrage klaffen oft auseinander. Das liegt vor allem daran, dass in den Schulen erstens mit veralteten Methoden, Stichwort Frontalunterricht, operiert wird, und dass viel zu viel ausgewählt und zu wenig gefördert wird, dass Curricula überfrachtet sind und wenig Chancen bieten, Schüler dort abzuholen, wo sie sind. Wenn man Schule mit der Industrie vergleicht, dann herrschen dort noch ziemlich frühindustrielle Verhältnisse: standardisierte Massenproduktion mit ziemlich einfacher Technik.

Wenn wir diese frühindustriellen Verhältnisse überwinden, in den Schulen moderne Methoden einführen und Lehrerinnen und Lehrer zu „Ingenieuren“ der Humankapitalentwicklung machen, werden nicht viele junge Menschen zurück bleiben und für diese gibt es dann genügend einfachere Tätigkeiten.

Gehört die Zukunft, wie das Wort bereits verdeutlicht, den sogenannten „Zukunftstechnologien“ wie Biotechnologie, IT und Energie? Wo bleiben die traditionellen Technikbranchen?

Hinter den Vorstellungen von Zukunftstechnologien steckt oft ein tiefgreifendes Missverständnis. Zukunftstechnologien werden mit neuen Branchen und neuen Märkten gleichgesetzt. Tatsächlich werden jedoch Zukunftstechnologien vor allem in den traditionellen Industriebranchen, wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie oder Bauwirtschaft, eingesetzt. Zukunftstechnologien schaffen also nicht nur neue Produkte und neue Märkte, sondern sie verändern die Entwicklung aller Wirtschaftszweige und deren Märkte.

Bleibt Deutschland ein wichtiger Produktionsstandort?

Nicht nur das. Deutschland wird als Produktionsstandort wachsen. Industrielle Produktion und Dienstleistungen werden immer mehr mit einander verknüpft. Das gilt nicht nur für „Hightech“-Industrien, sondern für alle Industriezweige, weil alle Zweige technisch hoch entwickelte Produktions- und Steuerungssysteme verwenden und anspruchsvolle Organisations- und Führungsstrukturen aufweisen. Das macht Produktionsstandorte auch zu attraktiven Dienstleistungsstandorten und zu wichtigen Dienstleistungsmärkten.

Sie sprechen von „intelligenter Industriearbeit“und „kreativer Fabrik“? Was steckt dahinter?

Intelligente Industriearbeit heißt erstens, dass die Arbeitskräfte in der Produktion in technisierte Produktions- und Steuerungssysteme eingebunden sind, deren Bedienung und Überwachung von ihnen verlangt, dass sie Probleme rasch erkennen und lösen können. Es heißt zweitens, dass die Arbeitskräfte in der Produktion mit ihrem Erfahrungswissen immer mehr in die Organisationsentwicklung, insbesondere in die Sicherung und Steigerung von Qualität und Produktivität, eingebunden werden. Es heißt drittens, dass Arbeitskräfte in der Produktion verstärkt an der Produkt- und Prozessentwicklung beteiligt werden, um bei neuen Produkten ein gutes „design-to-manufacturing“ und damit eine rasche und reibungslose Skalierung von neuen Produkten zu sichern, und um neue Prozesse möglichst rasch und reibungslos zu implementieren.

Überspitzt formuliert: Werden künftig nur noch Ingenieure und keine Facharbeiter mehr benötigt?

Die moderne Industrie braucht Ingenieure anderes akademisch qualifiziertes Personal für die Entwicklung und das Management technisch hoch entwickelter Produktions- und Steuerungssysteme sowie qualifizierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter für deren Bedienung und Überwachung.

Wie wird der deutsche Arbeitsmarkt beschaffen sein? Werden „preisgünstige“ Ingenieure aus anderen Ländern im Zuge der Arbeitsmarktöffnung deutschen Spezialisten den Rang streitig machen?

Da selbst in Entwicklungsländern der Anteil an technologisch hoch entwickelten Produkten und Prozessen rasch zunimmt, gibt es die „preisgünstigen“ Ingenieure aus anderen Ländern allenfalls in kurzen Übergangszeiten im Zusammenhang mit der Öffnung von Arbeitsmärkten. Auch in den anderen Ländern gibt es die preisgünstigen Ingenieure nur für kurze Zeit – mit der Nachfrage und den Mobilitätsmöglichkeiten steigen die Preise für Ingenieure überall. Die realen Gehälter von hoch qualifiziertem Personal werden sich in einem relativ kurzen Zeitraum von ein oder zwei Jahrzehnten global anpassen.

Deutsche Arbeitnehmer profitierten in der Vergangenheit kaum oder gar nicht von Wachstumsphasen. Ist eine Aufwertung der Arbeit nötig?

Die Arbeit wird gegenwärtig rasch aufgewertet. Das wird sich auch in den Gehältern niederschlagen. Allerdings muss dazu auch der Staat einen Beitrag leisten, in dem er dafür sorgt, dass Arbeit gegenüber den anderen Produktionsfaktoren, Kapital und Ressourcen, nicht weiterhin massiv benachteiligt wird. Sonst verdienen die Arbeitnehmer brutto mehr, aber netto bleibt, wie in den vergangen Jahren und Jahrzehnten, kaum mehr übrig.

Werden KMU im Wettbewerb um „kluge Köpfe“ gegenüber Konzernen weiter an Boden verlieren?

Nicht unbedingt, aber sie müssen sich etwas einfallen lassen, um mit den Konzernen mithalten zu können. Sie müssen früher als die großen Konzerne mit ihrer Arbeitsorganisation und ihren Führungsstilen auf veränderte Anforderungen und Interessen qualifizierter Arbeitskräfte reagieren, mehr für Familien tun und gemeinsam bessere Weiterbildungsangebote entwickeln.

Zitat Lehner: „Häufig fehlt es an intelligenten Führungskräften, die intelligente Arbeitsplätze schaffen.“ Haften deutsche Manager zu sehr an überkommenen Handlungsmustern?

Nicht nur das. Sie folgen zudem immer mehr standardisierten Routinen und Strategien. Sie überlassen zu viel den IT-Systemen, den von den Unternehmensberatern propagierten Organisationsmodellen und Strategien sowie den Urteilen der Analysten. Führung verkommt so oft zu einem „Massenprodukt“, das auch noch an Unternehmensberater „outgesourct“ wird.

Von Wolfgang Schmitz

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