Bildung

„Wir müssen in Deutschland mehr Aufstiegschancen ermöglichen“

Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, sieht die Gefahr der sich spreizenden Einkommensschere in Deutschland und bemängelt die fehlende Dynamik in der Gesellschaft. Im Interview erklärt er, wie es durch das Engagement der Vodafone-Stiftung gelingen soll, Kindern aus sogenannten bildungsfernen Schichten soziale Mobilität zu ermöglichen.

VDI nachrichten: Warum setzt die Vodafone-Stiftung ihren Schwerpunkt auf den Bereich Bildung und die Verbesserung von Bildungschancen für Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten?

Mark Speich: Wenn wir auf der einen Seite sehen, dass unsere Gesellschaft seit Beginn der 90er-Jahre tendenziell ungleicher wird und die Schere der Einkommen auseinandergeht, wir aber auf der anderen Seite sehen, dass unsere Gesellschaft wenig Dynamik kennt, statusfixiert ist und weniger Aufstiegsmöglichkeiten bietet als andere OECD-Staaten, stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung nicht in hohem Maße problematisch ist und ob sie nicht sogar mindestens mittelfristig die Akzeptanz unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung infrage stellt. Wir müssen in Deutschland mehr Aufstiegschancen ermöglichen.

Das Thema ist ja nicht neu. Warum hat sich so wenig getan in den letzten Jahrzehnten?

Weil das Thema hochkomplex ist, man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und damit ist es getan. Das hat damit zu tun, dass die wesentlichen Grundlagen für Chancenentwicklung immer noch in der Familie gelegt werden.

Die Frage ist, warum es anderen Ländern besser gelingt, Talente zu entfalten. Das hat auch damit zu tun, dass wir uns lange Zeit, wenn wir auf den Bildungsbereich schauen, auf die ganzen Strukturfragen konzentriert haben. Seit Mitte der 60er-Jahre gibt es Schulstrukturdebatten. Dabei haben wir aus dem Blick verloren, dass es vielleicht unterhalb dieser Strukturfrage konkrete Verbesserungsmöglichkeiten gibt, die gerade den Schülern zugutekommen, die weniger gute Startbedingungen haben.

Wo soll denn angesetzt werden?

Es gibt verschiedene Phasen im Bildungsverlauf, die wichtig sind: Zum einen wissen wir, dass die Frage eines frühen Kindergartenbesuchs für solche Kinder wichtig ist, die weniger gute Deutschkenntnisse mitbringen, ob mit oder ohne Zuwanderungsgeschichte. Die Frage ist, wie kann man den Prozentsatz an Kindern erhöhen, ohne staatliche Bevormundung. Der zweite, ganz entscheidende Faktor, und das ist der Faktor, auf den sich unsere Stiftung zurzeit konzentriert, ist der Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule. Hier gehen Talente in hohem Maße verloren.

Woran liegt das?

Weil hier sozusagen eine zweifache Benachteiligung der Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien zum Tragen kommt: Die erste liegt in der Empfehlung des Lehrers, der selbst bei Leistungsgleichheit – und das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen – jedenfalls dazu neigt, Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien eher einer Schulform zuzuweisen, die unterhalb des Gymnasiums liegt.

Es gibt Untersuchungen, die nachweisen, dass Kinder, die einen Akademiker in der Familie haben, bei Leistungsgleichheit zweieinhalbmal häufiger eine Gymnasialempfehlung bekommen als Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Ein Motiv ist, den Kindern ein späteres Scheitern ersparen zu wollen. Der Lehrer sieht, dass die familiären Ressourcen nicht im gleichen Maße gegeben sind wie bei Akademikerkindern. Er will das Scheitern ersparen, es handelt sich also um einen wohlwollenden Paternalismus, der allerdings dazu führt, dass Entwicklungschancen abgeschnitten werden.

Der zweite Faktor ist die Entscheidung der Eltern, jedenfalls in den Bundesländern, wo die Elternentscheidung noch eine Rolle spielt, weil Eltern, die man eben als bildungsfern bezeichnet, selbst dann, wenn eine Gymnasialempfehlung ausgesprochen wird, zu einem sehr viel höheren Prozentsatz dazu neigen, diese Entscheidung zu unterschreiten.

Wie lässt sich denn etwas verändern?

Die Frage ist, kann man dem Lehrer, der ja eine solche Entscheidung in Papierform vornimmt, etwa durch die Gestaltung eines Formulars – und es gibt Verhaltensökonomen, die genau daran arbeiten – die Tragweite und möglicherweise auch seine eigene Voreingenommenheit stärker bewusst machen, um ihn zu einer abgewogenen Entscheidung hinzuführen.

Was ist mit den Eltern?

Wie können wir die Eltern zu einer Bildungsentscheidung ermutigen, die eben optimal für die Kinder ist, auch wenn sie den eigenen Bildungshorizont der Eltern übersteigt? Hier denken wir im Rahmen unseres Programms Vodafone Talente über neue Formen der Ansprache der Eltern nach.

Bislang ist es oft noch so, dass sie über klassische Formate wie Elternabende, Ratgeber oder Elternrundbriefe angesprochen werden. Das erreicht Eltern, die aus einem wenig bildungsbürgerlichen Hintergrund kommen, nicht optimal. Wir denken über alternative mediale Formen nach, um den Eltern die Schwellenangst zu nehmen. Wir sind in einige Schulen mit Problemen gegangen, in Berlin-Neukölln, Offenbach und in Duisburg, und haben Lehrerkollegien gebeten, über innovative Ansätze der Elternansprache nachzudenken.

Wir haben den Schulen einen gewissen Betrag gegeben, den sie völlig frei einsetzen können, um solche gedanklichen Formen zu entwickeln. Zurzeit setzen die Schulen die gewonnenen Erkenntnisse um.

Was konkret passiert an den Schulen?

Unsere Partnerschule in Duisburg etwa setzt auf die intensive und dauerhafte Einbindung interkultureller Beraterinnen, die sich täglich an der Schule aufhalten und ab der ersten Klasse aktiv auf Eltern mit Migrationsgeschichte zugehen und diese – neben den üblichen Elternabenden – in der Begleitung der Lernentwicklung ihrer Kinder unterstützten.

Auch die Schule in Offenbach arbeitet mit „Elternlotsinnen“, die die Eltern vom Zeitpunkt der Schulanmeldung, während der verschiedenen Informationsveranstaltungen, auf Elternabenden, bei der Einschulung begleiten und jederzeit für die Eltern erreichbar und ansprechbar sind.

Die Berliner Partnerschule gibt den Eltern bereits zum Zeitpunkt der Einschulung ein „Starterkit“ an die Hand, einen „freundlichen Ordner“, in dem die Eltern die Zeugnisse, die Ergebnisse von Beratungsgesprächen und die Entwicklung ihres Kindes dokumentieren sollen. So soll frühzeitig ein Bewusstsein für die gemeinsamen Ziele und die jeweiligen Rollen der Kinder, Eltern und Lehrkräfte geweckt werden.

Gibt es eine Public-private-Partnership, inwieweit ist das Schulministerium NRW oder andere politische Instanzen im Boot?

Das Schulministerium NRW, das hessische Kultusministerium und der Bezirksbürgermeister von Neukölln haben die Projektinitiative von Anfang an sehr begrüßt und unterstützten diese in ihrer Rolle als ideelle Förderer.

Nach der Evaluation im Sommer des kommenden Jahres, also dann, wenn wir wissen, welche Instrumente sich in der Praxis bewährt haben, sollen weitere Schulen hinzukommen. Ziel des Projekts ist es ja, eine neue Elternarbeitskultur vorzuführen und möglichst viele Schulen zum Nachmachen zu animieren. In NRW führen wir derzeit Gespräche, wie sich die Ansätze des Programms „Vodafone Talente“ mittelfristig in die Flächen bringen lassen. Das Thema schulische Elternarbeit steht ohne Frage auf der politischen Agenda.

Von Claudia Hantrop

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