Bildung

Wir brauchen künftig Ingenieure mit mehr Weitblick

Ressourcenvergeudung, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung sind die drängendsten Probleme der Zukunft. Wer, wenn nicht die Ingenieure, muss dafür Lösungen finden? Dazu aber muss ihre Ausbildung weitsichtiger werden, fordert Prof. Michael Jischa.

Die Weltbevölkerung wird von heute 6 Milliarden auf etwa 10 Milliarden bis 2050 zunehmen. Die entscheidende Frage lautet, wie sie nachhaltig mit Energie, Rohstoffen und Nahrung versorgt werden kann. Während von 1900 bis heute die Bevölkerung „nur“ um den Faktor 3,5 gewachsen ist, hat der Welt–energieverbrauch in dem gleichen Zeitraum um das 13fache zugenommen. Dieser Trend ist nahezu ungebrochen. Die Entsorgungsfalle ist eine Folge davon: Verschmutzung des Bodens, der Gewässer und der Luft, Treibhauseffekt, Ozonloch, Waldsterben, Artensterben, Müllberge und großtechnische Katastrophen.
Wie haben wir, die Ingenieure, auf die Bedrohung der Zukunftsfähigkeit reagiert? Wir haben Umweltschutztechnik und Ressourceneffizienz perfektioniert. Recycling und Entsorgungstechnik sind in Lehre, Forschung und Wirtschaft etabliert. Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit hat über politische Sonntagsreden und Vor- worte in Umweltberichten hinaus zu einer weitgehenden Versöhnung von Ökologie und Ökonomie geführt. Recycling entlastet nicht nur die Umwelt, es entschärft auch die Versorgungsfalle und ist betriebswirtschaftlich sinnvoll. Anfangs belächelte Strategien wie „Faktor Vier“ oder gar „Faktor Zehn“ zur Verbesserung der Ressourceneffizienz sind heute Allgemeingut geworden.
Nur sollten wir dies nicht für die alleinige Lösung des Problems halten. Denn die Erfahrung lehrt, dass technische Fortschritte bisher stets durch wachsende Ansprüche und damit erhöhte Verbräuche kompensiert, teilweise gar überkompensiert worden sind. Diesen Bumerang-Effekt können wir nahezu allenthalben beobachten. Die spezifischen Verbräuche von Otto- und insbesondere Dieselmotoren sind drastisch gesenkt worden. Höhere Ansprüche an Komfort, Sicherheit, Beschleunigung und Geschwindigkeit haben dies kompensiert, so dass der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch seit Jahrzehnten nahezu konstant geblieben ist. Die Zunahme der Geschwindigkeiten auf Schiene und Straße, zu Wasser und in der Luft hat nicht dazu geführt, dass wir Zeit einsparen. Tatsache ist, dass wir seit Jahrzehnten etwa die gleichen Verkehrszeiten in Anspruch nehmen bzw. erdulden. Der technische Fortschritt hat nur dazu geführt, dass wir in der gleichen Zeit größere Entfernungen zurücklegen.
Folglich reicht die Effizienzstrategie nicht aus, sie muss durch eine Suffizienzstrategie ergänzt werden. Ein 3-l-Auto zu bauen ist gut und richtig. Nachhaltiger wird dies aber erst durch einen Fahrer mit 3-l-Bewußtsein und durch 3-l-Rahmenbe-dingungen wie Tempolimit und höhere Kraftstoffpreise. Ein Tempolimit würde Verbrauch und Emissionen, Verschleiß und Lärm, Unfallgefahr und Stress reduzieren, den Verkehrsfluss verstetigen und die Verkehrsdichte (Fahrzeuge pro km Straße) erhöhen. Ohne höhere Preise für fossile Primärenergieträger, aus Wettbe-werbsgründen möglichst in der Triade der drei Welthandelsblöcke realisiert, wird nachhaltiges Wirtschaften nicht möglich. Die Behauptung, Energiepreissteigerungen seien unsozial, geht angesichts der Tatsache, dass bei uns über 50 % der gefahrenen Personenkilometer durch Freizeit, Ferien und Vorruhestand bedingt sind, an der Realität vorbei. Der überbordende Lkw-Verkehr ist dank heutiger Rahmenbedingungen betriebswirtschaftlich sinnvoll, jedoch volkswirtschaftlich unsinnig und eine ökologische Katastrophe.
Wer an veränderten Rahmenbedingungen nicht interessiert ist, der reduziert die Suffizienzstrategie gerne auf eine Ethik-X- Debatte, wobei X für Wirtschaft, für Technik, für Wissenschaft oder für Medizin stehen kann. Der Ruf nach dem besseren Menschen ist stets ein Zeichen von Rat- und Hilflosigkeit, er verdeckt die Probleme, er ist erwiesenermaßen wirkungslos. Moralische Appelle überfordern stets. Wenn schon Ethik-Debatte, dann um eine bessere Balance zwischen Gemeinwohl und Eigennutz zu initiieren – hier liegt eine lohnende Aufgabe für die Kirchen.
Wie sollten die Verantwortlichen für Lehre, Forschung und Weiterbildung auf die Herausforderungen Nachhaltigkeit sowie die zunehmende Komplexität, Unsicherheit und Ungewissheit angesichts der Dynamik des technischen Wandels reagieren? Zunächst haben wir die Zahl der Studiengänge geradezu explosionsartig vermehrt. Aus Begriffen wie Umwelt, Energie, Prozess, Engineering, Produktion, Design, Kommunikation, Management und Wirtschaft lassen sich mühelos diverse Bindestrich-Studiengänge kreieren. Einige wenige davon mögen sinn- und gehaltvoll sein. Viele sind verwässert, haben kein klares Profil oder sind schlicht Etikettenschwindel.
Wir brauchen Ingenieure mit mehr Weitblick. Daher wäre es besser und ehrlicher, Studiengänge wie etwa Maschinenbau und Elektrotechnik, wie Physik und Chemie mit einführenden Vorlesungen in Ökonomie und Recht, in Ökologie und Systemtheorie, in Technikbewertung und Ethik, in Informations- und Kommunikationstechnik anzureichern. Der VDI schlägt in seiner Empfehlung „Ingenieurqualifikation im Umbruch“ vor, dafür 20 % der Studieninhalte zu reservieren. Keinesfalls sollten die trendinvarianten Grundlagen gekürzt werden, denn genau diese ermöglichen ja erst die Einarbeitung in künftig immer rascher sich verändernde Tätigkeitsfelder.
An der TU Clausthal sind inzwischen drei solcher Vorlesungen – „Herausforderung Zukunft“, „Technikbewertung“ sowie „Dynamische Systeme in Natur, Technik und Gesellschaft“ – zu Pflichtvorlesungen geworden. Der Zulauf ist enorm. Auch an anderen Hochschulen gibt es erste Ansätze, das Leitbild Nachhaltigkeit und dessen Operationalisierung durch Technikbewertung in Lehre und Forschung zu etablieren.
Das Leitbild Nachhaltigkeit bietet die Chance, die Welt der Natur- und Ingenieurwissenschaften einerseits sowie die der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften andererseits über die entscheidende Frage zusammenzuführen: Wie werden und wie wollen wir morgen leben? Denn die ökologischen und sozialen Probleme sind von solcher Dimension, dass alle wissenschaftlichen Disziplinen einen Beitrag zu ihrer Lösung leisten müssen. Die Deutsche Gesellschaft Club of Rome möchte versuchen, insbesondere junge Wissenschaftler zu interdisziplinären Gesprächsrunden in neutraler Atmosphäre zusammenzubringen. MICHAEL F. JISCHA
Klassische Studiengänge wie Maschinenbau und Elektrotechnik sind nicht überflüssig geworden.
Sie müssen nach Ansicht von Michael Jischa, Professor für Technische Mechanik an der TU Clausthal, allerdings um Fächer aus Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft und Ethik erweitert werden.

Von Michael F. Jischa
Von Michael F. Jischa

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