Bildung

Wenn Unternehmen aus der „Bildungsreserve“ schöpfen  

In Hamburg haben sich Unternehmen, Schulen und die Agentur für Arbeit zu einem Modellprojekt zusammengeschlossen, das Hauptschulabgänger in die ungeförderte Betriebsausbildung bringt. Und da zurzeit das Thema gescheiterte Integration wieder in aller Munde ist, bleibt festzuhalten, dass es Migranten und Zuwanderer gibt, die gut ausgebildet sind. Dieses Potenzial zu erschließen, ist eine Herausforderung. VDI nachrichten, Königswinter, 30. 1. 09, cha

Im Jahr 2025 bewerben sich Arbeitgeber bei den Jugendlichen und überbieten sich mit Dienstwagen und Firmenboni, um einen Azubi zu ergattern¿ Wegen des demografischen Wandels bekommen nun öfter Bewerber „aus der zweiten Reihe“ ihre Chance: mit Hauptschulabschluss oder nicht ganz so perfektem Deutsch. Andreas Wißing, Ausbilder bei der Deutschen Telekom in Recklinghausen, schwärmt von der besten seiner 52 Auszubildenden: „Der einzige Fall seit Langem bei der Telekom, dass eine Übernahmegarantie noch vor dem Abschluss gegeben wurde.“ Sie wird ihre Ausbildung zur Kauffrau für Dialogmarketing um ein Jahr abkürzen. Dabei hatte man ihr anfangs nicht mal zugetraut, überhaupt durchzuhalten. Das Mädchen kam von der Hauptschule und hatte nicht die besten Noten. „Es lohnt sich, das niedrigste Bildungssegment auszuschöpfen“, sagte Wißing kürzlich beim Zukunftskongress der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA): Denn da gebe es viele Senkrechtstarter.

Veränderte Auswahlverfahren, die auf längere und individuelle Beobachtung der Kandidaten setzen, sind hier ein Schlüssel. „Eine 5 in Deutsch wäre ja normalerweise ein K.o.-Kriterium“, erzählt der Essener Ausbildungsleiter der Telekom, Dieter Duchewitz: „Wir hatten einen Bewerber, der hochbegabter Mathematiker war. Da er erst kürzlich eingewandert war, konnte er nur schlecht Deutsch. Wir haben mit ihm vereinbart, dass er einen Sprachkurs besuchen wird.“ In Hamburg haben sich Unternehmen, Schulen und die Agentur für Arbeit zu einem Modellprojekt zusammengeschlossen, das seit acht Jahren Hauptschulabgänger in die ungeförderte Betriebsausbildung bringt. „Wir kümmern uns nicht um Zeugnisse“, sagt der Projektleiter der Otto Group, Gerd Knop, denn die seien bei dieser Klientel wenig relevant. Wichtig sei: „Was kann ich und wozu habe ich Lust?“ Für Knop ist ausbildungsgeeignet, „wer aktiv nach einer Stelle sucht“.

Die Bundesanstalt für Arbeit sieht das anders. „Leute, die wir im Hamburger Anschlussmodell als Top-Kandidaten eingestuft haben, werden von der BA als lernbehindert geführt.“ Der Grund: Die Standard-Tests seien für Muttersprachler gedacht und benachteiligten Einwanderer. Bewährt hätten sich außerdem Vorbereitungskurse für Schüler mit schlechten Leistungen und unzumutbarem Verhalten. Lufthansa als Teilnehmer des Hamburger Modells etwa lade Lehrer ein, die ins Unternehmen kommen und den Praktikanten zusätzlichen Unterricht in den Hauptfächern erteilen: Danach schafften sie, so Knop, allesamt den Übergang in eine normale Ausbildung. Als der Blaumann als Schulkleidung verordnet wurde, wurden auch die Probleme mit der Disziplin selten.

Vor dem Auswahlgespräch bekommen junge Bewerber bei der Telekom einen Anruf: Von den Telekom-Azubis im zweiten Jahr. Sie geben Tipps, z. B. zur Kleidungswahl. „Dann sieht man“, so Duchewitz, „ob jemand beratungsresistent ist, wenn er doch in zerrissenen Jeans erscheint.“ Auch beim Gespräch sitzen ältere Azubis mit am Tisch. Durchgefallene Kandidaten sollen nicht mit Floskeln abgefertigt werden: „Wir unterhalten uns darüber, was sie künftig besser machen könnten.“ Einigen wird ein Jahrespraktikum angeboten: Wer durchhält, bekommt eine Lehrstelle.

Für eine individuelle Bildungslaufbahnberatung von der Schule bis zum Renteneintritt setzt sich Yasemin Karakasoglu, Professorin für interkulturelle Pädagogik an der Uni Bremen, ein. Sie soll flächendeckend und unabhängig sein, informell erworbene Kompetenzen erfassen und sich mit ausländischen Abschlüssen auskennen. Davon ist man heutzutage noch weit entfernt, eine gute Beratung eher Glückssache, erklärten Teilnehmer des diesjährigen „Forum Migration“ in Bonn. Enis Cetin beispielsweise hatte Mathematik und Ingenieurwesen in Istanbul studiert und als Informatiker bei einem Großunternehmen gearbeitet. Er kam nach Deutschland, um zu heiraten und saß im Integrationskurs mit Analphabeten zusammen. Jetzt wartet er auf die Anerkennung seines Diploms. „Ich weiß noch nicht, ob ich mich Mathematiker, Ingenieur oder Informatiker nennen darf“, sagt Cetin.

Tanja Eisner hatte mehr Glück: Ihre Studienscheine in Mathematik aus der Ukraine wurden an der Uni Tübingen anerkannt. „In Jura oder Geschichte hätte ich mehr Schwierigkeiten damit“, sagt Eisner. Aber da sie in der Heimat – wie dort üblich – nur ein einziges Fach studiert hatte, musste sie in Tübingen einiges nachholen. Dabei fiel die Migrantin einem Professor auf, bei dem sie dann promovieren durfte. Nun habilitiert die 28-Jährige und ist zudem Gleichstellungsbeauftragte ihrer Fakultät.

MATILDA JORDANOVA-DUDA

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