Bildung

Visionen machen Strategien Platz  

Mit der Euphorie ums multimediale Lernen ist es vorbei. Den Hochschulen fehlt das Geld und den Professoren oft der gute Wille zum Mitmachen. Der elektronische Support muss zur Chefsache werden, wenn er Zukunft haben soll.

Kühn waren die Voraussagen, aber nur wenige zweifelten daran: „Im Jahre 2005 wird jeder zweite Hochschüler nur noch am Computer studieren!“ Solche Prognosen stellten Pioniere des multimedialen Lernens wie der Kölner Politikprofessor Wolfgang Leidhold.

Das war die Stimmung, in der Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn seit 2001 mit 185 Mio. ? aus der Versteigerung der Mobilfunk-Lizenzen (UMTS) mehr als 100 Projekte für „Neue Medien in der Hochschullehre“ unterstützte. Gleichzeitig legte etwa die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich satte 175 Mio. CHF für ETH World zurück, die virtuelle Universität der Elite. Schon bald platzte die Internetblase der New Economy. Seither sind auch die größten Träume des E(lectronic)-Learning ohne Grenzen von Raum und Zeit verflogen.

Als die Technische Hochschule Aachen vor einigen Tagen mit einem internationalen Kongress ihr „Centrum für integrative Lehr-/Lernkonzepte (CiL)“ eröffnete, ein E-Learning-Center um den Informatikprofessor Ulrik Schroeder, da standen für die Schrittmacher ein Strategiewechsel und ein Neuanfang auf dem Programm. Das CiL solle als integrierende Einheit dienen, um die zentralen Hochschul-Einheiten in Fragen des E-Learning näher zusammen rücken zu lassen, erläuterte RWTH-Rektor Burkhard Rauhut.

Helmut Hoyer, Leiter des Centrums für E-Competence in Nordrhein-Westfalen und Rektor der FernUniversität Hagen, betonte den Wert von Kontinuität: „Alle Projektförderungen, die stets nach ein paar Jahren auslaufen und regelmäßig ohne Anschlussfinanzierung bleiben, sind ein Irrweg.“ Auch innerhalb der Hochschulen mündete die „Pionierphase“ bis heute nicht im „Regelbetrieb“, wie Helmut Hoyer kritisch feststellte. Das gilt ebenfalls für ETH World, räumte Programmleiter Bernhard Plattner ein: „Wir haben eine Gesamtvision, aber noch keine verabschiedete Gesamtstrategie, aus der sich klare Maßnahmen zur Umsetzung ergeben.“

Um vor allem unter den Lehrenden den nötigen Widerhall zu finden, müssen die virtuellen Medien nach Meinung der Veranstalter zentral und mit Ausstrahlung auf alle Fächer an die jeweilige Hochschulleitung angebunden werden. In Zürich, Darmstadt und neuerdings auch Aachen ist das der Fall. Der Charme dieser Einrichtungen liegt darin, dass ihre Leiter davon nicht leben wie zusätzliche Institutsdirektoren neben Hunderten anderer, sondern sich nebenamtlich als „Animateure“ für E-Learning einsetzen.

Dabei müssen Prototypen von elektronischen Lerneinheiten schon wegen der Produktionskosten möglichst standortübergreifend entwickelt und verwendet werden. Ein Modul von einer Stunde Laufzeit kostet in der Herstellung schnell mehr als 5000 ?.

Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) fordert deshalb schon seit einigen Jahren, dass die Hochschulen „mit der IT-Wirtschaft und sogar mit der Unterhaltungsindustrie“ zusammenarbeiten. Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) spitzte gelegentlich zu: „Die Professoren werden Content Provider, also Ideengeber und Textautoren in einer Wertschöpfungskette, zu der ebenfalls professionelle Softwarehersteller und Marketingspezialisten gehören.“ Auf dem Aachener Hochschulkongress war die Wirtschaft aber höchstens als Sponsor, nicht aber als Partner in einem Joint-Venture präsent.

„E-Learning muss sich bezahlt machen“, sagte Ehler Lange von der (privaten) Weiterbildung bei IBM. „Die entscheidende Frage ist immer: Welches Business-, welches Qualifizierungs-Problem können wir damit besser lösen?“ Die staatlichen Präsenzhochschulen antworten darauf bislang höchstens verlegen. Obwohl beim Bachelorstudium Multimediaprodukte gewiss nützlich sind. Persönliche Lehrkapazitäten könnten sich dann stärker auf fortgeschrittene Studierende konzentrieren.

„Führungskräfte bildet man im unmittelbaren Gedankenaustausch aus“, erläutert Klaus Brockhoff, langjähriger Rektor der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz. „Das funktioniert nicht irgendwann über ein Standardprogramm auf irgendeinem Bildschirm, sondern immer nur just here, right now.“ HERMANN HORSTKOTTE

Von Hermann Horstkotte

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