Bildung

Vertrauen ersetzt Wissen

Angesichts immer komplexer werdender technischer Systeme spielt Wissen über sie eine zunehmend geringere Rolle. Stattdessen ist Vertrauen in Technik gefragt, meint Gerhard Fuchs, Sozialwissenschaftler an der Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung und Autor des folgenden Beitrags.

Dass Technik Vertrauen benötigt, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen. Soll Technik nicht gerade so etwas Irrationales wie Vertrauen überflüssig machen und durch Wissen ersetzen? In der letzten Zeit stößt man aber immer wieder auf die Aussage „Wir brauchen mehr Vertrauen in die Technik!“ Insbesondere bei E-Commerce (Elektronischer Geschäftsverkehr) wird von nationalen Regierungen wie internationalen Organisationen ‚mangelndes Vertrauen“ als Hindernis für die weitere, schnelle Verbreitung namhaft gemacht.
Wie Umfragen zeigen, wird die Sicherheit der technischen Systeme von privaten wie geschäftlichen Kunden tatsächlich angezweifelt. In einer Umfrage unter deutschen Konsumenten sagten 60 % der Befragten, dass sie kein Vertrauen in die Sicherheit von elektronischen Transaktionen haben. Ergebnisse einer Umfrage unter geschäftlichen Nutzern zeigen ein ähnliches Unbehagen. Als die größten Hürden für eine weitere Verbreitung wurden die „Abwesenheit allgemein üblicher Geschäftsgepflogenheiten“ (71,1 %), „regulatorische Defizite, beispielsweise für elektronisch signierte Verträge“ (70 %), „ungeklärte rechtliche Aspekte“ (66,8 %) sowie „keine sichere Zahlung über das WWW“ genannt.
Sind das Anzeichen mangelnden Vertrauens? Wer vertraut, hegt Erwartungen und verlässt sich auf das Eintreten dessen, was er erwartet. Der Vertrauende ist sich keinesfalls sicher, handelt jedoch, als ob das, was er erwartet und worauf er vertraut, eintreten wird. Er erbringt eine „riskante Vorleistung“, d.h., er verzichtet darauf, sich auf das eventuelle Nichteintreten seiner Erwartungen vorzubereiten, auch wenn ihm grundsätzlich bewusst ist, dass es nicht sicher ist, dass seine Erwartungen eintreten werden.
Vertrauen ist also ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Der Wissende braucht nicht zu vertrauen, weil er ja qua definitionem sicher ist. Der Nichtwissende kann hingegen vernünftigerweise auch nicht vertrauen, weil er sich eventueller Risiken gar nicht bewusst ist.
Gerade bei technischen Systemen stellt sich das Problem, trotz der Fülle an Informationen, die prinzipiell verfügbar sind, aber nicht verarbeitet werden können, handlungsfähig bleiben zu können. Wir wissen von der Mehrzahl der technischen Anwendungen, die wir nutzen, nicht, wie sie funktionieren. Und trotzdem sind sie selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags. Dies gilt für Waschmaschinen und Hifi-Geräte ebenso wie für komplexe Systeme wie die Energieversorgung, Personennahverkehrssysteme, Kommunikationssysteme. Ohne Vertrauen in Personen und technische sowie die damit verbundenen sozialen Systeme wären moderne Gesellschaften und ihre Mitglieder kaum überlebensfähig.
Die Undurchschaubarkeit vieler Techniken stellt – solange sie funktionieren – für die meisten Nutzer kein besonderes Problem dar. Unser alltäglicher Umgang mit technischen Artefakten und Systemen basiert in der Regel nicht auf umfassendem Wissen über deren Funktionsprinzipien und damit verbundenen Risiken. Vielmehr erwarten und vertrauen wir, ausgestattet mit einem mehr oder weniger breiten „Halbwissen“, dass sie entsprechend unseren Erwartungen funktionieren.
Das Vertrauen, das in ein technisches System gesetzt wird, steht in keiner eindeutigen Beziehung zur Verlässlichkeit der Technik oder zum Wissen über ihre Funktionsbedingungen. Bereits die Alltagserfahrung zeigt, dass in Systeme vertraut wird, obwohl Risiken bekannt sind. Ein aktuelles Beispiel ist das Internet, das im Vergleich zu früher kritisierten Netzen einen geringeren technischen und organisatorischen Sicherheitsstandard hat.
Zweifelsohne ist Wissen für die Bildung von Vertrauen unverzichtbar. Die einfache Gleichung, dass mehr Wissen zu größerem Vertrauen führt, geht jedoch nicht auf. Vertrautheit führt nicht automatisch zu Vertrauen, sondern kann auch in Misstrauen münden, denn „nicht nur günstige Aussichten, sondern auch Gefahren bedürfen einer gewissen Vertrautheit, …, um ein vertrauensvolles oder misstrauisches Hineinleben in die Zukunft zu ermöglichen“ (N. Luhmann).
Zudem muss beachtet werden, dass Vertrauen oftmals den bewussten Verzicht auf bessere Information bedeutet. Handlungsfähigkeit wird in einer komplexen Umwelt mit einem unüberschaubaren Angebot an Informationen dadurch gesichert, dass man vertraut und eben nicht alle Informationen zur Kenntnis nimmt. Vertrauen ist somit der Versuch, soziale Komplexität – etwa die viel beschworene Informationsflut – zu reduzieren. Ein Mehr an Wissen ist daher unter Umständen gar nicht erwünscht, da darunter die Handlungsfähigkeit der Akteure leiden würde.
Sieht man sich die Diskussion um Vertrauen und E-Commerce an, so stellt man schnell fest, dass viel höhere Sicherheitsstandards eingefordert und -erwartungen formuliert werden als bei den gängigen Formen der Geschäftsabwicklung. Das deutet darauf hin, dass es weniger um die Sicherheit einer speziellen Technik per se geht, als vielmehr generell um Vertrauen in eine neue Art des geschäftlichen Umgangs. Zur Debatte steht das Funktionieren eines soziotechnischen Systems, das uns bekannte, zum Teil auch sehr unsichere Verfahren der Geschäftsabwicklung ablösen soll. Die Nutzer von E-Commerce wollen sicher sein, dass die Waren, Dienstleistungen und Informationen, die über das Internet angeboten werden, fair dargestellt sind, dass sie bekommen, was sie bezahlt haben und dass Regress gewährt wird, wenn die Erwartungen enttäuscht werden. Das sind Dinge, bei denen Technik unterstützend eingesetzt werden kann, aber es geht letztendlich nicht um die Technik per se. Vertraut wird also in organisatorische, rechtliche, kulturelle und institutionelle Strukturen, in die die Technik eingebettet ist.
Es geht dabei z.B. um die Regulierung von Zugangsmöglichkeiten und Konflikten oder die Übernahme von Versicherungen und Bürgschaften. Vertrauen kann weiter dadurch gestützt werden, dass Organisationen Stellvertreterfunktionen übernehmen und die Interessen von bestimmten Gruppen wahrnehmen (z.B. Verbraucher- und Datenschutz). Und schließlich kann das Vertrauen in die Sicherheit auch durch die Arbeit von Kontroll- und Prüfinstitutionen gefördert werden. Der Nutzer einer Technik oder die Mitglieder einer Gesellschaft erwarten dann, dass sie vor negativen Folgen des Technikeinsatzes durch die Kontrolle der neutralen Experten weitgehend geschützt sind. Auch Gesetze, die den Umgang mit einer Technik regeln, können vertrauensfördernd wirken. Es kann dadurch der Eindruck entstehen, dass die neue Technik nur in geregelten Bahnen und damit zum Nutzen der Gesellschaft angewendet und nicht missbraucht wird.
Vertrauen in Technik kann allerdings nicht einfach sozialtechnisch erzeugt werden. Die Rahmenbedingungen, in denen Vertrauen entsteht, sind ebenfalls nicht beliebig. Es können Maßnahmen ergriffen werden, von denen man annehmen darf, dass sie das Entstehen von Vertrauen begünstigen. Wer vertraut, handelt dabei keineswegs irrational. Vertrauen ist vielmehr eine Voraussetzung, um Risiken handhaben und bewältigen zu können. Dies wird immer wichtiger angesichts lückenhafter und zugleich unüberschaubarer Wissensbestände. Gerade wegen des unzulänglichen Wissens wird Vertrauen in technische Systeme aber auch immer etwas Vorläufiges sein. GERHARD FUCHS
Gerhard Fuchs: Vertrauen in technische Systeme ist eine Voraussetzung, um Risiken zu bewältigen.

Von Gerhard Fuchs

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