Bildung

Technologien eröffnen neue Lernwelten  

VDI nachrichten, Karlsruhe, 16. 2. 07, ws – Während der Weiterbildungstrend zum teil-virtuellen Lernen geht, tüfteln Wissenschaftler am Ausbau technischer Möglichkeiten. So war in dieser Woche auf der Messe „Learntec“ auch das „E-Learning 2.0“ ein Thema, die Bildungsvariante von Web 2.0. Sie versteht den Studierenden als Teil einer vernetzten „Community“.

Die Euphorie scheint vorbei zu sein – jedenfalls wenn man sich mit Mitarbeitern von Unternehmen unterhält, die einige Jahre E-Learning-Erfahrung hinter sich haben.

Sicherlich, Faktenwissen lässt sich mit virtuellen E-Learning-Werkzeugen aneignen und auffrischen, aber Begeisterung kommt erst auf, wenn über Seminare berichtet wird, bei denen ein leibhaftiger Trainer Face-to-Face-Feedback gibt. E-Learning, so das Fazit einer kleinen, nicht repräsentativen Umfrage des Autors, kann Präsenzunterricht ergänzen, nicht ersetzen.

Kein Wunder also, dass das Konzept des Blended Learning bei der Aus- und Weiterbildung Konjunktur hat. Beim teil-virtuellen Blended Learning werden klassische und neue Medien, Lehr- und Lernmethoden kombiniert, Präsenzseminare wechseln sich mit internetbasierten Technologien ab. Die Lernenden können durch den virtuellen Unterricht Lerntempo und Lerninhalte ein Stück weit selbst bestimmen, durch den Präsenzunterricht wiederum bleiben sie in ein reales soziales Netz eingebunden. Das stärkt die Motivation.

Doch das Mischkonzept Blended Learning ist Experten aus der E-Learning-Branche wie John Erpenbeck nicht genug. Der Kompetenzforscher ruft gar eine E-Learning-Revolution aus. Gemeinsam mit Werner Sauter arbeitet er an der Steinbeis Hochschule Berlin am Konzept des E-Learning 2.0.

Was unterscheidet E-Learning 2.0 von 1.0? E-Learning 1.0, erläutert Erpenbeck, verläuft – ähnlich wie das Web 1.0 – in einer Richtung, von abgespeicherten Inhalten zum Nutzer hin. „So ideal Informationen, Sach- und Fachwissen, Denk- und Arbeitsmethoden durch das Netz zu vermitteln waren“, sagt Erpenbeck, „so kläglich scheiterte das E-Learning an der Vermittlung von Erfahrungen und Kompetenzen. Gleichzeitig gewinnt die Netzwerkbildung, insbesondere auch über das Web, zunehmend an Bedeutung in der Kompetenzentwicklung.“

E-Learning 2.0 ermögliche den Austausch zwischen den Nutzern. Hier gibt es keine monologische Lernsituation mehr, sondern eine dialogische, wie sie den Lernsituationen im Alltag und im Beruf entspricht. Das Lernen finde in Prozessen statt – und nur in Prozessen, die Entscheidungen erfordern, könnten emotionale Erfahrungen gemacht und Kompetenzen erworben werden.

Dass Unternehmen heute fundierte fachliche Qualifikation von Hochschulabsolventen und Mitarbeitern verlangen, versteht sich von selbst. Dazu kommt aber ein Portfolio an dringend erwünschten Kompetenzen: fachlich-methodische, sozial-kommunikative, aktivitätsbezogene, kulturelle – um nur einige zu nennen.

„Kompetenzen kann man nur selbst in neuartigen, offenen Problemsituationen kreativ handelnd erwerben“, betont Erpenbeck. Dafür liefert das Web 2.0 mit Foren und Chats, Wikis und Weblogs Werkzeuge, mit denen eine grundlegende Veränderung des E-Learning begonnen habe: „Nur ein E-Learning, das echte Entscheidungssituationen bietet, wird zu einem Kompetenzlernen beitragen. Und das ist mit klassischer E-Learning-Software kaum, mit der modernen, interaktiven ,Social Software“, dem so genannten Web 2.0, vorzüglich möglich.“

„E-Learning bekommt durch Web 2.0 die zweite Luft“, stellt Klaus Fehrlage vom Verband eLearning Business Norddeutschland fest. Vorsichtige Wachstumsprognosen kursieren, gestützt von einer Trendstudie, die zu Beginn der 15. Learntec in Karlsruhe veröffentlicht wurde.

Demnach wollen immerhin 15 % der befragten Unternehmen ihr Budget für digitales Lernen und Wissensmanagement erhöhen. Rund 80 % gaben an, dass sich die Investition in Lerntechnologien für sie stark rentiert (11 %) bzw. rentiert habe (69 %).

Unter den Weiterbildungsstrategien favorisieren Unternehmen aber nach wie vor klassische Präsenzseminare. Besonders Social Software wie Wikis und Weblogs sind in der Minderheit – und damit ausbaufähig. Die Aufgabe der E-Learning-Produzenten wird es sein, Strukturen zu entwickeln, mit denen die Mitarbeiter selbst kontinuierlich gute Inhalte erstellen und in den Arbeitsalltag integrieren können.

Für ein weltweit operierendes Unternehmen wie die Siemens AG sind E-Learning 2.0-Anwendungen aber aus den Qualifizierungsmaßnahmen und Trainingsprogrammen längst nicht mehr wegzudenken. „Es findet ein richtiger Paradigmenwechsel statt“, sagt Sven Lehmann, seit neun Jahren Mitarbeiter in der Service Unit Design and Innovation des Learning Campus der Siemens AG. „Der Trend geht eher weg vom Telling, hin zum Creating.“

Das heißt, dass der Lernende nicht nur erzählt bekommt, was er wissen muss, sondern dazu ergänzend Lernumgebungen und Transfer-Tools erhält, die vernetztes Lernen und die Weiterentwickelung von Wissen unterstützen. Elektronische 2.0-Medien spielen bei dieser kreativen Wissenswertschöpfung eine zentrale Rolle.

Bereits seit 1998 werden bei der Siemens AG Chats eingesetzt. Inzwischen wird die ganze Bandbreite vom virtuellen Klassenzimmer bis zu Wikis und Weblogs „pilotiert und implementiert“, wie Sven Lehmann den sich wechselseitig befruchtenden Prozess aus Forschung, Entwicklung und Trainings-Anwendung bei Siemens beschreibt. „Wir müssen als interner Dienstleister darauf achten, dass wir aus den Anwendungen alltagstaugliche methodisch-didaktische Konzepte entwickeln können, dass wir also in Bezug auf Unternehmensanforderungen auf der richtigen Fährte sind – und das sind wir mit E-Learning 2.0.“

An die Bedeutung von Emotionen im Lernprozess glaubt Frank Thissen, Leiter des Kompetenzzentrums E-Learning an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo er vor fünf Jahren den in Deutschland bisher einmaligen Studiengang Informationsdesign gründete. Am Kompetenzzentrum werden didaktische Konzepte in Lernprogramme und -materialien übersetzt.

„E-Learning“, betont Thissen, „sollte mit Experience-Learning übersetzt werden.“ Alles, was die Kommunikation der Lernenden untereinander und die Einbeziehung von Erfahrung und Emotionen in den Lernprozess fördert, habe Zukunft. Weil – wie inzwischen auch die Hirnforschung nachweisen konnte – wir uns weniger an trockene Fakten erinnerten als an mit Emotionen verbundenes Erfahrungswissen.

Wie kanadische Wissenschaftler herausgefunden haben, eignet sich der Mensch nur 20 % seines Wissens durch didaktisch organisierte Lernsituationen an, 80 % dagegen informell, also durch das zufällige Gespräch in der Kaffeepause oder die gezielte Nachfrage bei einem Kollegen.

Für Andreas Schmidt, Teammanager im Forschungsbereich Information Process Engineering (IPE) am Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe, gehört die Zukunft daher nicht kostenintensiven und in der Konzeption zeitaufwändigen Wissensmanagementsystemen, in die man fertige Inhalte einstellt, sondern partizipatorisch ausgelegten Plattformen. Gerade für mittelständische Unternehmen böten sich hier kostengünstige und effiziente Möglichkeiten des Wissenstransfers und -managements. K. HEID

Ohne Emotionen und Erfahrung kein effektives Lernen

Von K. Heid

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