Bildung

Student und gleichzeitig Kollege

Die Unternehmen beklagen den Mangel an Nachwuchskräften, die aus ihrer Sicht auch noch falsch ausgebildet werden. Praxiserfahrung wird daher neben der Qualifikation durch das Studium immer wichtiger für Jungingenieure.

Neue Wege in der Ausbildung von Fach- und Führungskräften gehen die Siemens AG (KWU in Mülheim/Ruhr) und die Fachhochschule Gelsenkirchen. Zum Wintersemester 2000/2001 beginnen eine Frau und drei junge Männer einen kombinierten Ausbildungs- und Studiengang in den Berufen Industriemechaniker und Technischer Zeichner sowie den Studiengängen Maschinenbau/Fertigungstechnik und Maschinenbau/Konstruktionstechnik. Nach vier Semestern werden sie mit einer IHK-Prüfung ihre erste Berufsausbildung abschließen und nach zehn Semestern mit einer Diplomarbeit das Studium beenden. „Ähnliches gibt es bisher nur in Baden-Württemberg mit dem dreijährigen speziellen Diplom-Studiengang an den Berufsakademien“, erklärt Prof. Dittrich von der FH-Gelsenkirchen. Allerdings ist der Abschluss der Berufsakademien auch nur in Baden-Württemberg dem FH-Abschluss gleichgestellt und die dort Studierenden erhalten keine primäre Berufsausbildung.
Bei dem jetzt angelaufenen Modell verbringen die Auszubildenden und gleichzeitig Studierenden in den ersten vier Semestern bis zum IHK-Abschluss drei Tage in der Woche im Betrieb und zwei Tage an der FH Gelsenkirchen. Für den Berufsschulunterricht müssen die Azubis zwei Abende pro Woche opfern. Nach dem 5. Semester soll das Grundstudium abgehakt sein. Das vorgesehene Praxissemester im 7. oder 8. Studiensemester verbringen die Studierenden bei Siemens. In den studienfreien Zeiten gehen die nun bereits fertig ausgebildeten Technischen Zeichner oder Industriemechaniker zu Praxiseinsätzen in die Abteilungen, in denen sie im 10. Semester ihre Diplomarbeit schreiben wollen. Abgerundet wird die betriebliche Ausbildung im Studium durch Kompaktseminare, in denen sogenannte Schlüsselqualifikationen wie Gesprächs- und Verhandlungsführung, Moderationstechnik und Projektmanagement vermittelt werden. Angedacht ist auch, dass die Studierenden ihr Praxissemester – zumindest zum Teil – in den Konstruktions- und Fertigungsstätten in Florida absolvieren, um Auslandserfahrung zu sammeln.
Die Vorteile für Siemens liegen auf der Hand: Die künftigen Mitarbeiter werden auf konkrete Aufgaben im Betrieb vorbereitet und eine sichere Personalplanung ist garantiert. Ausbildungsleiter Werner Buchholz von Siemens KWU vergleicht die Kosten für die fünfjährige Gesamtausbildung mit einer dreieinhalbjährigen Berufsausbildung, räumt aber ein, dass die sehr frühe Produktivität der Auszubildenden und die im Grunde vorgezogenen Weiterbildungsmaßnahmen in Form der Kompaktseminare – die bei einem „normal“ eingestellten Ingenieur während der wesentlich teureren Einarbeitungszeit anfallen – insgesamt die hohen Kosten aufwiegen.
Siemens schließt mit den Auszubildenden einen Vertrag über zwei Jahre. Diese verpflichten sich, gleichzeitig zu studieren und den Studiengang nach dem Berufsabschluss bis zum Diplom fortzuführen. Ein Anschlussvertrag sichert ihnen eine Studienbeihilfe in Höhe der Ausbildungsvergütung und allen betrieblichen Sonderleistungen. Die Jungingenieure müssen sich jedoch nicht zwingend verpflichten, nach dem Diplom an der FH auch wirklich bei Siemens zu bleiben. „Allerdings wäre es ein Armutszeugnis, wenn wir diesen Absolventen keinen adäquaten Arbeitsplatz anbieten könnten“. Werner Buchholz ist sich sicher, dass Siemens mit dieser Ausbildungskombination „den richtigen Weg zur Nachwuchssicherung eingeschlagen“ hat.
Informationen bei Prof. Dr. Heinz Dittrich, Fachhochschule Gelsenkirchen, Tel.: 0209/9596-174 oder 9596-197, E-Mail: heinz.dittrich@fh-gelsenkirchen.de, oder bei Werner Buchholz, Siemens AG, Mülheim/Ruhr, Tel. 0208/456-2652. MANFRED BURAZEROVIC

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