Bildung

Selbsthilfe für Bildungsaufsteiger  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 14. 11. 08, ws – In Deutschland gäbe es zu wenige Akademiker, moniert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Es müssten mehr Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern studieren. Das neue Portal „Arbeiterkind.de“ bietet Selbsthilfe für Bildungsaufsteiger.

Sicher gibt es die Familien, die stolz sind auf den ersten Sprössling, der studiert. Aber es sind nicht alle so. Es käme sehr auf die Berufswahl an, so die Teilnehmer eines Studentenforums im Internet. „Meinem Vater wäre ich mit Geisteswissenschaften lieber nicht gekommen“, klagt einer. Auch ein Studienwechsel sei schwer zu rechtfertigen: „Für meine Eltern ist ein Studium eine Art höhere Berufsausbildung und so was bricht man einfach nicht ab.“ Als Arbeiterkind sei man halt zu „feige“ oder pragmatisch: Lieber etwas Solides, das man nicht hundertmal der Verwandtschaft erklären muss.

83 von 100 Akademikerkindern werden selbst Akademiker, zeigte die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Aber nur 23 Kinder aus Familien ohne Hochschulabschluss. Einen „Bildungstrichter“ nennen die Autoren der Studie das Phänomen. Die Hälfte wird beim Eintritt ins Gymnasium ausgesiebt. Ein weiteres Viertel verzichtet aufs Studium, obwohl es das Abitur geschafft hat. Zum einen ist Studieren lang und teuer. Da macht man lieber eine Lehre und verdient gleich sein eigenes Geld. Zum zweiten empfehlen Mutter und Vater den Berufsweg, den sie selbst kennen.

„Arbeiterkinder können zu Hause niemanden fragen“, sagt Katja Urbatsch. Die Amerikanistik-Studentin aus Gießen gründete im Mai das Internetportal Arbeiterkind.de. Als „Arbeiterkinder“ stuft sie alle ein, die wie sie selbst als erste in der Familie studieren. Sie brauchten mehr Infos, um sich an der Hochschule zurechtzufinden, um wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen oder finanzielle Hilfen zu bekommen. Und ein paar gute Argumente an die Hand, wenn die Verwandtschaft fragt, was man genau „an der Schule“ macht und wie lange man noch den Eltern auf der Tasche liegen will.

Während in den Augen der Bildungsbürger das Studium oft ein Wert an sich ist, muss es sich für nicht-akademische Familien „lohnen“. Deshalb gebe es überzogene Erwartungen an das Einkommen der Hochschulabgänger. „Vater dachte, dass für Informatiker und Ingenieure mindestens 100 000 € jährlich zum Berufseinstieg üblich sind“, schreibt einer auf Uni-Protokolle.de. Die Medien suggerierten, wie toll sich Bildung auszahle.

An den Fachhochschulen und in den Ingenieurwissenschaften finden sich relativ viele Nicht-Akademiker-Kinder, so die Sozialerhebung. Dagegen sind Kunst, Medien, Physik, Astronomie und Medizin Domänen der Akademikerkinder. „Bei mir zu Hause geht man etwas ruppiger und direkter miteinander um. Statt Hochdeutsch spricht man schwäbisch“, sagt Michael König. „Ich hätte keinen Beruf ergriffen, in dem man viel präsentieren muss, in Banken oder Anwaltskanzleien.“

König studiert Chemie an der TU München. Er hat sich als Mentor bei Arbeiterkind.de angemeldet. Rund 500 Freiwillige bundesweit hat Portal-Gründerin Katja Urbatsch inzwischen um sich geschart, vom Studenten bis zum Professor. Sie wollen Studierende an ihren jeweiligen Hochschulen beraten und an den Schulen um Kinder aus bildungsfernen Schichten werben.

Michael König will schon in der Grundschule anfangen. Denn dort bleiben die Arbeiterkinder bereits zuhauf im Bildungstrichter stecken, weiß er aus eigener Erfahrung. „Ich war in der vierten Klasse der Beste“, erzählt der Sohn eines Landmaschinentechnikers und einer Chemielaborantin. Trotzdem hätten die Eltern ihn nicht von sich aus aufs Gymnasium geschickt. Klein Michael durfte selbst entscheiden und wählte das Gymnasium, weil es so nah war.

Doch als „der vom Gymi“ verlor er seine alten Freunde und fand nur schwer neue. Seitdem er an der Uni ist, ist er zumindest ein Problem los: „Wenn ich meinen Verwandten und Bekannten nun erklären kann, bei welchen Dingen Chemie sinnvoll eingesetzt wird, halten sie das Studium nicht mehr für Zeitverschwendung.“

Eltern ohne Hochschulabschluss können ihren studierenden Kindern auch finanziell weniger unter die Arme greifen – ein weiteres Ergebnis der Sozialerhebung. Dazu beantragten Arbeiterkinder zu wenig das staatliche BaföG und bewarben sich zu selten um Stipendien, bedauert Urbatsch. Sie lässt auf Arbeiterkind.de mehrere Stipendiaten zu Wort kommen. Geld ist dabei nicht alles. Gold wert sind die Netzwerke der Stiftungen. Die Stipendiaten treffen sich regelmäßig, besuchen Seminare und Sommerakademien und knüpfen dabei Kontakte zu Unternehmen. Alles nützliche Beziehungen, die die Familie ihren Bildungspionieren nicht mit auf den Karriereweg geben kann.

Michael König hatte Gewissensbisse, sich um ein Stipendium zu bewerben, weil sein Abitur-Durchschnitt „nur“ 1,9 war. „Ich hielt mich nicht für gut genug“, sagt der Chemie-Student.

Auch damit ist er in bester Gesellschaft. Unter den leistungsstärksten Studierenden bekommen prozentual doppelt so viele Akademiker-Kinder ein Stipendium als Bildungsaufsteiger aus der Arbeiterschaft. Das haben Soziologen der Uni Konstanz 2006 festgestellt. Deshalb monieren Kritiker, dass die Stipendien die soziale Ungleichheit sogar noch verschärften.

Zumindest König hat sein schlechtes Gewissen überwunden. Er wird jetzt von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert. Manchmal grämt er sich deswegen, wenn er eine Prüfung mit einer schlechteren Note als Eins bestanden hat. MATILDA JORDANOVA-DUDA

Ein Beitrag von:

  • Matilda Jordanova-Duda

    Die Schwerpunkte der freien Journalistin sind: Industrie 4.0, Digitalisierung, Existenzgründer, Mittelstand, Energiewende, Firmenportrais, Migration, Bildung.

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