Bildung

Öffentliches Gut kontra private Investition  

VDI nachrichten, Berlin, 6. 10. 06, ws – In der Debatte um Studiengebühren, die jetzt in Niedersachsen und NRW erhoben werden, wird die soziale Frage umdefiniert. Heute geht es nicht mehr um den allgemeinen Zugang zur Hochschule, sondern um die Finanzierung möglicher privater Vorteile.

Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geben das Startsignal. Die beiden Bundesländer sind die ersten, in denen allgemeine Studiengebühren erhoben werden. Ab dem Wintersemester 2006/2007 müssen die Studierenden dort an den meisten staatlichen Hochschulen jedes Semester 500 € zahlen. Weitere Länder werden folgen, Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg und das Saarland schon im nächsten Jahr.

„Das ist auch sozial“, argumentieren Politiker, vor allem aus den Reihen von Union, FDP und Grünen. Während unter diesem Aspekt aber in der Vergangenheit darüber debattiert wurde, wie man einkommensschwächeren Schichten den Zugang zur Hochschule erleichtert, ist mit der sozialen Frage heute etwas anderes gemeint.

„Wer studiert, wird später im Regelfall deutlich mehr verdienen, als jemand, der eine Lehre absolviert hat“, sagt der Grünen-Politiker Oswald Metzger. „Warum aber sollte der Bürger den Anlauf eines Studenten, ins Lager der Besserverdiener aufzusteigen, allein aus seinen Steuern finanzieren?“ Gebührengegner nennen dieses Argument „das Fliesenleger-Argument“, weil es sich auf die Aussage zuspitzen lässt: „Der Fliesenleger finanziert das Studium des Zahnarztsohnes, dessen Praxis er fliest.“

Für Torsten Bultmann, Bildungsexperte und Geschäftsführer des Bundes demokratischer Wissenschaftler, ist die neue Definition der sozialen Frage ein Paradigmenwechsel in der meinungsprägenden Debatte: „Das Studium wird damit von einem öffentlichen Gut zu einer privaten Investition.“

Die Banken unterstützen diese Idee. Die Experten der Dresdner Bank berechnen eine „Bildungsrendite“. Sie gehen davon aus, dass die Studierenden und ihre Eltern auch privat in das Studium investieren, indem sie die Lebenshaltung und den Verdienstausfall während der Studienjahre finanzieren.

Ergebnis: Die private Rendite eines Studiums in Deutschland liegt im Schnitt bei 7,2 %. Allerdings zeigen die Zahlen der Dresdner Bank-Analysten große Unterschiede zwischen den Studienfächern. So müssen Germanisten, Pädagogen und Biologen damit rechnen draufzuzahlen, während Zahnmediziner sogar eine Rendite von 12 % erwarten dürfen. Diese Ungleichheit wird bei allgemeinen Studiengebühren nicht berücksichtigt.

Für Bultmann ist aber entscheidend, dass Bildung vor allem eine öffentliche Aufgabe ist und nicht ausschließlich Privatsache. „Ein hoher Bildungsstand nützt der gesamten Gesellschaft.“

Internationale Studien von OECD und Weltbank belegen diesen positiven Zusammenhang von Bildungsinvestitionen und Wirtschaftswachstum. „Externe Effekte“, nennt ihn Rudolf Hickel, Professor für Finanzwissenschaft an der Uni Bremen. Er hat aber auch ein einfacheres Beispiel parat: „Wenn der Fliesenleger das Studium des Zahnarztsohnes bezahlt, investiert er damit auch in die Gesundheitsversorgung.“

Also stimmt das mit dem Fliesenleger doch? „Ja, aber es ist trivial“, sagt Hickel. „Schließlich haben wir einen Steuer- und keinen Gebührenstaat.“ Der Unterschied: In einem Gebührenstaat bezahlt der Bürger nur, wofür er eine unmittelbare Gegenleistung erhält. In einem Steuerstaat beteiligt er sich mit direkten und indirekten Steuern an der Finanzierung eines Gesamthaushalts, mit dem öffentliche Leistungen finanziert werden. Und deshalb hält Hickel das Beispiel auch für „populär, aber nicht seriös“. Die Partialbetrachtung ignoriere den Blick aufs Ganze.

Illustrieren lässt sich das mit einem einfachen Zahlenbeispiel: Wenn ein Zehntel des Gesamtsteueraufkommens auf die Hochschulen entfiele, würde eine Akademikerin mit 1000 € Steuern 100 € zu ihrer Finanzierung beitragen. Ein Handwerker mit 500 € Steuern müsste 50 € zahlen. Profitieren würde aber – externe Effekte mal beiseite gelassen – nur die Akademikerin.

Was aber, wenn das Beispiel erweitert wird? Nehmen wir an, die duale Ausbildung mache ebenfalls ein Zehntel der Gesamtausgaben aus. Wieder kämen 100 € von der Akademikerin und 50 € vom Handwerker. Nutznießer wäre aber diesmal ausschließlich der Handwerker. Diese Ungleichheit von Finanzierung und möglicher Nutzung gilt für nahezu alle steuerfinanzierten Bereiche: vom städtischen Schwimmbad über die staatlichen Subventionen für Unternehmen und die private Altersvorsorge bis hin zur Straßenfinanzierung oder dem Eurofighter.

Trotzdem sehen hier sowohl Hickel als auch Bultmann ein grundsätzliches Verteilungsproblem: Der größere Anteil des Gesamtsteueraufkommens kommt aus so genannten Massensteuern, also Lohn- und Verbrauchssteuern, Steuern auf Spitzenverdienste und Kapitaleinkommen tragen sehr viel weniger bei. Zugleich haben Kinder aus einkommensstärkeren Familien dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge eine 7,5-fach höhere Chance zu studieren als solche mit ärmeren Eltern.

„Hier stellt sich die Frage nach einem gerechteren Steuersystem, das auch Spitzenverdiener zu einer adäquaten Finanzierung heranzieht“, sagt Bultmann. „Egal, ob Akademiker oder nicht.“ Allgemeine Studiengebühren lösten dieses Problem nicht: „Sie würden die ungleichen Studienchancen nur vergrößern.“ Bultmanns Vorschlag: „Wenn der reiche Sohn des Zahnarztes nicht mehr wert sein soll als die Tochter des Fliesenlegers, müssen beide Väter die gleichen Ausbildungsfreibeträge von der Steuer absetzen können.“

Hickel kann sich zur Not auch eine Gebührenlösung vorstellen – eine „klassische Stipendienlösung wie beim Bafög, die aber sozial differenziert wird“. Kinder aus einkommensschwächeren Familien sollen bis zu einem bestimmten Freibetrag gebührenfrei davonkommen. Allerdings macht Hickel eine Einschränkung: „Gebühren dürfen grundsätzlich nur erhoben werden, wenn die Gelder dann auch zweckgebunden für die Hochschulen eingesetzt werden.“ BEATE WILLMS

Von Beate Willms
Von Beate Willms

Stellenangebote im Bereich Hardwarenahe Programmierung

Pixida-Firmenlogo
Pixida Functional Owner – Digital Services und Connected Devices (m/w/d) München
Jungheinrich Aktiengesellschaft-Firmenlogo
Jungheinrich Aktiengesellschaft Embedded Softwareentwickler (m/w/d) Norderstedt
Füll Systembau GmbH-Firmenlogo
Füll Systembau GmbH SPS-Programmierer / Automatisierungstechniker (m/w/d) Idstein
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Embedded Software Developer (w/m/d) Böblingen
Silver Atena-Firmenlogo
Silver Atena Lead Ingenieur Hardwareentwicklung (m/w/d) München
Jungheinrich AG-Firmenlogo
Jungheinrich AG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Leistungselektronik für Ladesysteme Norderstedt
DMK Deutsches Milchkontor GmbH-Firmenlogo
DMK Deutsches Milchkontor GmbH PLC Software Engineer (m/w/d) Anlagentechnik Lebensmittelproduktion Georgsmarienhütte
über NISTLER CONSULTING-Firmenlogo
über NISTLER CONSULTING SPS-Programmierer (m/w/d) Raum Aschaffenburg
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) W3-Professur für Industrielle Informationstechnik Karlsruhe
Novopress GmbH Pressen und Presswerkzeuge & Co. KG-Firmenlogo
Novopress GmbH Pressen und Presswerkzeuge & Co. KG Ingenieur Elektrotechnik als Software / Hardware Entwickler für Mikroprozessor gesteuerte handgeführte Elektrogeräte (m/w/d) Neuss

Alle Hardwarenahe Programmierung Jobs

Top 5 Weiterbild…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.