Industrial Natives werden digital

Nur Weiterbildung garantiert berufliches Weiterkommen

Die digitale Transformation bringt immer komplexere Aufgabenstellungen und kürzere Innovationszyklen hervor. Damit stellt sie Ingenieurinnen und Ingenieure vor neue Herausforderungen. Mehr denn je gilt: Lebenslanges Lernen muss zur Selbstverständlichkeit werden.

Foto: PantherMedia / sitthinan saengsanga

Der Forscher und Entwickler, der abgeschottet von der Welt an seiner Idee brütet – nie war dieses romantisch verklärte Bild von Innovation weiter von der Realität entfernt als heute. In Zeiten, in denen die Digitalisierung Geräte zum Internet der Dinge formt, in denen künstliche Intelligenz Maschinen immer schlauer werden lässt und Prozesse automatisiert ablaufen, sind die Aufgaben komplex geworden. So komplex, dass sie nur noch interdisziplinär und im Team zu bewältigen sind.

Ingenieure nutzen digitale Instrumente

Für Ingenieure hat die digitale Transformation weitreichende Konsequenzen. Christof Nagel, Manager für den Bereich Engineering bei Michael Page, beobachtet, wie sich das Arbeitsleben von Ingenieuren gerade auf ganz verschiedenen Ebenen verändert: „Der Ingenieur wendet in seinem Berufsalltag zunächst selbst digitale Instrumente, wie CAD-Programme oder Software für Modellierung und Simulation an.

Gleichzeitig werden klassische, prozessgetriebene Arbeitsweisen durch Methoden aus der agilen Welt abgelöst.“ Im Projektmanagement bedeutet das etwa einen Umstieg vom V-Modell auf Scrum. Daneben, so diagnostiziert Nagel, verändere sich gerade das Verständnis von Führung sowie die Produkte selbst. „In Zukunft wird es keine Hardware ohne Software geben“, ist er überzeugt.

Industrial Natives und digital Natives wachsen zusammen

„Die Elektroindustrie ist besonders von Veränderungen betroffen“, sagt Thilo Weber, beim Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) zuständig für das Thema Bildung. „Es ändern sich die Bildungsprozesse und Bildungsaufgaben, die Arbeitsorganisation und sogar ganze Geschäftsmodelle.“ Mehr noch als zuvor müssen Ingenieure stets prüfen, ob ihre Qualifikationen noch auf dem neuesten Stand sind – und die Bereitschaft zur Weiterbildung mitbringen. Zu den neuen Hauptaufgaben wird es auch gehören, sich an Schnittstellen innerhalb von Unternehmen zu bewegen. „Die alte Trennung zwischen Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik bricht gerade auf. Wir brauchen Ingenieure, die von allem etwas verstehen“, so Weber.

Das heißt nicht, dass in Zukunft jeder Ingenieur programmieren können muss. Weil es aber zunehmend die Software ist, die Geräten Leben einhaucht, muss er auf Augenhöhe mit dem IT-Team kommunizieren und verstehen, was geschieht, wenn an einer Stelle im Prozess oder am Produkt eine Veränderung vorgenommen wird – um dann eine fachbereichsübergreifende Lösung finden.

„Auch ein Ingenieur muss in Zukunft Code lesen können“, ergänzt Christof Nagel. Daneben zählen Sensortechnik, Mensch-Maschine-Kommunikation und Security zu den für Ingenieure relevanten Themenbereichen. Auch Nagel hält die Weiterqualifizierung von Ingenieuren, die schon lange im Beruf stehen, für unverzichtbar, damit „industrial Natives und digital Natives zueinanderfinden können.“

Eine neue Fehlerkultur wird entstehen

Dazu kommt der Umstand, dass sich Innovationszyklen verkürzen. Sich diesem höheren Tempo anzupassen und zu lernen, sich Fehler zu erlauben, so wie es das Silicon Valley vorlebt, gehört zu den persönlichen Anforderungen, mit denen Ingenieure konfrontiert sind.

Ein besonderes Aufgabenfeld für Ingenieure sieht Nagel im Innovationsmanagement. Ein ganzes Produkt oder einen Teil davon komplett in Frage zu stellen und neu zu denken, die Anwendung von Design-Thinking-Methoden, disruptive Ideen entwickeln und dabei mit unterschiedlichen Abteilungen sowie dem Führungszirkel zu kooperieren – all das wird wichtig, wenn der Standort Deutschland seine Innovationskraft behalten möchte.  „Gerade dieses Qut-of-the-Box-Denken müssen Ingenieure manchmal noch lernen“, diagnostiziert Nagel.

Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg

Thilo Weber vom VDMA ist trotzdem optimistisch, dass der Spagat zwischen verschiedenen Fachbereichen, Aufgaben und Herangehensweisen gelingen wird. „Das Wissen aus vier bis fünf Studienjahren hat noch nie für ein ganzes Berufsleben als Ingenieur gereicht. Ingenieur sein bedeutete immer, sich weiterzubilden.“ Das ganze Berufsbild sei auf Wissenserwerb ausgerichtet. Das ändert sich auch im Arbeitsleben nicht.

Die Arbeitgeber jedenfalls, so beobachtet er, reagieren auf den veränderten Bedarf. Sie stellen ihre Mitarbeiter für Fortbildungen frei, bieten Weiterbildungen während der Arbeitszeit an, übernehmen Studien- und Kursgebühren oder ermuntern ihre Belegschaft, E-Learning-Angebote wahrzunehmen. Gleichzeitig locken Gehaltszulagen, wenn neue Aufgaben übernommen werden, mehr Verantwortung oder sogar eine Beförderung.

Von allen Erwerbstätigen, so sind sich Experten immerhin sicher, sind Berufstätige in MINT-Berufen, und damit auch die Ingenieure, am besten davor geschützt, ihren Job durch die Digitalisierung und Automatisierung zu verlieren – sofern sie sich nicht auf ihrem vorhandenen Wissen ausruhen.

 

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