Wissenschaft

Nürnberger Forschungsbündnis soll „die Menschen mitnehmen“

Nach fast drei Jahren Vorbereitungszeit ging vor wenigen Wochen der Energie-Campus Nürnberg an den Start. Insgesamt 50 Mio. € will Bayern für zunächst fünf Jahre ausgeben.

Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil fordert mindestens „in einzelnen Themenbereichen Technologieführerschaft“. Der Energie-Campus Nürnberg (EnCN) soll in Bayern und in Deutschland eine sichtbare Führungsposition auf ausgewählten Gebieten der Energieforschung einnehmen.

Dafür wollen fünf eigenständige Akteure künftig im EnCN zusammen forschen und lehren: Die Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die Ohm-Hochschule Nürnberg, die beiden Fraunhofer-Institute für Integrierte Schaltungen (IIS) und für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie (IISB) sowie Bayerns Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE). Zehn Forschungsbereiche wird das EnCN haben allein die Universität Erlangen baut sechs neue Lehrstühle auf.

Vor allem als „Forschungsplattform für eine geschlossene erneuerbare Energiekette“ soll sich der EnCN profilieren. Das Konzept „war nicht unumstritten“, gibt Wolfgang Arlt, Lehrstuhlinhaber für Thermische Verfahrenstechnik an der FAU und EnCN-Sprecher zu.

Sehr wichtig ist für den EnCN-Vordenker das Thema Speicherung. Hierbei spielten energietragende Stoffe künftig eine wesentliche Rolle, allerdings nicht Wasserstoff. Die neuen Stoffe sollen fossile Speicher wie Öl und Gas ersetzen.

Auch die Akzeptanz neuer Energietechnologien soll laut Wolfgang Arlt erforscht werden: „Wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Künftig müssten möglichst alle Bürger bei der Energiewende mitmachen, lautet seine Begründung.

Von der regenerativen (Strom-)Erzeugung über neuartige Speicher bis zur Einspeisung von Sonnen-, Wind-, Wasser- oder Bioenergie in Strom- oder Gasnetze sollen zunächst 100 Mitarbeiter Energieeinsparpotenziale optimieren, so etwa in der Antriebs- und Automatisierungstechnik, oder neue Modelle der Energieversorgung erproben.

Möglichst bald sollen 400 Menschen im EnCN entwickeln, forschen und lehren – auch wenn das Campus-Gebäude voraussichtlich erst nächstes Jahr bereitstehen wird.

Die vier ersten Förderbescheide für die Themenfelder Netze, gedruckte Photovoltaik, Simulation und Prozesse überbrachte Ministerpräsident Horst Seehofer selbst. Weitere fünf Projektanträge liegen bei den Ministerien zur Genehmigung vor.

Doch der Energie-Campus Nürnberg baut nicht nur auf Zuschüsse, sondern nutzt auch Bestehendes. So verlagert die FAU die Professuren „Energieverfahrenstechnik“ und „Elektrische Energiesysteme“ aus anderen Departments auf den Campus.

Die neuen FAU-Professuren werden mit EnCN-Geld finanziert, darunter die Themenfelder elektrische Energieverteilsysteme, Energieinformatik sowie Optimierung von Energiesystemen. Die vier ebenfalls mit EnCN-Mitteln finanzierten Professuren der Ohm-Hochschule haben energieeffizientes Bauen und Gebäudesanierung als Schwerpunkte.

Beim EnCN arbeiten auch Forscher, die sich auf anderen Gebieten einen Namen gemacht haben, wie Heinz Gerhäuser, einer der „Macher“ des Musikkomprimierungsstandards MP3. Für den Leiter des Fraunhofer-IIS ist interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig. Denn „für die Energieversorgung von morgen lassen sich deren einzelne Aspekte nicht mehr isoliert betrachten“.

„Die heimische Wirtschaft soll ihre Technologieführerschaft erhalten und mittelfristig die Arbeitsplätze in der Photovoltaik-Produktion in Deutschland weiter ausbauen“, wünscht sich Christoph J. Brabec. Der 2010 an die Erlanger Universität berufene Wissenschaftler war zuvor Technikvorstand des weltweit tätigen Solarzellenherstellers Konarka. Seine Erlanger Abteilung des ZAE Bayern beschäftigt sich mit organischen Solarzellen.

Am EnCN startet Brabec die „Solarfabrik der Zukunft“ (SFZ), der bis 2016 bereits 3,95 Mio. € vom Freistaat Bayern bewilligt wurden. Ihre Aufgabe lautet, effiziente Solarenergienutzung „durch den konsequenten Einsatz von drucktechnischen PV-Technologien“ zu erforschen.

Damit sind insgesamt acht Professoren betraut. Ob Silizium-Nanopartikel, organische Moleküle und Polymere – auf der „Forschungsplattform von internationaler Bedeutung“ soll „von Testmustern für Grundlagenuntersuchungen bis hin zur Fertigung von Solarzellen und Modulen“ alles an gedruckter Photovoltaik möglich sein. Das Technikum sollen darüber hinaus Industriefirmen nutzen können.

Wolfgang Arlt denkt aber bereits über den EnCN hinaus. Kürzlich forderte er neben dem bestehenden Klimarat des Freistaats einen eigenen „Energierat, in den wir auch die Bevölkerung mit einbeziehen sollten“. Zumindest eine Expertenkommission „Energieforschung und -technologie“ hat Wirtschaftsminister Zeil inzwischen gegründet. Natürlich mit Professor Wolfgang Arlt.

 

Von Heinz Wraneschitz

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