Bildung

Neue Medien auf dem Bildungsprüfstand

Die Anfangseuphorie ist verflogen. Längst glauben auch die engagiertesten Verfechter nicht mehr, dass die neuen Medien allein Heilsbringer der Wissensgesellschaft sind. In Tübingen werden moderne Lernformen einem Intensivtest unterzogen.

Neue Medien verlangen nach neuen Denkstrukturen und Gestaltungsräumen beides Prozesse, die nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen sind. Das Problem: Die Geschwindigkeit, mit der das menschliche Gehirn Informationen verarbeitet, hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Um Neues aufzunehmen, muss also Platz geschaffen werden. Inwieweit das möglich ist und welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, untersucht das Institut für Wissensmedien in Tübingen. Seine spezielle Aufgabe ist es zu erforschen, in welcher Form die neuen Medien zu pädagogischen Zwecken am besten eingesetzt werden können.

Generelle Aussagen lassen sich bereits heute machen. Beispielsweise eignet sich das Internet hervorragend für ein schnelles Frage- und Antwortspiel. Andererseits verleitet es auch zur Sprunghaftigkeit, denn wer über das Netz kommuniziert, bleibt bekanntermaßen nie lange bei einer Sache. Dadurch entsteht eine Eindimensionalität, die bei einer „Face to Face“- Diskussion, wo Meinungen ausgetauscht werden und immer neue Argumentationslinien entstehen, so nicht zu finden ist. „Lange genug herrschte die Meinung, dass mit den neuen Medien alles machbar sei. Diese Anfangseuphorie ist glücklicherweise vorbei. Wir haben eine sehr viel realistischere Einschätzung des Ganzen, und sind in der Lage, Vor- und Nachteile sachlich gegeneinander abzuwägen”, so Institutsleiter Prof. Friedrich Hesse.

Um die Frage, wie Menschen mit neuen Medien lernen, überhaupt beantworten zu können, müssen viele Elemente berücksichtigt werden. Oft scheinen sie auf den ersten Blick nichts mit der eigentlichen Zielsetzung zu tun zu haben. Im Labor wird beispielsweise untersucht, inwieweit Menschen überhaupt bereit sind, Wissen zu teilen oder anzunehmen. Fünf Probanten in separaten Räumen erhalten eine Aufgabe, die sie nur lösen können, indem sie über das Netz miteinander kommunizieren. Das Fazit: Weiß einer sehr viel mehr als die anderen, so hat er es schwer, sein Wissen einzubringen. Weiß er dagegen zu wenig, wird er nicht akzeptiert.

Szenenwechsel: In einem Langzeitprogramm untersuchen die Tübinger Wissenschaftler, ob über das Internet eine Gruppenbildung überhaupt möglich ist. Ein virtuelles Graduiertenkolleg, an dem sich 20 Psychologiestudenten aus fünf verschiedenen Universitätsstädten beteiligen, soll Antwort auf diese Frage geben. Die Probanden lernen nicht nur in Hörsälen und Seminarräumen. Für sie ist das Internet das Standbein, das ihnen die Kommunikation über lokale Grenzen hinaus ermöglicht. Referate werden zur gegenseitigen Nutzung ins Netz gestellt und Lehrinhalte diskutiert. Und dennoch: „Würden sich die Studenten nicht immer wieder treffen, könnten sie sich nicht zu einer Gruppe entwickeln”, so das vorläufige Resultat der Untersuchungen.

Doch solche Grundsatzfragen zu klären, führt nicht automatisch zu einem besseren Verständnis im Umgang mit den neuen Medien. Spätestens wenn es um deren Nutzung geht, kommen neben psychologischen Kriterien auch pädagogische ebenso wie technische Rahmenbedingungen zum Tragen. Ist der Mensch erst an der Grenze seines geistigen Fassungsvermögens angelangt, helfen nur noch Radikalkuren, um ihn für Neues zu begeistern. „Es muss die kognitive Last des Lernens deshalb verringert werden”, fordert Prof. Hesse. Das geschieht, indem zum Beispiel physikalische Zusammenhänge, für deren Beschreibung mehrere Lehrbuchseiten notwendig wären, anhand von Grafiken, Simulationen oder Videos bildlich erfasst werden. Zur Zeit testet das Institut für Wissensmedien sogenannte Hypervideos, die in Kürze auf den Markt kommen werden. Sie könnten eines Tages zu wichtigen Lernbausteinen werden. Das Besondere: Klickt man definierte Punkte innerhalb des Films an, wird dieser gestoppt und dahinterliegende Informationen können abgerufen werden.

Doch auch wenn Wissen häppchenweise serviert wird, verbessert sich die Merkfähigkeit nicht wesentlich, stellte sich heraus. Feedback gehört deshalb zum A und O des Lernens. Auch dafür bieten sich die Neuen Medien an, denn ihre Interaktivität erlaubt es jedem Einzelnen, individuell Thema, Schwierigkeitsgrad und Lerngeschwindigkeit zu bestimmen. „Über die Visualisierung können die Lernschritte verringert werden. Die Interaktivität dagegen biete die Kontrollmöglichkeit über das Erlernte”, fasst Prof. Hesse die Vorteile zusammen.

Die Forschungsresultate der Tübinger Wissenschaftler werden unter anderem bei der Entwicklung von Lernplattformen eingesetzt. Davon existieren zwar bereits jede Menge, doch häufig lässt ihre Nutzerfreundlichkeit zu wünschen übrig. MONIKA ETSPÜLER

 

IWM

Was die Medien leisten können

Das Institut für Wissensmedien (IWM) existiert seit Anfang Januar 2001 und befindet sich derzeit noch im Aufbau. Im Mittelpunkt steht die innovative Forschung über Wissensvermittlung mit neuen Medien, also „Forschung zum individuellen und kooperativen Wissenserwerb in medialen Lernumgebungen“, wie es das Institut beschreibt.

Institut für Wissensmedien, 72072 Tübingen, Konrad-Adenauer-Str. 40, Tel: 07071/9790, Fax: 07071/979100

E-Mail: info@iwm-kmrc.de

 ws

Von Wolfgang Schmitz

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