Bildung

Neue Lernkulturen für eine praxisnahe Berufsausbildung

Die Wissensgesellschaft stellt immense Anforderungen an Studenten und Auszubildende. Vorschläge, wie Praxis und Theorie in der Ausbildung effektiver zu kombinieren sind, macht Arbeitsmarktforscher Prof. Gerhard Bosch im folgenden Artikel.

Kein Zweifel: Bildung wird für die wirtschaftliche Entwicklung immer wichtiger. Die neuen Technologien sind erheblich wissens- und kommunikationsintensiver als die alten. Während die „railrodification“ der vergangenen 150 Jahre große Investitionen in Industrieanlagen, Schienen und Straßen erforderten, spielen die Ausgaben für Hardware bei den neuen Informationstechnologien eine geringe Rolle.
Der Aufwand für die Entwicklung der Software und die Fähigkeiten, sie zu bedienen, sind weitaus höher. Deshalb haben sich in den letzten Jahrzehnten die Gewichte zwischen den Investitionen in Sach- und in Humankapital deutlich verschoben. In den 20er Jahren lag der Wert des Sachkapitalbestands fünf Mal so hoch wie der des Humankapitalbestands (zum Humankapitalbestand werden alle Ausgaben für allgemeine und berufliche Bildung berechnet, abzüglich der normalen Abschreibungen). Ende der 80er Jahre betrug das Verhältnis nur noch 2,2:1, wobei die Ausgaben für Weiterbildung noch gar nicht berechnet wurden. Wir nähern uns inzwischen einem Verhältnis von 1:1. Wenn dieser Schwellenwert überschritten wird, kann man aus ökonomischer Sicht vom Übergang in die Wissensgesellschaft sprechen.
Hinter solchen abstrakten Zahlen verstecken sich deutliche Veränderungen des Bildungssystems und des Arbeitsmarktes. Das Angebot an gut qualifizierten Arbeitskräften ist gestiegen. Waren 1975 noch 36 % der Beschäftigten ohne Ausbildung, sind es 1998 nur noch 16 %. Der Anteil der Hochschulabsolventen stieg im gleichen Zeitraum von 7 % auf 16 % an. 65 % haben 1998 eine Lehre oder Fachschule abgeschlossen gegenüber 57 % im Jahr 1975.
Entgegen aller Befürchtungen vor einer Überqualifizierung und vor allem vor einem nicht zu beschäftigenden akademischen „Proletariat“ ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften stärker als das Angebot gestiegen. Eine gute allgemeine und berufliche Bildung ist immer mehr zum Eintrittsticket in den Arbeitsmarkt geworden. Wer gut ausgebildet ist, arbeitet auch länger, wer schlecht ausgebildet ist, findet oft nur eine Teilzeitstelle. Die Arbeitszeit von An- und Ungelernten lag 1984 7,5 Stunden pro Woche unter der von Hochschulabsolventen, 1997 betrug der Unterschied schon 13,3 Wochenstunden. Der Grund: Die Arbeitszeit der An- und Ungelernten ist zurückgegangen, während die der hoch Qualifizierten anstieg. Durch diese Verlängerung der „Gehirnlaufzeiten“ der gut qualifizierten Beschäftigten ist der heute akute Fachkräftemangel lange Zeit verborgen geblieben.
Durch die Bildungsrevolution haben sich die Ausbildungszeiten deutlich verlängert. Die Jugendlichen, oder vielmehr die jungen Erwachsenen, treten immer später in den Arbeitsmarkt ein. Lange Schul- und Ausbildungszeiten haben durchaus ihren Sinn. Gerade eine breite Allgemeinbildung und auch das Grundlagenwissen in der Berufsausbildung haben eine hohe Halbwertzeit. In Deutschland hat sich das durchschnittliche Eintrittsalter in den Arbeitsmarkt stärker als in anderen Ländern erhöht. Es ist von 20,2 Jahren im Jahre 1975 auf 24,0 Jahre im Jahre 1995 gestiegen und liegt bei Akademikern bereits über 29 Jahre.
Sicherlich wird man im akademischen Bereich über eine Verkürzung der Studienzeiten nachdenken müssen. Gleichzeitig muss man aber auch über die Lernformen nachdenken. Die Berufsausbildung im dualen Ausbildungssystem ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend verschult worden. In vielen Unternehmen wurde in den 70er und 80er Jahren die betriebliche Beistelllehre durch eine Ausbildung in besonderen Lehrwerkstätten ersetzt, die sie von der betrieblichen Praxis entfernte. Da in der Praxis im Team über Fachgrenzen hinweg gearbeitet wird, musste mit Eintritt ins Berufsleben die fachübergreifende Teamarbeit erst mühsam gelernt werden. Wenn das Innovationstempo hoch ist, kann auch das fachspezifische Wissen bereits am Ende der Ausbildung veraltet sein.
Die Universitäten und Fachhochschulen waren ohnehin von der Praxis schon immer sehr weit entfernt. Eine solche Praxisferne führt beim Eintritt ins Berufsleben zu hohen Transaktionskosten für die Unternehmen. Die Absolventen aus der Berufs- und Hochschulausbildung sind nicht sofort einsetzbar, sondern müssen erst lernen, ihr Wissen in konkreten Aufgabenbereichen anzuwenden.
Ohne Zweifel müssen heute in der beruflichen Aus- und Weiterbildung Theorie und Praxis neu gewichtet werden. Das rein theoretische Lernen ist in den letzten beiden Jahrzehnten zu weit getrieben worden. Die falschen Antworten auf diese Probleme wären das nachträgliche Lernen von Teamarbeit oder noch längere Traineeprogramme. Das würde nur die Kosten in die Höhe treiben. Es geht um die Veränderung des Lernens selbst.
In der modernen Wirtschaft ist das Praxislernen in hohem Maß wissensgeleitet, da man viele Prozesse nur noch verstehen kann, wenn man sie zuvor theoretisch durchdrungen hat darüber hinaus muss man die Erfahrungen in der Arbeit reflektieren und aufarbeiten. Die wechselseitige Durchdringung von Erfahrung und Wissen macht den Kern neuer Lernkulturen aus. Diese Wechselbezüge sollten in den unterschiedlichen Etappen des Lernens unterschiedlich organisiert sein. Während das theoretische Lernen in der schulischen Ausbildung dominiert, verlagern sich die Gewichte in der beruflichen Erstaus- und mehr noch in der Weiterbildung auf die Kombination mit Erfahrungsprozessen. Solch neue Lernkulturen kann man als ein Paradigma zur Veränderung der Aus- und Weiterbildung auf ganz verschiedenen Ebenen verstehen. Zwei Beispiele:
1. In der dualen Berufsausbildung werden fachspezifische Lehrgänge immer mehr durch Lernen anhand betrieblicher Aufträge oder ganzheitlicher Geschäftsprozesse ergänzt. Dies kann nur im Team von Auszubildenden verschiedener Berufe erledigt werden. Die betriebliche Ausbildung wird nicht mehr allein in getrennten Ausbildungsgebäuden stattfinden, sondern an verschiedenen Lernorten in und außerhalb des Unternehmen. So gibt es Lehrlingsbaustellen in der Bauwirtschaft oder Lehrlingsprojekte in vielen Unternehmen. Die Aufgabe der Ausbilder ist es, diese Projekte zu koordinieren und mit theoretischem Lernen zu verzahnen.
2. Bei der Dualisierung von Studiengängen stehen die Studenten von Beginn an in einem Beschäftigungsverhältnis mit einem Unternehmen. Sie studieren während des Semesters und durchlaufen während eines Teils der Semesterferien Arbeits- und Ausbildungsphasen in den Betrieben. Die Theorie- und Praxisphasen werden koordiniert und die Diplomarbeit wird über ein betriebliches Problem geschrieben. Die Unternehmen zahlen eine Ausbildungsvergütung. Ein solches duales Studium wurde zum Beispiel an der Universität Siegen für Maschinenbau und Elektrotechnik eingeführt. Studiert wird sieben Semester, hinzu kommen 60 Wochen Ausbildung und zwölf Wochen Ferien. Das siebte Semester ist der Diplomarbeit vorbehalten. Die Unternehmer unterstützten diese Projekte nicht nur wegen der praxisbezogenen Ausbildung, sondern auch in der Hoffnung, Hochschulabsolventen, die ansonsten aus der Region abwandern, zu halten.
Die möglichen Anwendungsfelder lassen sich beliebig erweitern. Warum sollen nicht auch Studiengänge für Diplom-Ingenieure oder Betriebswirte dualisiert werden? Eine Verzahnung von Theorie und Praxis erfordert allerdings nicht immer nur eine Dualisierung der Ausbildung im strikten Sinn. Es gibt auch viele weichere Formen, die den gleichen Zweck erfüllen, wie etwa Diplomarbeiten in konkreten Praxisfeldern. Der Phantasie sollte man hier keine engen Grenzen setzen. GERHARD BOSCH

Von Gerhard Bosch

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