Bildung

„Mit regionaler Kirchturmpolitik kommen wir nicht weiter“

Die Spitzenreiter der nationalen Pisa-Studie sollten sich hüten, in Selbstgefallen zu verharren. Bundesweit sind Reformen dringend nötig, weist Edelgard Bulmahn in ihrer Rede „Bildung im 21. Jahrhundert“ hin, die die Ministerin auf einer Festveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 24. Juni in Bonn hielt.

Das Zeugnis, das Pisa unserem Schulsystem ausstellt, ist alarmierend! Unsere Schulen sind heute offenbar nicht in der Lage, alle Kinder und Jugendlichen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu fördern. Individuelle Förderung ist aber die wichtigste Voraussetzung für eine gute Breitenbildung und für Spitzenleistungen. Genau das hat Pisa gezeigt.
Unser Schulsystem produziert aber nicht nur schwache Leistungen, es ist auch ungerechter als die meisten anderen. In kaum einem anderen Land entscheidet die soziale Herkunft so sehr über den Schulerfolg und den Bildungsweg wie in Deutschland. Die aufgezeigten Mängel sind seit langem bekannt. Bereits Vorgängeruntersuchungen wie die Timss-Studie hatten darauf hingewiesen. Die Bundesregierung hat deshalb nicht lange nach Zuständigkeiten gefragt, sondern sofort gehandelt. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit habe ich alle Verantwortlichen – Bund und Länder, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Schüler, Eltern und Lehrer – im Forum Bildung an einen Tisch geholt. Seit Ende letzten Jahres liegen nun konkrete Handlungsempfehlungen vor, die sich wie eine vorweggenommene Antwort auf die Pisa-Studie lesen.
Jetzt stehen wir an einem Punkt, wo wir darüber entscheiden müssen, ob wir unsere Chancen verspielen oder das Ruder gemeinsam herumreißen. Die Pisa E-Studie zeigt ein sehr differenziertes Ergebnis. Kein Bundesland hat Anlass, sich selbstgefällig auf die Schulter zu klopfen. Alle Länder weisen Schwächen auf, in unterschiedlicher Weise, bei unterschiedlichen Parametern. Kein Bundesland schafft es zufrieden stellend, eine hohe Bildungsbeteiligung mit hohem Leistungsniveau zu verbinden.
Es besteht auf keiner Seite Grund zum Jubeln. Kein Bundesland kann und darf die Hände in den Schoß legen. Es geht jetzt darum, mit einer nationalen Kraftanstrengung allen Kindern bessere Bildungschancen zu geben und Deutschland vom unteren Mittelfeld beim OECD-Vergleich an die Spitze zu rücken. Denn Deutschland muss sich internationalen Vergleichen stellen können. Natürlich ist der Ländervergleich wichtig, um zu sehen, wo die Länder intern stehen, aber wenn wir uns jetzt darauf beschränken, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, dann haben wir eine Chance verspielt. Denn Pisa ist für mich die Chance zum gemeinsamen Aufbruch in der Schulpolitik. Das heißt für mich:
1. Wir brauchen nationale Bildungsstandards, die in allen Ländern gleichermaßen verbindlich sind. Nur so hat der deutsche Länderföderalismus künftig Chancen. Dazu gehören eine Verständigung über die Bildungs- und Erziehungsziele, Leistungsstandards für die Schüler und Schülerinnen, die Angleichung der Lehrerausbildung und die Festlegung eines Rahmens für die Sicherung von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schulen.
2. Wir brauchen eine regelmäßige Überprüfung der Einhaltung dieser Bildungsstandards. Hierzu empfiehlt sich die Einrichtung einer unabhängigen nationalen Evaluationseinrichtung, wie sie in erfolgreichen „Pisa-Ländern“ längst existiert.
3. Es besteht in Deutschland seit Veröffentlichung des von der Bundesregierung durchgeführten Forum Bildung ein breiter öffentlicher Konsens zur Notwendigkeit einer nationalen Bildungsberichterstattung. Die nationale Bildungsberichterstattung sollte durch einen unabhängigen „Rat der Bildungsweisen“ erstellt werden. Ziel der regelmäßigen Berichterstattung durch den Sachverständigenrat ist es, die für die Bildungspolitik Verantwortlichen und die Öffentlichkeit bei der Beurteilung und Entwicklung des Bildungswesens in Deutschland zu unterstützen. Der Bericht sollte mindestens alle zwei Jahre veröffentlicht werden.
4. Bund und Länder haben sich in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung am 17. Juni 2002 auf die Umsetzung besonders wichtiger Handlungsfelder als erste Aktivitäten zur Umsetzung der Empfehlungen des Forum Bildung und zum Ausgleich der Defizite, wie sie in der Pisa-Studie festgestellt wurden, verständigt. Hierzu zählen die Förderung von Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz, die Förderung von Migrantinnen und Migranten und die Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenz. Hierbei sollen der individuellen und frühen Förderung und der Förderung von Jugendlichen mit Lernschwächen besondere Beachtung geschenkt werden.
Und last but not least: Wir brauchen ein flächendeckendes Netz an Ganztagsschulen. Ich weiß, dass der flächendeckende Aufbau von Ganztagsschulen eine enorme Herausforderung ist, die kein Bundesland allein leisten kann. Die Bundesregierung hat deshalb den Ländern angeboten, sie in den nächsten vier Jahren mit insgesamt 4 Mrd. € zu unterstützen. Mit dem Programm „Zukunft Bildung” können jedes Jahr 1800 bis 2000 Ganztagsschulen zusätzlich eingerichtet werden, bis dann 2007 mindestens 10 000 Ganztagsschulen zur Verfügung stehen.
Natürlich darf die Ganztagsschule nicht eine Verlängerung der üblichen Schulzeit von fünf auf acht Stunden sein. Sie braucht ein klares pädagogisches Profil und einen anderen Rhythmus als den starren 45-Minuten-Takt. Wir brauchen eine Schule, in der Kinder musizieren, Theater spielen und Literaturzirkel bilden können, in der sich Phasen des Lernens und Stunden für Spiel und Freizeit abwechseln.
Vor allem die Qualität des Unterrichts muss stimmen. Alltagsnähe und Anwendung des Gelernten sind hier die entscheidenden Stichworte. Wir müssen weg von einer schematischen Faktenhuberei. Unsere Kinder müssen lernen, wie man sich Wissen selbstständig erarbeitet und in eigener Regie anwendet. Kinder mit Lernschwierigkeiten müssen Gelegenheit zum Nachholen haben, bei anderen müssen besondere Stärken weiter entwickelt werden.
Eine Schlüsselrolle spielen dabei unsere Lehrerinnen und Lehrer. Mehr pädagogische Kompetenz, ein stärkerer Praxisbezug in der Erstausbildung und die verpflichtende Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen sind deshalb zentrale Punkte für eine grundlegende Reform der Lehrerausbildung. Außerdem braucht die schwierige Arbeit unserer Pädagogen mehr gesellschaftliche Anerkennung. Gute Leistungen sollten künftig nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch bei unseren Lehrern belohnt werden.
Wir müssen unseren Schulen dafür viel mehr Verantwortung geben, sie vom bürokratischen Ballast befreien. Ich halte nichts davon, auf die 212. Vorschrift eine weitere Vorschrift draufzupacken. Das macht unsere Schulen nicht besser. Der Staat muss die Ziele vorgeben, die Qualität und die Ergebnisse überprüfen und vergleichen, doch die Schulen entscheiden gemeinsam mit Lehrern und Eltern selbst, wie sie die Ziele erreichen.
Bildung ist eine nationale Aufgabe. Mit regionaler Kirchturmpolitik, Zuständigkeitsstreitereien und Parteiengezänk kommen wir nicht weiter. Das haben wir jahrzehntelang gehabt und bewegt hat sich nichts. Unser Ziel, wieder in die Spitzengruppe der Bildungsnationen aufzurücken, können wir nur erreichen, wenn wir die notwendigen Reformen gemeinsam anpacken.
Entscheidend ist, dass jetzt gehandelt wird. Was geschehen muss, muss rasch geschehen. Wir müssen in zehn Jahren wieder unter den ersten fünf Bildungsnationen sein. Das können wir schaffen, wenn alle Beteiligten – Lehrer und Eltern, die Länder und der Bund – an einem Strang ziehen. Die Bundesregierung wird dabei eine treibende Kraft sein.
EDELGARD BULMAHN

Von Edelgard Bulmahn

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