Bildung

Mehr Technik zum Anfassen

Bundesministerin Edelgard Bulmahn beabsichtigt, durch ein neues Bildungsgremium dem „kritischen Blick von außen“ eine Stimme zu verleihen.

VDI nachrichten: Ein gutes Jahr ist seit Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse vergangen. Veränderungen sind wenig spürbar.
Bulmahn: Es sind entscheidende Schritte unternommen worden. Dazu gehören die Veränderung der Lehrerausbildung sowie die Verständigung der Länder auf bundeseinheitliche Bildungsstandards dazu gehört aber auch die Verabredung zwischen der Bundesregierung und den Ländern über gemeinsame Programme zur Verbesserung der Unterrichtsmethoden, eine nationale Bildungsberichterstattung und der Schritt einiger Länder, den Schulen die längst überfällige Selbstständigkeit einzuräumen.
VDI nachrichten: Über die Notwendigkeit nationaler Standards sind sich alle Beteiligten einig. Was aber nützt das, wenn einige Länder bundesweit einheitliche Tests ablehnen?
Bulmahn: Die besten Bildungssysteme verfügen über zentrale Bildungsstandards, die keinen Stoff, sondern Kompetenzen beschreiben. Wenn man den Weg geht, sich auf klare, präzise Standards zu konzentrieren, dann muss man konsequenterweise auch regelmäßig überprüfen, ob diese Ziele erreicht worden sind. Evaluierung heißt nicht nur Zentralabitur, sondern bedeutet auch, zu überprüfen, ob im dritten, im sechsten und im achten Schuljahr die gesetzten Standards in der jeweiligen Schule erreicht wurden.
VDI nachrichten: Soll der nationale Bildungsrat, den sie vorschlagen, solche Kontrollaufgaben übernehmen?
Bulmahn: Der nationale Bildungsrat soll den kritischen Blick von außen gewährleisten. Er soll frühzeitig auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen, er soll Empfehlungen entwickeln, was wir noch besser machen können.
VDI nachrichten: In den 70er Jahren hat es schon einmal einen ähnlichen Ausschuss gegeben, der aufgrund vieler verschiedener Interessenlagen zu keinen tragfähigen Beschlüssen kam und letztlich scheiterte.
Bulmahn: Ich schlage keineswegs ein Verbändegremium vor, auch keinen Ausschuss, in dem Politiker das Sagen haben, sondern ich wünsche mir ein Gremium, in dem sich Bildungsexperten zusammenfinden, um den kritischen Blick von außen zu gewährleisten. Der Rat hätte den Vorzug, dass er sich mit unserem Bildungswesen als Ganzes auseinander setzen würde.
VDI nachrichten: Ein wesentliches Element in ihren Planungen ist die flächendeckende Ausweitung von Ganztagsschulen. Kritiker sprechen von einem „vergifteten Geschenk“. Sie fürchten, dass Länder und Kommunen mit den Folgekosten der finanziell aufwändigen Schulen überfordert sind.
Bulmahn: Diese Argumentation halte ich nicht für schlüssig. Die erfolgreichen Bildungssysteme haben allesamt Ganztagsschulen, in denen jedes Kind weitaus besser individuell gefördert werden kann. Wir brauchen die Ganztagsschule auch für den projektorientierten Unterricht, der Gruppenarbeit und Experimente beinhaltet. So sind Jugendliche für Ingenieurwissenschaften zu gewinnen. Wenn Schüler naturwissenschaftliche Erkenntnisse technisch umsetzen können, erfordert das Zeit. Die gewährleistet nur die Ganztagsschule.
VDI nachrichten: Dann böte sich Raum für ein Fach Technik.
Bulmahn: Entscheidend wird sein, die Verbindungen zwischen den Naturwissenschaften und ihrer technischen Umsetzung herauszustellen. Dass also die Nähe zwischen den Naturwissenschaften und der Technik nicht durch strikte Fächertrennung aufgehoben wird. Zudem ist eine praxisorientiertere Lehrerausbildung ein Muss für unser Bildungssystem.
VDI nachrichten: Zum Thema Studium: Bei der Internationaliserung läuft nicht alles wie erhofft. Statt größerer Harmonisierung der Studiengänge ist ein Dickicht an Hochschulabschlüssen festzustellen, insbesondere bei den Ingenieurwissenschaften.
Bulmahn: Das ist ein falscher Eindruck. Wir hatten im internationalen Vergleich in der Vergangenheit eine große Breite von Abschlüssen. Mit dem gleichen Namen waren oftmals völlig verschiedene Qualifikationen verbunden. Es ist sinnvoll – und darauf haben sich die europäischen Bildungsminister 1999 in der Bologna-Erklärung verständigt –, dass wir durch Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen Abschlüsse sicherstellen, die ein bestimmtes Qualifikationsniveau gewährleisten. Deshalb ist es mir wichtig, dass Studiengänge akkreditiert werden. Diese international vergleichbaren Abschlüsse gewährleisten hohe Qualifikationsdichte und Transparenz.
VDI nachrichten: Von angehenden Ingenieuren wird mehr verlangt als nur das ohnehin schon anspruchsvolle Fachwissen. Sind die Anforderungen innerhalb eines Studiums umzusetzen?
Bulmahn: Das ist kein Problem intellektueller Überforderung, sondern die Frage sollte lauten: Wie kann ich mein Studium am sinnvollsten organisieren? Ein gutes, solides Ingenieurstudium schließt ein, dass man über den Tellerrand hinaus blickt. Die Hochschulen sind hier gefordert, in dem sie fachübergreifende Veranstaltungen anbieten, in denen beispielsweise Ingenieure mit Philosophen oder Betriebswirtschaftlern zusammen kommen.
VDI nachrichten: Google-Forschungs-Chefin Monika Henzinger brach eine Professur in Deutschland ab, weil sie sich dauernd mit „Verwaltungskram“ und Skepsis gegenüber Professorinnen konfrontiert sah. Können Sie ihr Klagen nachvollziehen?
Bulmahn: Unsere Hochschulen brauchen größere Eigenständigkeit, um Verantwortlichkeiten klar zu trennen. Das Amt des Dekans sollte nicht nur eine Beschäftigung sein, die man mal eben so neben Forschung und Lehre wahrnimmt. Dekane könnten sich in einer fünfjährigen Amtsperiode intensiv des Forschungs- und Studienmanagements annehmen. Hier sind klare Strukturen erforderlich.
Die Frauenfrage ist keine Angelegenheit gesetzlicher Regelungen. Wir haben es Ingenieurstudentinnen ermöglicht, Alternativen zu wählen: entweder in einem reinen Frauenstudiengang weiter machen oder bestimmte Studienangebote nur für Frauen heraus picken. Die Zahl der Studienabbrecherinnen hat deshalb auch bei den Ingenieurwissenschaften deutlich abgenommen. Ich glaube jedoch, dass es viel wichtiger wäre, Männer in ihrem eigenen Rollenverständnis zu hinterfragen. Kurz gesagt: Es ist eigentlich eher eine Männer- als ein Frauenfrage.
VDI nachrichten: Der VDI schlägt ein deutsches Ingenieurregister als Antwort auf bereits bestehende Einrichtungen dieser Art im Ausland vor. Das Register soll Ingenieuren Berufserfahrung und Weiterbildung zertifizieren, um dadurch international größere Vergleichsmöglichkeiten zu bieten.
Bulmahn: Ich habe diese Idee für die Fort- und Weiterbildung in den informationstechnischen Berufen bereits umgesetzt. Ich habe gemeinsam mit dem ZVEI, Bitkom und den Gewerkschaften ein Weiterbildungssystem mit Abschlüssen entwickelt, die einem Master vergleichbar sind. Wir führen derzeit Gespräche mit Vertretern der Chemiebranche, um hier etwas ähnliches auf die Beine zu stellen. Ich kann mir dieses Vorgehen auch für andere Bereiche vorstellen. W. SCHMITZ

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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