Bildung

Mehr Geld für die Lehre  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 3. 11. 06, ws – Die Masse fehlt, die Klasse ist vorhanden. Die deutsche Ingenieurausbildung braucht sich hinter dem Ausland nicht zu verstecken, meinen Ausbildungsexperten. Die ureigenen Stärken hiesiger Hochschulbildung dürften nicht blindem Reformeifer und dem eingeengten Blick in die USA geopfert werden. Über elitäre Forschungsförderung sei die Lehre nicht zu vernachlässigen.

Auch könne die Exzellenzinitiative nicht die chronisch klammen Hochschulkassen verdecken. „Wir sind in Deutschland unterfinanziert. Die Investitionen für Forschung und Entwicklung auf 3 % des Bruttosozialproduktes zu steigern, ist der richtige Weg für Deutschland. Ob wir das schaffen, ist eine andere Frage.“

Zusätzliches Geld, das den Hochschulen auch über Studiengebühren zuflösse, sei in erster Linie für ein günstigeres Betreuungsverhältnis in der Lehre einzusetzen, um, so Pritschow, „über mehr Tutoren die hohe Studierenden-Abbrecherquote von rund 30 % bis 40 % bei Ingenieuren zu senken. Die Einstellung von Lecturern, die sich nur der Lehre widmen, halte ich für ein Erfolg versprechendes Modell.“

Die neuen Studiengänge eröffneten neue Ausbildungschancen – wobei der Master nicht schlechter als das alte Diplom sein dürfe. „Der Bachelor wird so strukturiert sein, dass neue Inhalte über Softskills wie Kommunikationsfähigkeit oder projektorientiertes Arbeiten im Team einfließen. Auch das vorgeschriebene Modulsystem ist hervorragend geeignet, um den Studierenden als Kunden zu sehen. Es zwingt die Lehrenden, die Eingangsvoraussetzungen, Inhalte und Prüfungsmodalitäten der Lehrangebote offen zu legen.“

Zur Kopie eines international obligaten Studiums dürfe die deutsche Ausbildung aber nicht werden. „Die viersemestrige theoretische Grundausbildung ist ein hervorstechendes Merkmal des deutschen Systems, das aufrechterhalten bleiben sollte, allerdings angereichert durch Anwendungsbeispiele und Förderprogramme, um die hohe Abbrecherquote zu reduzieren.“

Ein Plus gegenüber anderen Ländern sei auch das Doktorandensystem. Pritschow: „Die entsprechenden Assistenten werden bei uns als selbstständige Forscher eingesetzt. Sie bekommen ein Thema nicht vorgesetzt, sondern müssen selbst die Lücke im Wissenssystem finden, um darauf eine Antwort zu geben.“ Die Studierenden seien mit ihren Studien- und Abschlussarbeiten die Zulieferer im Doktorandensystem. In England seien die Doktoranden PhD-Studenten. „Das darf bei uns über den Bolognaprozess nicht eingeführt werden“ – aber diese „Gefahr“ bestünde.

Die Politiker ruft Pritschow auf, die Erfahrungen nach Auslandsbesuchen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen zu wollen. „Gute Ansätze, gute Einzelprojekte, die an ausländischen Hochschulen Erfolg versprechen, müssen nicht zwangsläufig auf unser System passen.“ Wissenschaftler wie Politiker müssten sich kontinuierlich fragen: Was können wir künftig besser machen, ohne nur zu kopieren und ohne eigene Stärken zu opfern.

In Deutschland werde zu viel über Elite geredet und zu oft der Vergleich mit den USA herangezogen, so der Hochschulforscher Ulrich Teichler: „In den USA ist der Erfolg in einigen Bereichen auch damit verbunden, dass der Durchschnitt in anderen Bereichen deutlich niedriger liegt“, sagte Teichler der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die deutsche Tradition setze auf eine breite Streuung bei möglichst hohem Niveau. „Die Frage ist, soll man das aufgeben?“

Ein amerikanischer Assistant Professor gelte in seiner Fakultät als Kollege mit fast allen Rechten, die Abhängigkeit vom Professor sei weit geringer. Teichler: „Wenn man in Deutschland etwas ändern will, dann ist das der entscheidende Punkt.“ WOLFGANG SCHMITZ

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