Bildung 30.03.2007, 19:27 Uhr

Kulturelle Enge bremst die Bildungskarriere  

Deutschland gelingt es nicht, Migrantenkinder ins Bildungssystem einzugliedern. Die Medaille hat aber auch hier zwei Seiten: Das Beispiel der Türkin Sevilay Derin zeigt, wie kulturelle Fesseln jungen Migranten die Bildungskarriere erschweren können.

Sevilay Derin hat einen steinigen Weg hinter sich. Um ihre Träume zu verwirklichen, überwand die Türkin kulturelle Gräben. Ein Kraft raubender Prozess, den sie aber immer wieder auf sich nehmen würde.

„Nachdem ich die Kontakte zu meiner Familie verringert hatte, begann meine Karriere und mein Selbstvertrauen stieg: Ich bin ich, ich bin anders“, sagte sich die heute 36-Jährige.

Sevilay Derin absolvierte die Hauptschule, eine Lehre zur Zerspanungsmechanikerin bei ABB in Ratingen, nahm die Meisterschule auf sich und bekleidet heute als Industriemeisterin beim Energie- und Automatisierungs-Unternehmen eine Führungsposition. Damit ist die Karriere aber nicht beendet. „Ich habe mein Maschinenbaustudium derzeit auf Eis gelegt, möchte diesen Traum aber verwirklichen.“

Heute spricht man in der Familie mit Hochachtung von Sevilay. In der selben Familie, die Angst hatte, die Außenseiterin könnte ihre Wurzeln verleugnen. „Aus dieser Angst heraus resultiert in der türkischen Gemeinde große Strenge, besonders gegenüber Mädchen.“

Bei allem, was sie „erlitten“ habe, nimmt Sevilay Derin ihre Familie in Schutz. Der Umzug aus einem Dorf am Schwarzen Meer nach Deutschland sei weit mehr als der Wechsel von einem Ort zum anderen gewesen. „Die jungen Türken wissen aber, dass sie die Türkei nicht mit nach Deutschland nehmen können. Heute nehmen sich die Eltern Zeit für die Bildung ihrer Kinder. Wir wollen nicht die gleichen Fehler wie unsere Eltern machen.“

Sevilay Derin nutzte die kleine Chance, sich aus kultureller Umklammerung zu lösen. Und das innerhalb eines Bildungssystems, dem UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz Villalobos vor wenigen Tagen fehlende Chancengleichheit für arme Kinder und Schüler aus Migrantenfamilien attestierte.

Selbst bei noch so kritischem Hinterfragen steht das hiesige Bildungssystem schlecht da. Studien, und nicht nur die namens Pisa, belegen dies. Das Bundesinstitut für Berufsbildung etwa ermittelte jüngst, dass ausländische Bewerber bei gleichen schulischen Voraussetzungen deutlich schlechtere Chancen bei der Vergabe betrieblicher Ausbildungsplätze haben.

Der im Auftrag des Bildungsministeriums erstellte Bericht „Bildung in Deutschland“ betont trotz aller Kritik die guten Möglichkeiten, die das System qualifizierten Migranten eröffne. Der Bericht verweist auf die hohe Motivation der Ausländer, die sich im ungleichen Streben nach guten Schulnoten behauptet haben und die mit der Hochschulreife in der Tasche häufiger ein Studium aufnehmen als deutsche Schulabsolventen.

Dennoch zeigt ein Blick auf die Statistik, dass insbesondere bei türkischen Jugendlichen Potenziale ungenutzt bleiben. Von rund 76 Mio. Deutschen in diesem Land studierten laut Statistischem Bundesamt im Wintersemester 2005/06 gut 326 000 Ingenieurwissenschaften (0,43 %). Von 1,7 Mio. Türken in Deutschland waren es im selben Semester mit 5566 nur etwa 0,33 %.

Die Soziologin Miriam Geoghegan kommt in ihrer prämierten Magisterarbeit „zu dem überraschenden Schluss, dass die türkische Integration in Deutschland vor allem deshalb bislang gescheitert ist, weil die Migranten sich nicht voll integrieren dürfen“.

Nicht die Ausgrenzung sei das größte Problem der Integrationswilligen, sondern die Barrieren, die türkische Familien und Gemeinschaften errichteten. Für viele Familien habe der Erhalt traditioneller Kultur und religiöser Identität Vorrang vor der Integration ins Bildungs- und Berufssystem.

Geoghegan will nicht von „Schuld“ sprechen, sondern von der Notwendigkeit, dass Bildungspolitik und Migranten aufeinander zugehen. Türkeistämmige Eltern müssten erkennen, dass auch sie und nicht nur Kindergarten und Schule für die Förderung ihrer Kinder verantwortlich seien.

Die Soziologin sieht wie zahlreiche Bildungswissenschaftler die Crux im frühen Aussortieren durch das dreigliedrige Bildungssystem. „Wer mit einer geringen Ausstattung an sozialem und kulturellem Kapital in die Schule kommt, fängt mit einem Minus auf dem Konto an.“ Vier Klassen reichten nicht, um den Rückstand aufzuholen.

Faruk Sen vom Zentrum für Türkeistudien fordert als Antwort auf den Bericht des UN-Sonderberichterstatters die Abschaffung der Hauptschule. Der Verband Türkischer Unternehmer in Europa (ATIAD) spricht sich für generelle Kindergartenpflicht, Sprachförderung im Vorschulalter, mehr Ganztagsschulen sowie für eine auf die Bedürfnisse der Migrantenkinder ausgerichtete Lehrerausbildung aus.

Wie wichtig die Integration allein aus ökonomischen Gründen ist, erläuterte der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen der „Tageszeitung“: „Um 2020 müsste Deutschland jährlich 1 Mio. Migranten integrieren, allein, um die jetzige Größe der erwerbstätigen Bevölkerung zu sichern.“ W. SCHMITZ

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

Stellenangebote im Bereich Hardwarenahe Programmierung

Packsize GmbH-Firmenlogo
Packsize GmbH Software-/Systemintegrator Maschinenbau (m/w/d) Herford
Torqeedo GmbH-Firmenlogo
Torqeedo GmbH Entwicklungsingenieur Embedded Software (m/w/d) für elektrische Antriebssysteme Gilching
Schischek GmbH-Firmenlogo
Schischek GmbH Entwicklungsingenieur Elektronik (w/m/d) Langen­zenn (bei Nürnberg)
JOSEPH VÖGELE AG-Firmenlogo
JOSEPH VÖGELE AG Software-Ingenieur (m/w/d) Elektrotechnik / Technische Informatik Ludwigshafen
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen System and Requirements Engineer (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
Murrelektronik GmbH-Firmenlogo
Murrelektronik GmbH Applikationsingenieur / -Techniker (m/w/d) Oppenweiler
über D. Kremer Consulting-Firmenlogo
über D. Kremer Consulting Softwareentwickler / Software Developer (g*) Großraum Bielefeld/Herford
Dynamic Engineering GmbH-Firmenlogo
Dynamic Engineering GmbH Software Entwickler (m/w/d) Embedded Systeme München
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY-Firmenlogo
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY Ingenieurin (w/m/d) Fachrichtung Informationstechnik für den Beschleunigerbetrieb Hamburg
Ford-Werke GmbH-Firmenlogo
Ford-Werke GmbH Connectivity System Engineer (d/f/m) Köln, Home-Office

Alle Hardwarenahe Programmierung Jobs

Top 5 Weiterbild…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.