Schule

Jungen sind im Bildungssystem oft die Verlierer

Die deutsche Bildungspolitik hat den Mann entdeckt. Die Freidemokratin Miriam Gruß sieht Jungen im jetztigen Bildungssystem als Verlierer. Das könnte sich auf den Arbeitsmarkt aufwirken, weil immer mehr jungen Männern so der Zugang zum Studium verwehrt bleibt. Auch Wissenschaftler sehen ein Ungleichgewicht hinsichtlich der Bildungschancen von Mädchen und Jungen.

Die Wirtschaft zieht an, die Firmen schauen sich nach Ingenieuren um. Bei der Suche nach unausgeschöpftem Potenzial stehen vor allem ausländische Arbeitskräfte und Frauen im Fokus der Arbeitgeber. Eine Gruppe, die bislang nicht im Verdacht stand, von der Wirtschaft übersehen zu werden, sind die Männer. Jetzt werden sie dank einer Initiative von FDP und CDU in der Diskussion um Fachkräfte zum Thema.

„Jungs sind oft die Bildungsverlierer, und das wollen wir ändern“, sagt Miriam Gruß, Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion für Familienpolitik. Angesichts der schlechteren Noten und Abschlüsse, die Jungen gegenüber Mädchen in Schule und Hochschule erzielten, müssten geschlechtsspezifische Unterrichtsmethoden entwickelt werden, die traditionelle Rollen und Stereotypen in Frage stellten.

Er könne diese Sorgen nachvollziehen, sagt der Politologe, Pädagoge und als „Männerforscher“ bekannt gewordene Buchautor Thomas Gesterkamp, auch wenn diese Politik vor allem rein ökonomische Ziele verfolge. „Schließlich stand die schwarz-gelbe Koalition bislang nicht im Ruf, sich sehr für Geschlechterpolitik zu interessieren.“ Auch das oftmals strapazierte Schlagwort von der „feminisierten Schule“ sei nicht völlig von der Hand zu weisen. „In den Grundschulen unterrichteten vor 25 Jahren zwei Drittel Frauen, heute sind es bereits 90 %.“ Da fehlten den Jungs vermutlich männliche Identifikationsfiguren. Das Geschlecht der Lehrer sei aber nicht das ausschlaggebende Problem. „In Deutschland haben wir bei der Praxisorientierung traditionell ein großes Defizit.“ Statt Bildung auch über die Sinne zu fördern, würde strikt am Frontalunterricht im Klassenraum festgehalten.

Das sei gut und schön, erwidert Ursula Kessels, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Köln, es sei aber kein Geschlechter relevantes Problem. Schließlich hätten Mädchen genauso viel Spaß an erlebnisorientiertem Unterricht wie Jungs. Auch konnten vorliegende Studien keine Nachweise erbringen, dass Jungen bei männlichen Lehrern bessere Leistungen erbringen als bei weiblichen.

Die Fragen hingegen, warum männliche Schüler etwas besser in Mathematik abschneiden, Mädchen weit besser bei dem Lesen, und warum Jungen schlechtere Zeugnisse vorweisen als Mädchen, bedürften eingehender Untersuchung, seien aber noch nicht ausreichend beantwortet. „Die Schulnoten bilden andere Ergebnisse ab, als die Schlüsse, die wir aus standardisierten Tests ziehen“, erläutert Ursula Kessels.

Allerdings sei bekannt, dass Mädchen häufiger ein Arbeits- und Lernverhalten zeigten, das schulischen Erfolg wahrscheinlicher mache. Ursula Kessels: „Sie investieren mehr Zeit für die Schule, haben höheres Interesse an der Schule und sind gewissenhafter und verlässlicher.“

Durch bessere Noten eröffneten sich Mädchen zwangsläufig mehr und hochwertigere Karrierewege. „Das Gymnasium bietet eben eine lernförderlichere Umgebung als die Hauptschule.“ Im dreigliedrigen Schulsystem profitierten diejenigen dauerhaft, die es aufs Gymnasium schafften. Jungen sind hier aber unterrepräsentiert. Und dies, obwohl Jungen nachgewiesenermaßen nicht weniger intelligent seien als Mädchen.

Dieses Ungleichgewicht der Geschlechter werde durch das „Turbo-Abitur“ mit nur noch zwölf Schuljahren gefördert, befürchtet der Lüneburger Pädagogik-Professor Matthias von Saldern. „Die meisten Spätzünder sind Jungs.“ Das verkürzte Abitur lasse ihnen keine Zeit zum Reifen.

Aber das gesamte Schulsystem habe sich zum Nachteil der Jungen verändert, bilanziert der Wissenschaftler. „Das reicht von der Gestaltung der Schulbücher bis zur immer stärkeren sprachlichen Orientierung.“

Einen Eindruck, welche wirtschaftlichen Folgen die wachsende Zahl an Abiturientinnen bei gleichzeitiger Abnahme männlicher Akademiker haben kann, vermittelte die Studie „Not am Mann“ am Beispiel Ostdeutschlands bereits vor drei Jahren. Dort erzielen Mädchen, so das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, auch im Vergleich deutscher Regionen weit bessere Schulabschlüsse als ihre männlichen Altersgenossen.

Gerade in den wirtschaftsschwachen Landstrichen quittierten Abiturientinnen die schlechten beruflichen Aussichten mit Abwanderung. Die Folgen: Durch den Männerüberschuss verschlechtere sich das soziale Klima ebenso wie die Wirtschaftslage, da schlecht qualifizierte Männer kaum zur Ansiedlung neuer Unternehmen reizten.

Das Berliner Institut empfiehlt jungen Männern neben verstärkten Bildungsbemühungen auch zur Bereitschaft, „in Dienstleistungsberufe vorzudringen, die gerade im Osten immer noch als ,weiblich“ gelten“. Dies seien Attribute wie Kooperations-und Teamfähigkeit, soziale Kompetenz und Fürsorge. Das erfordere konsequentes Umdenken: „Vielen männlichen Jugendlichen ist nicht bewusst, dass sie in Sachen Bildung zu einem schwachen Geschlecht geworden sind.“ W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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