Bildung

Ingenieurin auf der Schulbank

VDI nachrichten, Königswinter, 6. 2. 04-Aussiedler und Asylbewerber mit einem Ingenieur-Diplom so wie Elena Schall profitieren beim Neustart vom Akademikerprogramm.

Elena Schall erinnert sich noch genau an den Tag ihrer Einreise in die Bundesrepublik: den 7.11.1998. Das war nämlich der zweite Anlauf: Zwei Wochen zuvor, auf dem Weg zum Flughafen, setzten bei ihr die Geburtswehen ein. Der Sohn der Aussiedlerfamilie hatte sich vorzeitig angekündigt. Für die damals 35-jährige Ingenieurin aus der russischen Stadt Volgograd war alles in Deutschland neu. Sie verstand die Menschen auf der Straße und die Filme im Fernsehen nicht, Mülltrennung und Fahrkartenautomat waren ihr unbekannt. Nur eins war klar: Sie wollte weiterhin ihren Beruf ausüben. Schließlich hatte sie in der Heimat Elektrotechnik und Automatisierung studiert und über zehn Jahre in diesem Fach gearbeitet: zunächst in einem Forschungsinstitut für Kunststofferzeugnisse, später bei einem Reifenhersteller im Labor. Es waren angesehene, gut bezahlte Jobs. Sich als Putzfrau oder Verkäuferin zu verdingen – keine Perspektive für Elena Schall.
Im Aussiedlerwohnheim erfuhr Schall, dass es die Otto-Benecke-Stiftung gebe, die eingewanderten Akademikern helfe. Die zweifache Mutter hatte zwar wenig Hoffnung, dass sie trotz Baby das strenge Auswahlverfahren bestehen würde, aber sie schickte ihre Unterlagen nach Bonn. „Die Leute kommen völlig verzweifelt zu uns, nachdem sie überall gehört haben: Vergessen Sie Ihren Beruf! Der Arbeitsmarkt gibt selbst für Deutsche nichts her“, sagt Dagmar Maur, Leiterin des Akademikerprogramms (AKP) für bis zu 50-jährige Spätaussiedler und andere Gruppen.
Auch ein voll anerkanntes ausländisches Diplom – was selten der Fall ist – ebnet noch längst nicht den Weg zum qualifizierten Job. Ingenieure z. B. müssen sich auf moderne Maschinen umstellen und technisches Englisch büffeln. EDV-Kenntnisse müssen fast alle osteuropäischen Akademiker nachholen. In der Planwirtschaft aufgewachsene Arbeitskräfte sind meist nicht daran gewöhnt, ordentliche Bewerbungsmappen zusammenzustellen und sich im Vorstellungsgespräch offensiv zu verkaufen. Da der Einzelne häufig kaum in der Lage ist zu überblicken, was ihm noch fehlt, legt das AKP viel Wert auf individuelle Beratung und Betriebspraktika. Für die Seiteneinsteiger wurden berufsbezogene Sprachkurse und einjährige Studienergänzungen an mehreren Hoch- und Fachhochschulen entwickelt. Die OBS-Stipendiaten nutzen die Labore, Werkstätten und Computerräume, besuchen dort jedoch nur die eigenen Vorlesungen und Seminare. Ihr Studium ist viel kompakter: Schließlich müssen sie nicht beim ABC anfangen.
Bei der Stipendiatenauswahl wird auch die Motivation geprüft: Nicht jeder einst gestandene Spezialist ist bereit, wieder einfacher Student und Praktikant zu sein. Für Elena Schall war der Neuanfang doppelt so hart. Sie musste wegen der Studienergänzung Elektrotechnik für zehn Monate nach Steinfurt, zur Zweigstelle der Fachhochschule Münster, umziehen. Ihr Ehemann sei damit nicht einverstanden gewesen, behauptet sie. Er habe daher die Scheidung eingereicht und den kleinen Sohn behalten. Erst vor kurzem sei es ihr gelungen, vor Gericht das Sorgerecht zu erkämpfen. Sie ließ sich durch diese Bedingungen jedoch nicht beirren und drückte im Jahr 2000/2001 wieder die Schulbank: ein fast vergessenes Gefühl.
Die Inhalte bereiteten der erfahrenen Ingenieurin keine Probleme. Anders die Fachsprache. Manche Vorlesung wurde erst klar, als sie über den Büchern saß und die vertrauten Formeln entdeckte. Auch an den Computer musste sie herangeführt werden: Zusammen mit den anderen eingewanderten Kollegen lernte sie Word, Excel, Power Point und berufsspezifische Programme.
Eines Tages hing am Schwarzen Brett der Fachhochschule ein Zettel: „Die Firma Systherms sucht einen Elektroingenieur mit Visualisierungs- und Programmierungskenntnissen“. Schall hatte von Visualisierungstechnik keine Ahnung und beachtete die Anzeige nicht weiter. Schließlich schickte sie doch eine Bewerbung und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen, dann ein zweites Mal. Die Aussiedlerin gab ihre Defizite offen zu und bestand darauf, die Weiterbildung noch abschließen zu dürfen. Der Chef habe sie noch gewarnt: „Dann müssen Sie noch viel lernen“. Worauf Schall antwortete: „Ja, klar! Aber ich bin lernfähig und lerne gern“. Das muss überzeugend geklungen haben. Seit zwei Jahren ist sie in der Firma. Beim mittelständischen Hersteller von industriellen Vakuumöfen aus Süddeutschland ist die Ingenieurin für die Erstellung von Schaltplänen und Betriebsanleitungen zuständig. Eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, betont sie, denn wenn die Wärmebehandlung nicht richtig programmiert oder ausgeführt würde, würde der Ofen explodieren.
Manchmal denkt die energiegeladene Blondine, sie habe bisher doch viel Glück gehabt. In der neuen Heimat praktisch bei Null angefangen, hat sie nur fünf Jahre später eine spannende Arbeit, eine Wohnung, ein Einkommen. Damit gibt sie sich nicht zufrieden und will jetzt noch lernen, ein Projekt vom Anfang bis zum Ende ganz alleine durchzuführen. Ja, und ein Haus will sie bauen, für sich und die Kinder.
MATILDA JORDANOVA-DUDA

Von Matilda Jordanova-Duda

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