Studium

„Ingenieuren fehlt häufig die Brücke zu anderen Tätigkeiten“

„Hochschulbildung sollte als Schlüssel zu vielen Karrierewegen verstanden werden“, fordert Frank Stefan Becker, Vorsitzender des Arbeitskreises Ingenieurausbildung im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Der Satz „Schuster bleib“ bei deinen Leisten“ sei längst überholt. Was Deutschland brauche, seien mehr Ingenieure „mit Zusatzwissen in nahezu allen Bereichen“. Dem müsse das Ingenieurstudium Rechnung tragen.

VDI nachrichten: Warum wurde durch den Bologna-Reformprozess all das infrage gestellt, was früher einmal gut gewesen sein soll?

Becker: Die deutsche Ingenieurausbildung war und ist sehr gut, sie lief nur zu sehr auf eine rein technische Laufbahn hinaus. Es gibt immer mehr junge Menschen, die andere Karrierewege gehen. Wir registrieren bei ihnen ein geringes Interesse an langen, stark technisch orientierten und vor allem in der Einstiegsphase sehr theoretischen Studiengängen. Die Folgen: Zu wenige Studienanfänger, hohe Abbrecherquoten und wenige Frauen. Da kann man sich doch nicht zurücklehnen und sagen: Alles wunderbar. Der Bologna-Prozess trägt stärker als früher den Bedürfnissen der Studierenden Rechnung.

Aber es gibt Stimmen, die vor allem an der Qualität des Bachelor zweifeln.

Das Problem hierzulande ist nicht, dass so viel, sondern so wenig geändert wurde. Die Struktur mit viel Theorie zu Studienbeginn ist oft beibehalten worden. Die TU Darmstadt zeigt, wie es gehen könnte. Dort starten die Erstsemester mit einem Projekt. Man muss mit dem Ziel anfangen, um mit der Faszination Technik zu begeistern. So zieht die Entwicklung eines neuen Autotyps mehr in ein Studium als die Materialtheorie der Vorderachse. Statt zu motivieren wird über Demotivation ausgesiebt.

Ein wesentlicher Vorwurf lautet, das Bachelorstudium sei verschult und ließe wenig Raum für Kreativität.

Das Bachelorstudium ist an vielen Hochschulen tatsächlich verschulter. An einer Universität hat sich die Zahl der Prüfungen verdoppelt. Das muss nicht sein. Es steht nirgendwo geschrieben, so viele Prüfungen ins Studium zu packen. Auch die Industrie verlangt nicht danach. Es gibt keine fixe Semesterzahl, die einen fertigen Ingenieur ausweist. Egal, wie lange die Regelstudienzeit ist, man könnte immer noch weiterlernen.

Zurück zur Ausgangsfrage: War das Diplom denn nun besser oder schlechter?

Das Problem ist, dass der Bachelor unzulässigerweise mit dem längeren Uni-Diplom verglichen wird. Die meisten Universitäten haben sich in ein sechssemestriges Bachelorkorsett gezwängt. Der Bachelor sollte die Wissensbasis für einen Ingenieur bilden, um darauf aufzubauen zu können. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, müssen wir nicht die Spitze verschmälern, sondern die Basis verbreitern – gute Bachelor werden gebraucht!

Aber Konzerne suchen doch nur die Besten, oder?

Unternehmen brauchen die Passenden für die aktuellen Anforderungen. Siemens z. B. schreibt keine akademischen Grade mehr in die Stellenausschreibungen. Es geht um die Fachrichtung, den Studienschwerpunkt und die Zusatzqualifikation. Letztlich schaut man sich die Person an. Kommt jemand von einer Universität, wird er anders ausgebildet sein und andere Vorstellungen haben als ein Absolvent einer Fachhochschule. Beide aber haben ihren Wert.

Der Bachelor ist für Sie also ein vollwertiger Ingenieurabschluss?

Der Bachelor kommt in den Unternehmen an, wie die jüngste Studie der Universität Kassel beweist. Kleinere Firmen sind zurückhaltend, weil der Abschluss in öffentlichen Diskussionen oft diskreditiert wird. Ich halte diese Vorurteile für unverantwortlich. Die Ingenieure haben mit den neuen Abschlüssen gute Chancen im Markt. Bei Siemens z. B. ist weltweit der Bachelor die Regel.

Die Technikentwicklung ist rasend und stellt erhöhte Anforderungen an Ingenieure. Muss das Studium nicht thematisch tiefer bohren?

Mit der Vermittlung eines lebenslang reichenden Wissenspaketes wären die Hochschulen schlichtweg überfordert. Sie können jungen Leuten aber die Augen öffnen und sie auf die Herausforderungen vorbereiten. Da sind auch die Unternehmen gefragt, die jungen Menschen frühzeitig auf die Praxisanforderungen einzustimmen. Hochschulbildung sollte als Schlüssel zu vielen Karrierewegen verstanden werden.

Aber die deutsche Stärke war doch immer die exzellente Fachausbildung.

Wir leben in Deutschland immer noch in einer Handwerkerkultur, in der der Satz gilt: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Unsere Stärke ist es traditionell nicht, etwas Neues zu wagen oder uns in fremden Fachbereichen zu tummeln. Von diesem handwerklich dominierten Denken müssen wir uns lösen. Gerade beim deutschen Ingenieur werden Abweichungen vom traditionellen Berufsbild mit Argwohn beäugt. Dabei fehlt uns die Brücke zu anderen Tätigkeiten. Technik ist allgegenwärtig, deshalb werden Technikfachleute mit Zusatzwissen in nahezu allen Bereichen gebraucht. Teilwissen wird seltener verlangt als die Fähigkeit, das vorhandene Wissen zu einer Problemlösung zusammenzufügen. Als Anwender, als Entwickler, als Entscheider werden solche Leute gesucht. Sie müssen kompatibel, flexibel sein.

Die Zuverlässigkeit war die Stärke des deutschen Ingenieurs. Das soll auch so bleiben. Wir müssen nur das Selbstverständnis des Ingenieurs überdenken. Es sind nicht nur die Besten mit exzellenten Noten gefragt. Wir brauchen Ingenieure in der Breite. Wir müssen wegkommen vom reinen Elitedenken.

Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg von „made in Germany“?

Die enge Verbindung von den Hochschulen zu einer breiten industriellen Basis gibt es in kaum einem anderen Land der Welt. Die sollten wir nutzen. Entwicklungen wie das Elektroauto werden nur dann zum Erfolg führen, wenn die Tiefe mit der Breite der Ingenieurausbildung einhergeht.

 

Von Wolfgang Schmitz

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