Bildung

Im Betrieb mit zur Meisterklasse zählen

Während sich die Endnote bislang aus dem Berufsschulzeugnis und der ausschlaggebenden Prüfung zusammensetzte, soll in Zukunft auch einfließen, inwieweit sich der Azubi am Arbeitsplatz bewährt hat.

Das „Bündnis für Arbeit“ schließt eine Überprüfung der dualen Berufsausbildung ein, um das Verhältnis zwischen Berufsschule und Lehre im Betrieb beziehungsweise außer- oder überbetrieblichen Einrichtungen zu verbessern. „Die Prüfungen in den Ausbildungsberufen zum Gesellen, Facharbeiter oder Fachangestellten sind total veraltet“, erklärt Helmut Pütz, der Generalsekretär des staatlichen Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB).
Bisher legen die Azubis nach der Lehre vor der Handwerks- oder Industrie- und Handelskammer eine Abschlussprüfung ab, die aus einem theoretischen Examen und dem Gesellen- oder „Prüfungsstück“ besteht. In der punktuellen Prüfung kommen die umfassenden Anforderungen an eine heutige Fachkraft, insbesondere das Verständnis von Prozessen, nach Auffassung von Kritikern allerdings nicht ausreichend zur Geltung. Dabei ist die Optimierung von Arbeitsgängen in der hoch entwickelten Wirtschaft eine wesentliche Quelle der Wertschöpfung. Dementsprechend plädierte kürzlich Günther Fleig, Personalvorstand von DaimlerChrysler, vor dem Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung für eine Ergänzung der herkömmlichen Abschlussprüfungen „durch branchen- und betriebsorientierte Auditierungsverfahren“. Die bislang ehrenamtlichen Prüfer sollen sich also während der Lehrjahre stichprobenartig davon überzeugen, wie geschickt der oder die Azubi sich in die Betriebsabläufe einmischt.
BiBB-Chef Pütz schlägt für die Prüfung neuer Art gleich eine drittelparitätische Lösung vor: Ein Drittel der Endnote soll auf dem Berufsschulzeugnis beruhen, das zweite von der bislang allein ausschlaggebenden Prüfung vor der Kammer abhängen und ein Drittel von der Bewährung am betrieblichen Arbeitsplatz.
Der Deutsche Industrie- und Handelstag favorisiert ferner eine teilweise variable Ausbildung. Sein „Satellitenmodell“ besteht aus zwingend vorgeschriebenen Lerneinheiten (Modulen) für Kernkompetenzen und Wahlbausteinen – je nach der beabsichtigten Spezialisierung des Azubis. Über die Modularisierung des Fachwissens führt die Erstausbildung wie von selbst in die (lebenslange) Weiterbildung.
Längst sind Ausbildungsberufe auch für Abiturienten attraktiv geworden. In so genannten Sonderausbildungsgängen können sie beispielsweise nach zwei Jahren zum Berufsabschluss als Industriekaufmann gelangen und diesen in einem weiteren Jahr an Verwaltungs- und Wirtschafts- beziehungsweise Berufsakademien ausbauen. Nach einer Umfrage des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ (IW) halten die Unternehmen diese Abiturientenausbildung und das etwas längere Fachhochschulstudium für fast gleichwertig.
Umgekehrt bieten private Fachhochschulen wie die Nordakademie in Elmshorn schon länger eine Verbindung von Lehrstelle und Studium. Mittlerweile haben sich auch staatliche FHs mit Arbeitgebern zu rund 90 dualen Studiengängen zusammengetan, in Köln etwa für Kraftfahrzeugtechnik, in Iserlohn im Maschinenbau.
Der Lehrling mit Fachhochschulreife nimmt gleichzeitig ein „ausbildungs- und berufsbegleitendes“ Freizeit-Studium auf, meist über Lehrbriefe oder Multimedia. In zweieinhalb Jahren winkt der Facharbeiterbrief, nach fünf Jahren das Ingenieurdiplom. Die dual ausgebildeten FH-Absolventen seien unter angehenden Führungskräften im Verhältnis doppelt so stark vertreten wie solche mit dem üblichen akademischen Abschluss, erklärt Dietger Mainz von der Nordakademie.
Die wachsende Beliebtheit bei Jugendlichen mit höherer Schulbildung ist die schöne Seite der dualen Berufsausbildung. Nicht zu übersehen ist aber die zunehmende Anzahl Minderbegabter, die heute keinen Berufsabschluss mehr schaffen. Auch ihnen eine Qualifizierung zu ermöglichen, das ist für BiBB-Generalsekretär Pütz die Hauptherausforderung an die berufliche Bildung. MONIKA ETSPÜLER
Learning and doing: Wer gute Noten haben will, soll auch im Betrieb Leistung bringen.
Die Kraft der zwei Wege: Ausbildungsberufe erfreuen sich steigender Beliebtheit auch bei Abiturienten.

Von Monika Etspüler

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