Bildung

Heute handeln, um morgen die Bildungsfrüchte einzufahren  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 4. 8. 06, ws – Noch stimmen die Rahmenbedingungen für die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands, meint der Kölner Wirtschafts- und Bildungsfachmann Dieter Dohmen gegenüber den VDI nachrichten. Gelänge es aber nicht, mehr junge Menschen höher zu qualifizieren und die Weiterbildung als wichtigen Bestandteil der Personalentwicklung zu etablieren, verliere das Land die internationale Konkurrenz aus den Augen.

Dohmen: Wir haben versucht, die Faktoren zu ermitteln, die für die technologische Leistungsfähigkeit von Bedeutung sind. Die Studie hat gezeigt, dass hochschulische Bildung und Weiterbildung für Innovation und technologische Leistungsfähigkeit von stärkerer Bedeutung sind als Sekundärbildung (Ausbildung an mittel- und höheren bzw. Berufsschulen, die Red.).

VDI nachrichten: Wie ist es um den Bildungsstand der Deutschen bestellt?

Dohmen: Die meisten anderen Länder sind sehr dynamisch, haben ihr Potenzial bei den Hochschulabsolventen besser ausgeschöpft als wir und die Zahlen teils erheblich gesteigert. So lag nach OECD-Informationen die Studienanfängerquote, also der Anteil der Erstsemester an der gleichaltrigen Bevölkerung, 2003 (neuere Zahlen OECD-Zahlen gibt es nicht) in Deutschland bei 36 %, Länder wie Schweden (80 %) und Finnland (73 %) erreichen dagegen deutlich höherer Werte.

Eine ähnliche Positiventwicklung gilt in diesen Ländern auch für die Weiterbildung. Die Entwicklung in Deutschland stagniert weitestgehend. Besonders Besorgnis erregend sind Indizien, die auf eine schlechtere Qualifizierung der heute 25- bis 35-Jährigen im Vergleich zu ihrer unmittelbaren Vorgängergeneration hindeuten. Trotz niedriger Hochschulabsolventen- und Weiterbildungsquoten stimmen die Rahmenbedingungen für die technologische Leistungsfähigkeit – noch. Das wird sich in den nächsten Jahren aber ändern, wenn nicht höher qualifiziert wird.

VDI nachrichten: Woran liegt es, dass eine ganze Generation auf ein tieferes Bildungsniveau sackt?

Dohmen: Die Ursachen sind nicht eindeutig. Festzuhalten bleibt, dass ein erheblicher Anteil junger Menschen das Schulsystem ohne Abschluss verlässt, insbesondere diejenigen mit Migrantenhintergrund. Es ist nicht gelungen, diese und andere benachteiligte Gruppen in das Bildungssystem zu integrieren. Hier droht die soziale Schere, immer weiter auseinander zu klaffen.

VDI nachrichten: Welche Bedeutung haben die neuen Studiengänge für die Kompetenzen, die Hochschulabsolventen künftig mitbringen werden?

Dohmen: Der größte Anteil der Absolventen wird mit dem verkürzten Bachelorstudium auf den Markt gehen. Die Unternehmen werden daher in zehn Jahren mit weniger Höchstqualifizierten konfrontiert sein als heute und ihren Bedarf nicht decken können. Der Weiterbildungsbedarf in den Unternehmen wird steigen. Die Anforderungen an Personalrekrutierung und -entwicklung werden deutlich zunehmen.

VDI nachrichten: Eine aktuelle Studie besagt, dass der demografische Wandel in der Bildung erhebliche finanzielle Möglichkeiten eröffnet. Es ist von Einsparungen von bis zu 100 Mrd. € die Rede. Sollte das freiwerdende Geld in die Hochschulen fließen, die wiederum mehr Master ausbilden, als ihnen das heute aus finanzieller Sicht möglich ist?

Dohmen: Es ist ein zentrales Problem, dass die Kapazitäten für die Masterausbildung begrenzt werden. Wird aber mehr Geld in die Masterausbildung gepumpt, muss sichergestellt sein, dass das Geld auch wirklich in die Qualitätsverbesserung und in zusätzliche Kapazitäten fließt.

VDI nachrichten: Welche Maßnahmen könnten greifen, um die Zahl der Studierenden zu erhöhen?

Dohmen: Langfristig muss schon im Kindergartenalter stärker gefördert werden. Kurzfristig wären leichterte Zugangsmöglichkeiten von Absolventen aus dem dualen System zum Studium eine Überlegung wert.

VDI nachrichten: Sind zusätzliche Gelder Schlüssel zum Bildungserfolg?

Dohmen: Zu sagen, wir haben in einigen Jahren weniger Schüler, dann sparen wir Geld, um letztlich alles so zu lassen, wie es ist, kann nicht der richtige Weg sein. Wir müssen zunächst pädagogische Reformprozesse und Fördermaßnahmen einleiten, die Lehrerbildung anpassen, Klassenstärken flexibilisieren und zusätzliches Personal einstellen können. Dafür muss Geld bereitstehen. Wenn die Maßnahmen erfolgreich waren, kann ein Teil der zusätzlichen Kosten eingespart werden, weil wir weniger Nachqualifizierungsbedarf, weniger Sitzenbleiber und Schulabbrecher haben. Das rechnet sich schließlich in einer demografischen und pädagogischen Rendite. Wichtig aber ist, jetzt mit Reformen zu beginnen, um in zehn bis 15 Jahren am Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu sein. Geld ist sicher nicht unwichtig, mindestens genauso wichtig sind aber die Veränderungen im Bildungssystem.

VDI nachrichten: Sind in der Politik Wille und Dynamik erkennbar, Reformen anzugehen?

Dohmen: Ich habe den Eindruck, dass Veränderungen eher formal ablaufen, ohne dass ihnen wirklich Leben eingehaucht wird. Das hat verschiedene Gründe: So fehlt vielen Bundesländern und Kommunen schlichtweg das Geld, die Bildungslobby ist bisweilen schwächer als andere Lobbys und der Reformwille in manchen Schulen ist begrenzt. Ein Problem ist sicher auch, dass die Länder, in denen die Hochschulen angesiedelt sind, diese auch unterhalten müssen.

Den Ertrag, den die Absolventen wirtschaftlich erbringen, haben diese Länder aber nur zum Teil, weil zahlreiche Absolventen in andere Bundesländer abwandern und dort Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Es profitieren dann nicht die ausbildenden Länder von den höher Qualifizierten, sondern andere Länder und der Bund, der nicht an der Finanzierung beteiligt ist. Darum kommt es letztlich zur Unterfinanzierung der Bildung. Wir müssen gewährleisten, dass die Länder, die die Erträge haben, auch stärker an den Kosten beteiligt sind, um so einen Ausgleich zu schaffen und zusätzliche Studienplätze bereitzustellen.

VDI nachrichten: Ist der Vorschlag des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministers Zöllner sinnvoll, dass das Herkunftsland eines Studenten, sagen wir Baden-Württemberg, dessen Studienplatz in einem anderen Bundesland, etwa Berlin, finanziert?

Dohmen: Das ist ein sinnvoller Ansatz, da Berlin so einen Anreiz hätte, seine Studienplatzkapazitäten beizubehalten. Ich bezweifele aber, dass das politisch umsetzbar ist. Dazu wäre die Zustimmung der Länder vonnöten, die vom bisherigen System profitieren. Ich bin skeptisch, dass es hier zu einem allseitigen Bewusstseinswandel kommt.

VDI nachrichten: Könnte mehr Geld Anreize setzen, Kinder und Jugendliche für technische Ausbildungen zu begeistern, etwa über eine deutlich bessere Ausstattung der Schulen mit Computern?

Dohmen: Sicherlich sind viele Schulen technisch katastrophal ausgerüstet. Das Ausstatten mit Gerätschaften reicht aber nicht allein, wenn die Lehrer nicht dazu befähigt werden, damit pädagogisch sinnvoll umzugehen. Außerdem ist das mangelnde Technikinteresse häufig auf langweiligen Unterricht zurückzuführen, der wenig mit der Lebenswelt der Kinder zu tun hat. Bessere Ausstattung ist die eine Seite, intensivierte Lehrerausbildung die andere. Auch erreichen wir die Mädchen nicht. Wenn wir permanent über Technik in und am Auto reden, wird sich daran nichts ändern.

VDI nachrichten: Auch in der Weiterbildung hakt es. Wäre ein mit zusätzlichen staatlichen Geldern gefördertes Weiterbildungs-Bafög motivierend?

Dohmen: Mit dem bestehenden Instrumentarium, vor allen Dingen mit der Abzugsfähigkeit von Weiterbildungsausgaben in der Einkommenssteuer, begünstigen wir vor allem diejenigen mit höherem Einkommen bzw. aus bildungsnahen Schichten. Weite Teile der Bevölkerung werden so nicht erreicht. Es wird ein wichtiges Ziel des von der Bundesregierung angedachten Bildungssparens sein, das zu schaffen. Zusätzliche Maßnahmen sind also bitter nötig. Ob ein Weiterbildungs-Bafög oder ähnliche Finanzierungshilfen tatsächlich bildungsferne Schichten erreichen, ist eine andere Frage. Denn das ändert leider nichts an der immer noch weit verbreiteten Negativeinstellung gegenüber Lernprozessen.

VDI nachrichten: . . . die auch in den Unternehmen vorherrscht?

Dohmen: Auf die Unternehmen wirken zwei Denkrichtungen: Die Personalentwicklung weist zurecht auf den Weiterbildungsbedarf hin, während dem kurzfristigen Interesse der Aktionäre und des Kapitalmarktes länger wirkende Investitionen nicht wichtig sind. Aber ohne Weiterbildung ist auf Dauer im Wettbewerb nicht zu bestehen. Die Personalentwicklung wird sich hier durchsetzen müssen.

Unabhängig davon lässt sich festellen, dass die Bildungsrenditen mit normalen Kapitalrenditen konkurrieren können, in der Tendenz liegen sie sogar höher.

VDI nachrichten: Ihr Fazit?

Dohmen: Wir müssen jetzt alles daransetzen, die jüngeren Jahrgänge höher zu qualifizieren. Lassen wir in Zukunft alles so weiterlaufen, schießen die Folgekosten innerhalb der nächsten zehn Jahre gewaltig in die Höhe, weil wir enorme Probleme bekommen, hoch qualifizierte Stellen zu besetzen. Wenn wir heute etwas tun, haben wir vielleicht noch größere Erträge, als die von Ihnen erwähnte Studie errechnet hat. WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz
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