Stipendien

Gießkanne für Ingenieure

Über ein Jahr nach dem Startschuss hinkt das Projekt Deutschlandstipendium den Erwartungen hinterher. Für Ingenieurwissenschaftler aber überwiegen die schönen Seiten. Sie haben deutlich höhere Chancen auf Förderung als ihre Kommilitonen. Und werden vom System dennoch bisweilen benachteiligt.

Die Universität Bayreuth hat ein Problem. Zwar gibt es in Oberfranken viele mittelständische Unternehmen, die bereit sind, Bayreuther Studenten mit einem Deutschlandstipendium zu unterstützen. Doch auf eine entscheidende Gegenleistung mögen die Gönner partout nicht verzichten. Sie wollen ganz genau bestimmen, in welchen Fachbereich ihr Geld fließt. Juristen und Betriebswirte stehen auf ihrer Beliebtheitsskala oben, vor allem aber Ingenieure.

Ein Drittel aller Deutschlandstipendien dürfen die Hochschulen allerdings nicht fachgebunden vergeben. So steht es im Gesetz zur Schaffung eines nationalen Stipendienprogramms, das die schwarz-gelbe Bundesregierung vor zwei Jahren auf den Weg gebracht hatte.

Damit sollte von vornherein vermieden werden, dass Altorientalisten, Tibetologen und andere vermeintlich wirtschaftsferne Studenten gänzlich leer ausgehen. „Hier sehen wir für unsere Universität gewisse Schwierigkeiten“, sagt Claas Hinrichs von der Universität Bayreuth, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre tätig ist und auch das Deutschlandstipendium betreut. „Dies kann unter Umständen dazu führen, dass nicht alle fachgebundenen Stipendien vergeben werden können, wenn die Zahl der freien Stipendien nicht ausreicht.“

Genauso ist es gekommen. Nun können die Bayreuther zum Wintersemester 2012 nicht über 50 Studenten fördern, sondern nur 46. „Die Wirtschaftsförderer geben alle eine Fachbindung vor“, bestätigt Henning Karsten, Referent für Stipendien, Fundraising und Alumni an der Technischen Universität Braunschweig. Die Niedersachsen haben fleißig für das Deutschlandstipendium getrommelt, ihre Stipendienzahl von 60 im vergangenen auf rund 70 in diesem Jahr erhöht.

Nach anderthalb Jahren Deutschlandstipendium fällt die Zwischenbilanz dennoch keineswegs rosig aus. Genau 5375 Studenten zwischen Flensburg und Rosenheim durften sich im vergangenen Jahr über 300 € Unterstützung pro Monat freuen. Das entspricht einer Quote von ungefähr 0,2 % der gesamten Studierendenschaft. Als mittelfristiges Ziel hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan zuvor eine Quote von bis zu 8 % ausgegeben. Diese Messlatte scheint erst in sehr ferner Zukunft erreichbar – wenn überhaupt.

Lars Herre hat sein Stipendium schon in der Tasche. Der 22-jährige Schwabe bastelt an der Universität Stuttgart an seinem Bachelor in Erneuerbare Energien, befindet sich gerade im fünften Semester des Ingenieurstudiengangs. „Die finanzielle Unterstützung gibt selbstverständlich mehr zeitlichen Freiraum, um sich auf das Studium zu konzentrieren“, berichtet Lars Herre, der in der Robert Bosch GmbH einen renommierten Förderer hat.

Zu seinem Sponsor pflegt er gute Kontakte, ist dort sogar als Werkstudent beschäftigt. „Die finanzstarken Förderer sind zum größten Teil auf der Suche nach Nachwuchsingenieuren“, meint er.

Herres Beobachtungen decken sich mit den Fakten. Denn Ingenieurwissenschaftler haben tatsächlich deutlich höhere Chancen auf Förderung als Germanisten, Mediziner oder Kunststudenten. Exakt 1474 Tüftler und Techniker durften sich im Jahr 2011 über Stipendiengeld freuen. Damit vereinen sie 27 % der Fördermittel auf sich, machen aber insgesamt nur 20 % aller Studenten in Deutschland aus. Überrepräsentiert sind auch Mathematiker und Naturwissenschaftler. Zum Vergleich: 19 % aller Studierenden belegen ein sprach- oder kulturwissenschaftliches Fach, von den Deutschlandstipendiaten aber nur 13 %.

Bei der Bewerbung für ein Deutschlandstipendium spielt das Fach also eine Hauptrolle, aber eine von mehreren. Auch auf gesellschaftliches Engagement legen die Universitäten Wert, gute Noten sind ohnehin eine Grundvoraussetzung. Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg etwa, die gerade zum ersten Mal Deutschlandstipendien vergibt, verlangt unter anderem einen aktuellen Mindestnotenschnitt von 1,3.

Bewerbungen, die ein schwächerer Schnitt zierte, wurden erst gar nicht zugelassen. Und Lars Herre kam zugute, dass er außerhalb der Universität auch im Schwimmverein seine Bahnen zieht und ehrenamtlich in einer Nachhilfegruppe tätig ist. Trotz allem ist der Run aufs Programm groß. „Wir haben die Bewerberzahlen im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln können“, sagt Henning Karsten. Damit kommen an der TU Braunschweig nun zehn Bewerber auf ein Deutschlandstipendium, in Bayreuth sind es sogar zwölf.

Die Bewerbungsfristen für das Wintersemester 2012 sind mittlerweile an nahezu allen Hochschulen abgelaufen, die Auswahlverfahren laufen hingegen meist noch.

Schon jetzt scheint klar, dass Ingenieure in vielen Fällen wieder die Nase vorn haben werden. „Das ist für die Wirtschaftsunternehmen ein Recruiting-Instrument“, sagt Henning Karsten. Und deren Bedarf nach Ingenieuren ist nun einmal größer als nach Kunsthistorikern. Auf die Frage, ob Ingenieure grundsätzlich bessere Chancen auf ein Deutschlandstipendium hätten als andere, weiß auch Lars Herre, der Musterstudent aus dem Ländle, nur eine Antwort: „Ja, definitiv.“

Einigen wird dies nur ein schwacher Trost sein. Zum Beispiel in Bayreuth.  SEBASTIAN WOLKING

Von Sebastian Wolking

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