Bildung

Gedämpfte Erwartungen an den Bildungsgipfel  

Am Mittwoch nächster Woche empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel die Vertreter der 16 Länder, um die wichtigsten Fragen der Bildungspolitik zu erläutern. Für Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist das Treffen nicht mehr als ein wahlkampfpolitisches Schaulaufen: „Der Bildungsgipfel soll vertuschen, dass die Länder untereinander und mit dem Bund zerstritten und mit ständigem Kompetenzgerangel beschäftigt sind.“ Skeptisch ist auch Thomas Sattelberger beim Blick auf die Bildungslandschaft. Der Telekom-Vorstand hat aber die Hoffnung, dass die Länder jetzt „Farbe bekennen“.

Marianne Demmer, stv. Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Leiterin des Vorstandsbereichs Schule

Macht ein Bildungsgipfel Sinn? Genau lässt sich diese Frage erst beantworten, wenn er stattgefunden hat. Obwohl es nur noch wenige Tage bis zum großen Ereignis sind und die Spekulationen ins Kraut schießen – diese Frage nach seinem Sinn können derzeit vermutlich nicht einmal die Organisatoren selbst beantworten.

Vermutlich werden alle diese Themen in einem derzeit noch heftig diskutierten gemeinsamen Papier auftauchen – im Konjunktiv und unverbindlich. Und die Kanzlerin wird erklären, dass die Zeiten schwierig, die Bildung wichtig, dass alle guten Willens sind und Deutschland entschlossen den Weg zur Bildungsrepublik weitergehen muss.

Ich erwarte und befürchte, dass die Bilanz am Ende des 22. Oktobers 2008 heißt: Der Bildungsgipfel kreißte und gebar ein Mäuslein – gepackt in beschwörende Watteworte über die Bedeutung der Bildung für „unser Land“, umgeben von einer Heißluftblase, die beim Kontakt mit der Wirklichkeit platzt, ähnlich wie die geplatzten Finanzblasen.

In den Kindertagesstätten, den Schulen, Hochschulen und in den Ausbildungsbetrieben wird vom Gipfel vermutlich nichts ankommen außer der Botschaft, wie wichtig sie seien. Und die verunsicherten Beschäftigten, die Eltern, die Schüler und Schülerinnen werden sich ärgern oder wütend sein, weil sie endlich Taten sehen wollen: bessere Lern- und Arbeitsbedingungen, mehr individuelle Unterstützung für die Lernenden. Für die Praxis macht ein Bildungsgipfel bestenfalls symbolisch einen Sinn, aber auf Symbolik kann man dort auch gut verzichten.

Auf Symbolik nicht verzichten kann und will die Bundeskanzlerin. Als sie die „Bildungsrepublik“ Deutschland ausgerufen hat, als „Bildungsreisende“ durch Deutschland tourte und für den „Bildungsgipfel“ trommelte, war das reine Symbolpolitik. Merkel hat erkannt, dass das Bildungsthema den Ausgang von Wahlen erheblich beeinflusst. 2009 ist Wahljahr. Die Bildungsreise der Kanzlerin und der Bildungsgipfel sind als Auftakt gedacht.

 Die Wähler sollen glauben, Bund und Länder zögen bildungspolitisch an einem Strang, in den CDU-regierten Bundesländern sei alles in Ordnung und Frau Merkel sei der Häuptling. Der Bildungsgipfel soll vertuschen, dass die Länder untereinander und mit dem Bund zerstritten und mit ständigem Kompetenzgerangel beschäftigt sind.

Die Kanzlerin will vergessen machen, dass sie bildungspolitisch in Wirklichkeit nichts zu sagen hat, weil der Bund in der Föderalismusreform nahezu alle Kompetenzen an die Länder abgegeben hat. Als Show-Veranstaltung der Kanzlerin macht der Bildungsgipfel also Sinn.

Dabei könnte ein Bildungsgipfel durchaus auch für die Bildung selbst Sinn machen. Wenn ein nationaler Bildungsdialog beschlossen würde, ein Konvent, der klare strategische Ziele für ein konsistentes Bildungskonzept von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung verabredet.

Und zwar auf der Grundlage von vier Leitkategorien: Qualität, Chancengleichheit, Demokratie und Nachhaltigkeit, der alle wichtigen Akteure aus Bund, Ländern, Gemeinden und Bildungseinrichtungen an einen Tisch bringt und eine aufgabengerechte solidarische Finanzierung sichert.

Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Das beste am Gipfel 2008 werden deshalb wohl die vielen Aktivitäten sein, die er in der Zivilgesellschaft, bei Gewerkschaften, Studierenden, Schülern und Eltern ausgelöst hat.

 

 

Thomas Sattelberger, Vorstand Personal Deutsche Telekom AG

Die Bundeskanzlerin hat die „Bildungsrepublik“ ausgerufen. In der Öffentlichkeit herrscht breite Zustimmung zu einer zweiten Bildungsexpansion analog zu den Reformen der 60er Jahre. Länder, Bildungsträger, Wirtschaft und Bund müssen ihren Worten nun Taten folgen lassen.

Ich bin skeptisch gespannt, ob vom Bildungsgipfel tatsächlich neue Reformimpulse ausgehen. Trotz aller populistischen Rhetorik ist seit 1995 der Anteil der Bildungsinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt um gut ein Zehntel gesunken. Hingegen möchte die CDU-Spitze künftig sogar 10 % der Wirtschaftsleistung für Bildung ausgeben. Ein ambitioniertes Vorhaben.

Für Bildung – das wichtigste Aktivvermögen einer Volkswirtschaft – scheint bei uns nirgends Geld übrig zu sein, weder in den öffentlichen Haushalten noch im privaten Geldbeutel. Dieser Widerspruch lässt sich der Kanzlerin kaum anlasten. Wer gibt schon gerne Geld, wenn er nicht über dessen Verwendung mitbestimmt? Die Bundesländer haben mit der Föderalismusreform die Bildungshoheit an sich gezogen, ohne einen Gedanken an die dafür nötige Finanzkraft und den nötigen Einigungswillen zu verschwenden.

Kulturkämpfe um „Einheitsschule“ und „Studiengebühren“ lähmen die Landespolitik. Der Bildungsföderalismus verkommt zum ideologischen Wahlkampfschlachtfeld. Richtigerweise müsste die Devise „Einheit in der Vielfalt“ lauten: Gemeinsame Verantwortung, übergreifender Ordnungsrahmen, einheitliche Qualitätsstandards, aber profilbildende Vielfalt in der Umsetzung.

Zwischen den Nebelkerzen kleinkarierter Kompetenzdebatten geht der Blick für die Herausforderungen oft verloren: In Deutschland herrscht extreme Ungleichheit in den Bildungschancen. Kindern aus bildungsfernen Schichten bleibt der Aufstieg durch Bildung verwehrt. Auch deshalb ist Deutschland bei Studienanfänger- und Absolventenquote international nicht einmal Mittelmaß. In der Konsequenz fehlt es überall an Fachkräften aus Naturwissenschaften und Technik.

Solch grundlegende Defizite des Gesamtsystems sind nicht durch aktionistische Pilotprojekte oder individuelles Mäzenatentum zu beheben. Unser Bildungssystem muss in seinen Grundfesten wettbewerbsfähiger werden, sonst leiden sowohl die weniger Privilegierten als auch unsere Volkswirtschaft.

Ich bin gespannt, was der Bildungsgipfel zutage fördert: Die stillschweigende Verantwortungslosigkeit, den gemeinsamen Aufbruch oder die offene Verweigerung. Eines ist klar: Kanzlerin Merkel kann die Ministerpräsidenten endlich dazu zwingen, bildungspolitisch Farbe zu bekennen.

Tragfähige Umsetzungskonzepte liegen seit Langem in der Schublade. Die duale Berufsausbildung kann beispielsweise leicht von einer Bildungssackgasse für viele zu einem „Biotop für Bologna“ umgebaut werden: Wir müssen durch Modularisierung, Differenzierung und Zertifizierung sowohl Einstiegschancen für Schwächere als auch Aufstiegschancen für Starke eröffnen. Im Angebotsspektrum muss sich die zweijährige Berufsausbildung ebenso finden wie die integrierte Meisterprüfung für die Besten. Mit der Anrechnung von Lernleistungen und mit berufsbegleitenden Studienangeboten können Länder und Bildungsträger auch die beschämende Studierquote beruflich Qualifizierter steigern.

An den Hochschulen geht die Bologna-Reform ohne stringente Umsetzung ins zehnte Jahr. Viele Bachelor-Studiengänge sind weder praxisnah noch beschäftigungsbefähigend. Wir brauchen kein umetikettiertes Diplom. Natürlich müssen die Landesregierungen den Investitionsstau in der Lehre von 1,1 Mrd. € jährlich auflösen. Angesichts abertausender zusätzlicher Schulabgänger bis 2020 sind ein erweiterter Hochschulpakt und ein bundesweites Stipendiensystem nach dem Modell von NRW-Wissenschaftsminister Pinkwart längst überfällig.

Der Gipfel bietet die Gelegenheit, die „Bildungsrepublik“ aus dem Reich der Phantasie in die Wirklichkeit zu holen. Bleibt zu hoffen, dass der Schwung des Gipfels nicht zum Sturm im Wasserglas verkommt.

 

Zu den Ergebnissen des Bildungsgipfels

Von Marianne Demmer und Thomas Sattelberger / ws

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