Schule

„G8-Abitur und Nachhilfe – da können die Kinder gleich in der Schule übernachten“  

VDI nachrichten – Jeder zweite Gymnasiast in Deutschland greift auf Nachhilfe zurück. Besonders im Fach Mathematik sind die Defizite groß. Der Staat hat bei der Schulbildung versagt, lautet die Bilanz des Lüneburger Pädagogik-Professors Matthias von Saldern im Gespräch mit den VDI nachrichten. „In Deutschland bekommt ein Mathematikschüler mit einer Fünf genauso viel Unterricht wie einer mit der Note Eins. Das ist doch Unsinn.“

Matthias von Saldern: Ich würde versuchen, mein Kind auf eine Gesamtschule oder auf eine Gemeinschaftsschule zu schicken. Da hat es Zeit, sich zu entwickeln, besonders, wenn es Spätzünder wäre. Kinder werden nicht reif wie Äpfel und Nachhilfe schafft das auch nicht. G8 (das Abitur nach acht Jahren Gymnasium und nicht erst nach neun, die Red.) und dazu noch Nachhilfe – da kann man die Kinder gleich in der Schule übernachten lassen.

Würden Sie dieses Kind auf eine Gesamtschule oder ein Gymnasium schicken?

Die Frage ist verräterisch: Wir definieren das Schulsystem vom Gymnasium aus. Wieso fragt keiner: Würden Sie dieses Kind eher auf eine Gesamtschule oder eine Hauptschule schicken? Im Übrigen käme es auf die Qualität der Einzelschule an. Prinzipiell müssen wir die Benchmarks anerkennen und auf ein international wettbewerbsfähiges System setzen, das fördert, fördert, fördert.

Ist das Gymnasium ein Mythos, der viel zu unkritisch betrachtet wird?

Mythos ist mir zu überhöht. Aber solange die finnischen Gesamtschüler in der Spitze besser sind als unsere Gymnasiasten, wird man von einer Überschätzung des Gymnasiums sprechen können. Im Gymnasium geht man immer noch davon aus, leistungshomogene Gruppen vor sich zu haben. Danach richtet man dann seine Arbeit aus. In der Grundschule hingegen ist Heterogenität der Normalfall, für die die Lehrkräfte auch entsprechend pädagogisch und fachdidaktisch ausgebildet sind.

Eltern haben Angst, dass ihre Kinder es nicht bis zum Abitur schaffen und dass dann der soziale Abstieg droht. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, höhere Bildung ist eine Lebensgarantie. Das zeigen alle Studien der OECD. Umwege sind für wenige möglich, aber teuer und langwierig. Das Abitur braucht man zwar in vielen Studiengängen gar nicht mehr. Ich schätze das deutsche Abitur dennoch sehr. Es ist ein Garant für Allgemeinbildung, zu der wir aber viel zu wenig Schüler lassen.

Hat die Schule versagt, wenn laut Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung jeder zweite Gymnasiast und jede zweite Gymnasiastin Nachhilfe in Anspruch nehmen?

Nein, der Staat als Finanzier und Organisierer von Schule hat versagt, nicht die Schule an sich. Unser Schulsystem würde zusammenbrechen, würde man die Nachhilfe verbieten. In Finnland gibt es sehr selten Nachhilfe, weil die Eltern davon ausgehen, dass Förderung des Schülers Aufgabe des Staates ist und nicht des privaten Geldbeutels.

Speziell in Mathematik ist der Nachhilfebedarf groß und die Noten für die Lehrer sind schlecht. Woran liegt das?

Wir bringen den Kindern selten Mathematik bei, sondern Rechnen. Es fehlt an der Vermittlung von Spaß an der Mathematik. Mathematik ist im Grunde überall, egal wo man hinschaut. Schüler müssen aber in Bücher schauen oder überteuerte Taschenrechner bedienen lernen. Die Studie TIMSS hat zudem gezeigt, dass wir zu viel Formelkram machen und viel zu wenig praktische Anwendung. Man schaue in die Schulbücher, die in Deutschland völlig ohne Qualitätskontrolle publiziert werden dürfen. Lehrer sind schnell und leicht zu kritisieren. Sie können aber nichts für die Selektionsprozesse, für das Sitzenbleiben und Abschulen, für das überholte Arbeiten mit Jahrgangsklassen und 45-Minuten-Einheiten. In Deutschland bekommt ein Mathematikschüler mit einer Fünf genauso viel Unterricht wie einer mit der Note Eins. Das ist doch Unsinn. Das heißt aber nicht, dass Lehrkräfte sich durch Fortbildungsresistenz in Methodenfragen auszeichnen dürfen. Da gibt es sicher Nachholbedarf.

Trägt die Politik mit Maßnahmen wie dem G8 eine Mit- oder eine Hauptschuld – oder vielleicht gar keine?

Die Schuldfrage ist mir gleichgültig. Das G8-Abitur bedeutet für die meisten Schüler eine Überforderung und für alle eine gestohlene Kindheit. Es fördert das „Bulimie-Lernen“. Man lernt nicht zu denken, sondern zu memorieren. Das ist das Gegenteil von Bildung. Diese braucht aber vor allem Zeit.

Muss Unterricht flexibler werden?

Ja, sehr sogar. Wir brauchen unbedingt mehr Flexibilität, nicht nur des Unterrichts, sondern auch in der Schule insgesamt. Wir brauchen eine harte Qualitätskontrolle am Ende einer Schullaufbahn unter Fortfall der zahlreichen Erlasse. Was wir aber haben, ist eine Übersteuerung von Schule. Sie kann kaum noch atmen vor lauter fremdgesteuertem Qualitätsmanagement.

Macht es mehr Sinn, die Naturwissenschaften in einzelnen Fächern und damit detaillierter zu unterrichten oder im Kontext den Überblick zu schärfen?

Die Trennung der Naturwissenschaften gibt es in den meisten Ländern bis Klasse 10 nicht. Wir zerlegen die Natur und vergraulen damit die Schüler. Dabei sind die Naturwissenschaften ein brillantes Beispiel dafür, wie man die natürliche Neugierde von Schülern nutzen kann. Wir brauchen übrigens zudem ein Fach, dass es schon einmal in der DDR gab: Polytechnik.

Übersieht unser Schulsystem zu viele Talente?

Definitiv. Sind die Deutschen dümmer als die erfolgreichen Pisa-Länder? Wahrscheinlich nicht. Aber diese haben weit mehr Absolventen von Hochschulen.

Kommen wir mit der Schuleinteilung in die „Denker“ und die „praktisch Begabten“ weiter?

Die Begabungseinteilung stammt aus der Nazi-Zeit und wurde 1955 wiederbelebt. Ein unerträglicher Unsinn. Offenbar gibt es in Deutschland mehr „praktisch Begabte“ als anderswo. Was heißt denn heute „praktisch begabt“? Man schaue sich einmal die Ausbildung eines Mechatronikers an. Es gibt doch gar keinen Beruf mehr, bei dem man nicht theoretisch gut gebildet sein muss.

Was halten Sie davon, wenn Fachleute aus der Praxis, etwa Ingenieure, ihr Technikwissen an Schüler weitergeben?

Wenn sie es können, warum nicht? Aber können Sie es? Beim direkten Quereinstieg sind die meisten bisher wieder ausgestiegen. Zu diesen Ideen gehört auch „Teach First“, bei dem junge Uni-Absolventen erst einmal an Schulen unterrichten sollen, um führen zu lernen. Schüler als Versuchskaninchen! Ein Lehrerstudium macht schon Sinn, wenn es hohe pädagogische und didaktische Anteile hat.

 

Von Wolfgang Schmitz

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