Bildung

Für Weiterbildung sollen alle Tribut zollen

Politiker, Unternehmer, Angestellte, Selbstständige und Arbeitslose. Vom Willen zum lebenslangen Lernen, so eine Expertenkommission, hänge nicht weniger als die Zukunft des Hochtechnologiestandortes Deutschland ab.

Die Botschaft ist so lapidar wie erschütternd: „Für die Bewältigung der neuen Herausforderungen ist unser Bildungssystem nicht gerüstet.“ Der das sagt, sollte es wissen, schließlich hat sich Prof. Gerhard Bosch als Mitglied der Expertenkommission zur „Finanzierung Lebenslangen Lernens“ ausführlich mit dem Thema „Weiterbildung in Deutschland“ beschäftigt. Fünf Bildungsweise legten ihren Bericht vor einigen Tagen dem Bildungsministerium vor.
Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es gar nicht so schlecht um die Weiterbildung aus. Deutschland habe ein hervorragendes System der beruflichen Bildung, meint Bosch, das theoretisch viele Aufstiegsmöglichkeiten biete. Die Umsetzung aber sei mangelhaft. Die Angebote sind wenig transparent, wie die Stiftung Warentest in einer Untersuchung unabhängiger Beratungsstellen nachwies. Von 78 getesteten Einrichtungen erfüllten nur wenige die Ansprüche der Verbraucher. Schlusslicht war der größte Anbieter, die Bundesagentur für Arbeit.
Ein weiterer Kritikpunkt: Weiterbildungsangebote sind häufig nur Akademikern zugänglich. Die soziale Schere klaffe auseinander, je weiter sich der Bürger von der Wiege entferne. Die Kommission bestätigt damit die Erkenntnisse der Pisa-Studie: Die Kluft zwischen Leistungsstarken und -schwachen vertieft sich im Berufsleben immer mehr. Betriebliche Förderung erhalten – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – in der Regel nur diejenigen, die an der Tür zum Chefzimmer kratzen. So kommen in den großen Unternehmen wie DaimlerChrysler oder VW einzig die vielversprechendsten Führungskräfte an die Corporate Universities (firmeneigene Hochschulen). Und selbst der Träger des „Weiterbildungs-Award 2003“, der Automobilzulieferer ZF Sachs AG, wurde nicht für eine breit gestreute Weiterbildung, sondern für die „Identifizierung von Mitarbeitern mit Führungspotenzial“ ausgezeichnet. Fazit: Betriebliche Weiterbildung bleibt in Deutschland vor allem dem mittleren Management in großen Unternehmen vorbehalten.
Dabei kann sich Deutschland die Zuspitzung auf elitär geprägte Weiterbildungsmodelle nicht leisten. Laut Expertenkommission haben die deutschen Branchen der Hochtechnologie eine deutlich niedrigere Wachstumsrate der Produktivität als vergleichbare Länder. „Der Innovationsdruck ist gestiegen“, weiß auch Horst Neumann, Personalvorstand bei Audi. „In den letzten zehn bis 15 Jahren konnten wir die Entwicklungszeit für ein neues Fahrzeug von rund sieben Jahren auf fünf Jahre verkürzen. Die Beherrschung dieser Modellvielfalt und der Geschäftsprozesse erfordert von jedem Mitarbeiter neben der fachlichen auch eine verstärkte soziale Kompetenz.“
Das menschliche Wissen verdoppelt sich alle acht bis zehn Jahre. Das, was der Ingenieur heute abrufen kann, ist vielleicht bald schon Schnee von gestern. Joachim Neuerburg vom VDI mahnt daher alle Ingenieure, sich mit der Auffrischung von Fachwissen allein nicht zufrieden zu geben. Soziale und interkulturelle Kompetenz sind demnach keine Modefloskeln, sondern handfeste Anforderungen. Es mangele auch der Arbeitgeberseite an perspektivischem Denken. Zahlreiche Unternehmen planten nur von jetzt bis zur Fertigstellung des nächsten Produktes. Erschwerend käme hinzu, dass Firmen unter Sparzwang zuerst bei der Weiterbildung den Rotstift ansetzten und damit völlig falsche Signale sendeten.
Die vom Bundestag beauftragte Expertenkommission appelliert an „alle Akteure“, mehr als früher in Bildung zu investieren. Bildungssparkonten, auf die jeder Bürger einen Teil des Einkommens für Bildungszwecke einzahlen könnte, sollen mit staatlichen Prämien gefördert werden. Firmen sollen mehr Geld in die Weiterbildung ihrer Angestellten pumpen Fortbildung müsse stärker in Tarifverträgen verankert sein. Eine Möglichkeit seien Lernzeitkonten, bei denen Überstunden zu Weiterbildungen genutzt werden. Dadurch ergäben sich für die Wirtschaft bislang unausgeschöpfte Wachstumspotenziale, der Einzelne reduziere die Gefahr anhaltender Arbeitslosigkeit.
Der demografische Wandel erlaube es außerdem nicht, die zunehmende Bedeutung älterer Mitarbeiter zu ignorieren. Der Anteil der über 50-Jährigen am Erwerbspersonenpotenzial wird von heute 22 % auf 36 % im Jahre 2020 steigen. In der Studie heißt es: „Um das in Betrieben und anderen Organisationen erforderliche Wissen zu erneuern, wird man immer weniger auf die bisherigen Muster des Personalaustausches durch Frühpensionierung und Einstellung jüngerer Arbeitnehmer zurückgreifen können.“
Die Thesen der Bildungsweisen erfordern von allen Beteiligten enorme Klimmzüge, seien aber realisierbar: „Dass so weit reichende Reformen möglich sind, zeigen Erfahrungen in anderen Industrieländern. Deutschland sollte sich daran ein Beispiel nehmen.“ Während hier zu Lande nur 2,8 % der 30- bis 39-Jährigen private oder öffentliche Bildungseinrichtungen in Anspruch nehmen, sind es in Finnland 10,4 %, in Schweden 14,6 %.ws

Von Wolfgang Schmitz

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