Hochschule

„Dr.-Ing.“ soll an Fachhochschulen möglich werden

Der Abschluss zum „Dr.-Ing.“ ist bislang nur an der Universität möglich. Demnächst aber sollen auch forschungsstarke Fachhochschulen den Titel vergeben, sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Doch die technischen Universitäten sind dagegen. Kompromisslösungen sind wahrscheinlich.

„Forschung an Fachhochschulen“ – in diesem Förderprogramm hat das Bundesbildungsministerium in den vergangenen sechs Jahren 175 Mio. € für Forschungsvorhaben an mehr als 100 Fachhochschulen vergeben, hauptsächlich in Ingenieurfächern. Als Ministerin Annette Schavan diese stolze Bilanz vorige Woche präsentierte, provozierte sie unweigerlich die Frage nach Doktorarbeiten an den Fachhochschulen. Denn Forschung ist in erster Linie immer Forschung von Doktoranden.

“Das Promotionsrecht bleibt unser Alleinstellungsmerkmal”

Schavans Antwort: „In forschungsstarken Fächern soll künftig auch die Promotion an der FH möglich werden.“ Darüber will die Ministerin kurzfristig mit der bundesweiten Hochschulrektorenkonferenz sprechen. Deren Präsident Horst Hippler, Prof. Dr.-Ing. an der Universität Karlsruhe, zieht schon mal eine rote Linie: „Das Promotionsrecht bleibt unser Alleinstellungsmerkmal“ – wobei er nicht an die Gesamtheit der deutschen Hochschulen, für die er als HRK-Präsident spricht, denkt, sondern an die Universitäten.

Darüber hinaus, so Hippler, sei aber schon lange die „kooperative Promotion“ eines FH-Absolventen mit seinem akademischen Lehrer und einem Universitäts-Professor möglich, wobei der Doktor-Titel aber allein von der Partner-Universität verliehen wird.

Im konkreten Fall sind formelle Zuständigkeiten freilich von untergeordneter Bedeutung. Anders als mancher Universitäts-Absolvent brauchte etwa Sven Seele, Master der (Fach-)Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, überhaupt nicht lange nach einem „Doktorvater“ zu suchen. Sein FH-Professor bot ihm eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Promotionsmöglichkeit an und damit zugleich auch einen Mitbetreuer und Mitprüfer von der Universität Bonn.

Informatiker Seele arbeitet jetzt in einem Forschungsprojekt zur Verkehrssimulation, das die Fachhochschule auf dem freien Markt eingeworben hat. Der Doktorand schreibt über Verkehrsunterricht für Kinder am Computer. Ob er als FH-Absolvent vor der Doktorprüfung aber einige Lerneinheiten an der Universität nachholen muss, weiß Seele noch nicht. Darüber entscheidet der Bonner Promotionsausschuss.

FH-Doktoranten müssen oft nachsitzen

„Solche Nachqualifikationen wegen eines angeblichen Theoriemangels unserer Absolventen wurden und werden bis heute oft verlangt“, kritisiert Nicolai Müller-Bromley in seiner Funktion als Präsident des bundesweiten Hochschullehrerbundes, der Berufsvertretung der FH-Professoren. „Damit sollte es im Zuge der Studienreform aber vorbei sein. Denn der Master als Zulassungsvoraussetzung für die Promotion ist allemal gleichwertig, ob von der Universität oder der Fachhochschule.“

Die alten Hindernisse für FH-Doktoranden lassen sich jedoch umgehen. „Ein Weg sind Graduiertenkollegs mit den Partner-Universitäten“, erläutert Rainer Herpers von der Bonner Hochschule. Sie hat einen Kooperationsvertrag mit der Universität Siegen. Danach qualifizieren sich ihre Graduierten gemeinsam mit Universitäts-Absolventen im Doktorandenstudium weiter, aber sie müssen eben nicht „nachsitzen“.

Ähnliche Graduiertenkollegs bestehen etwa zwischen der Hochschule Offenburg und der Universität Freiburg, der Hochschule München und der Technischen Universität vor Ort. Zudem fördert das Bundesbildungsministerium sieben weitere „kooperative Forschungskollegs“ – sieben von insgesamt 90 Antragstellern.

FH-Ingenieure promovieren häufiger als andere FH-Absolventen

Es geht darum, das qualifizierte Doktorandenreservoir möglichst weitgehend auszuschöpfen. Immerhin studieren sechs von zehn angehenden Ingenieuren an Fachhochschulen, nur der geringere Teil an einer Universität. „Die Ingenieurfächer stellen die größte Zahl an Promovierenden mit Fachhochschul-Background“, bemerkt Ernst Schmachtenberg als Präsident der neun führenden Technischen Universitäten (TU9). „Wir sind also viel offener in dieser Frage als andere Disziplinen.“

Einzelne Fachhochschulen werben ihrerseits mit eigenen Promotionsnetzwerken und -kollegs oder Graduierteninstituten um Absolventen, auch von anderen Hochschulen und aus dem Ausland.

Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg vergibt dabei sogar eigene Doktorandenstipendien. Mit dem Promotionsangebot geht es den Fachhochschulen nicht zuletzt darum, vielversprechende Mitarbeiter für ihre Forschungszweige zu gewinnen statt sie wehrlos in die besser bezahlende Industrie ziehen zu lassen.

Einschließlich des Informatikers Seele promovieren derzeit zwei Dutzend Mitarbeiter an der Bonner Hochschule. Die Hochschule München beschäftigt nicht weniger als 60 Doktoranden.

Von Hermann Horstkotte

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