Bildung

„Die Wirtschaft unterläuft das öffentliche Gut Bildung“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 2. 08, ws – „Einseitiger Profitorientierung in den Unternehmen“ fallen vor allem die Mitarbeiter zum Opfer, denen Weiterbildung verschlossen bliebe, meint der Wirtschaftswissenschaftler Heinz-Josef Bontrup. Der Einfluss der Wirtschaft sei inzwischen so groß, dass sogar die Hochschulen an „wissenschaftlichem Freiheitsgrad“ und „Selbstbestimmungsrecht“ verlören.

Bontrup: Das hört sich prima an, kommt aber viel zu spät. Es gibt immer noch viel zu wenige Ausbildungsplätze, woran auch der 2004 geschlossene Ausbildungspakt nichts geändert hat. Viele Unternehmen bilden überhaupt nicht aus. Ich plädiere daher für eine Ausbildungsplatzabgabe. Nur über diesen Weg können wir ausbildungsunwillige Firmen zwingen, auch konkret gesellschaftliche Verantwortung für junge Menschen zu übernehmen und gleichzeitig können sie auf diese Weise auch für ihre eigene Unternehmenszukunft langfristig vorsorgen.

VDI nachrichten: BDA und BDI preisen regionale Netzwerke, in denen sich Unternehmen und Hochschulen über Weiterbildungsbedarf verständigen. Mit Erfolg, wie die Verbände meinen.

Bontrup: Tatsache ist: Nur 12 % der Deutschen absolvieren jährlich eine Weiterbildung, der OECD-Schnitt liegt bei 18 %, in Schweden bilden sich 40 % der Bevölkerung weiter. Mit anderen Worten: In der Weiterbildung entwickeln wir uns in Deutschland zurück. Die Weiterbildungsaktivitäten fallen in erster Linie in den Zuständigkeitsbereich der Unternehmen, die im Rahmen eines bildungsfreundlichen und zukunftssicheren Personalmanagements für entsprechende Angebote sorgen müssen. Stattdessen wird kurzsichtig auf Abwesenheitsquoten geschaut. Stellt ein Mitarbeiter einen Weiterbildungsantrag – was selten genug geschieht -, erntet er Gegenwehr. Die Ausschöpfungsquote des gesetzlichen Bildungsurlaubs in NRW ist eine absolute Katastrophe (nach DGB-Angaben nutzen weit weniger als 10 % der Arbeitnehmer den Bildungsurlaub, die Red.). Der Grund: Die Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz, sie stellen erst gar keinen Antrag.

VDI nachrichten: Positive Unternehmensbeispiele sind rar?

Bontrup: Es gibt auch Top-Unternehmen, die in ihre jährlichen Personalplanungen nicht nur Abwesenheitsquoten für Krankheit und Urlaub aufnehmen, sondern auch die erforderliche und nachhaltige Weiterbildung berücksichtigen. Das sind wenige Unternehmen, die über den Tellerrand hinausschauen, aber auch die erfolgreichsten.

VDI nachrichten: Bildung soll praxisnäher sein, fordern vor allem die Unternehmensvertreter. Das macht doch Sinn.

Bontrup: Der Praxisbegriff ist problematisch. Welche Praxis meinen Sie? Die vielfach schlechte in den Unternehmen doch sicher nicht. Oder meinen Sie mit Praxis die einseitige Profitorientierung zu Lasten der in den Unternehmen arbeitenden Menschen, wie es mal gerade wieder bei Nokia vorgeführt wird. Dies ist kein Einzelfall. Er macht aufgrund der Größe nur Schlagzeilen. Dennoch sind vernünftige Kooperationen zwischen Hochschule und Wirtschaft sinnvoll. Es kann aber nicht sein, dass die Wirtschaft die Hochschulen in ihrer Meinungsbildung majorisiert und die Wissenschaft einseitig beeinflusst. Die Hochschule ist der gesamten Gesellschaft verpflichtet.

VDI nachrichten: Wo sehen Sie Anzeichen, dass sich die Wirtschaft zu stark in die Wissenschaft einmischt?

Bontrup: Über die neu installierten Hochschulräte versucht die Wirtschaft direkten Einfluss auf die Hochschulen zu nehmen. Dadurch werden der wissenschaftliche Freiheitsgrad und das Selbstbestimmungsrecht an den Hochschulen nachhaltig und negativ tangiert. Es ist wenig demokratisch, wenn weder die Studentenschaft noch die wissenschaftlichen Mitarbeiter in den Räten einen Sitz haben. Auf der anderen Seite gibt es bereits einige berufene Räte, die selbst über keinen Hochschulabschluss verfügen. Wem wollen die in Sachen Wissenschaft und Hochschule etwas raten? Wenn man denn schon Räte will, dann kann man aber bitte nicht nur Wirtschaftsvertreter berufen. Dann gehören mindestens gleichberechtigt alle anderen relevanten gesellschaftlichen Kräfte mit an den Tisch, wie etwa Gewerkschaften oder Sozialverbände als auch kirchliche Vertreter. Nur frage ich mich: Was soll das Ganze? Was hat das mit Wissenschaft zu tun?

VDI nachrichten: Politik und Wirtschaft gehen also Bündnisse ein, die den Hochschulen mehr schaden als nutzen?

Bontrup: Das Verhältnis ist viel zu eng geworden. Die Wirtschaft diktiert der Politik fast schon die Gesetze. Deutlich wird das etwa am nordrhein-westfälischen „Hochschulfreiheitsgesetz“, das die unternehmensnahe Bertelsmann-Stiftung wesentlich konzipiert hat. Wenn die von Bürgern gewählten und legitimierten Politiker nicht mehr in der Lage sind, Gesetze zu erlassen und sie dafür auf die Wirtschaft, also auf Lobbyisten, zurückgreifen, ist Gefahr im Verzug.

VDI nachrichten: Aber die Hochschulen wehren sich doch nicht gegen die Entwicklung, im Gegenteil.

Bontrup: Viele Hochschulvertreter haben die Folgen noch nicht zu Ende gedacht. Vielfach durchschauen sie die „Verbetrieblichung“ der Hochschulen nicht und geraten unversehens in Abhängigkeiten. Viele Rektoren sind beeindruckt und wollen endlich mal den „Unternehmensmanager“ spielen, obwohl sie sich doch nun wirklich in einer anderen öffentlichen Veranstaltung befinden. Der Blick auf Drittmittel, hinter denen kurzfristige betriebswirtschaftlich verwertbare Interessen stehen, versperrt den Blick auf langfristig wissenschaftlich angelegtes Denken. Je mehr privates Geld in die Hochschulen fließt, desto höher wird der Anspruch der Geldgeber und desto größer die Druckmittel gegenüber der Wissenschaft. Nach meiner Auffassung fehlt seitens der Professoren- und Studentenschaft die erforderliche deutliche Antwort. Leider herrscht an Hochschulen diesbezüglich die reinste Friedhofsruhe.

VDI nachrichten: Geldgeber sind in einigen Bundesländern auch die Studierenden. Ist es nicht zu begrüßen, dass sie ihren Ausbildungs-Obolus beitragen?

Bontrup: Bildung ist ein öffentliches Gut, das man nicht mit privater Teilfinanzierung anreichern darf. Studiengebühren grenzen sozial aus und sind kontraproduktiv. Bildung muss für jeden zugänglich sein, es darf kein Ausschlussprinzip und keine Rivalität um knappe Mittel geben.

VDI nachrichten: Sie sind Fachhochschul-Professor. Handelt es sich auch um Sonntagsreden, wenn Politiker und Unternehmer die Bedeutung der Fachhochschulen für Innovation und Technologie preisen?

Bontrup: Die Politik behandelt die Fachhochschulen weiterhin stiefmütterlich, was auch in ihrer Nichtberücksichtigung bei der Exzellenzinitiative zum Ausdruck kommt. Für mich ist das eine klare Diskriminierung. Auch das Privileg, nach dem Master das Promotionsrecht zu erlangen, wird den Fachhochschulen vorenthalten. Weitere Negativbeispiele sind unser Stundendeputat von 18 Semesterwochenstunden (Universitäten liegen bei neun Stunden) und auch eine hinreichende Zahl an wissenschaftlichen Mitarbeitern hält man uns weiter vor.

VDI nachrichten: Und wenn die Fachhochschulen sich auf die Lehre konzentrieren, dort ihr Profil stärken, und den Unis das Feld der Forschung überließen?

Bontrup: In der Lehre haben die Fachhochschulen ein starkes Profil. Wir brauchen aber auch die Forschung, um eine gute Lehre bewerkstelligen zu können. Diese Interdependenz gilt übrigens auch für die Universitäten.

VDI nachrichten: Ist die Bildung in Deutschland marode?

Bontrup: Deutschland krankt an drei wesentlichen Faktoren: Es werden zu wenige Mittel ins System gespeist, es wird sozial so stark selektiert wie in keinem anderen Land in Europa, wobei die Herkunft über die Karriere entscheidet, und schließlich erfolgt die Festlegung der schulischen Laufbahn mit Abschluss des vierten Schuljahres viel zu früh. Ein Beispiel, warum ich für Bildung als ein absolut öffentliches Gut plädiere: Es kann doch nicht sein, dass Förderunterricht in der Schule mit dem Hinweis gestrichen wird, die Eltern sollten das nötige Wissen auf dem Markt der privaten Nachhilfeanbieter einkaufen. Da viele das nicht bezahlen können, fördert man damit die Auswahl. Auch für die dringend benötigten Schulpsychologen gibt es in einem der reichsten Länder der Welt kaum Geld. Bildungsinitiativen, die das Problem nicht an der Wurzel packen, sind nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Schere zwischen den Sonntagsreden von Politikern und dem wirklichen Handeln geht immer weiter auseinander.

VDI nachrichten: An welche finanziellen Dimensionen denken Sie, wenn Sie mehr Geld für die Bildung fordern?

Bontrup: Deutschland müsste zusätzliche 50 Mrd. € ins Bildungssystem investieren, um das relative Niveau Dänemarks, eines der führenden Bildungsländer, zu erreichen. Um das zumindest zum Teil zu stemmen, könnte man etwa die Vermögenssteuer wieder einführen. Läge sie bei 1 % und einem Freibetrag von 500 000 €, würde das den Ländern rund 16 Mrd. € einbringen. Keiner kann mir erzählen, Bildung sei in einem der reichsten Länder der Erde nicht finanzierbar. Heute jedenfalls hängen wir hinten an.

VDI nachrichten: Und die Bildungsstrukturen? Von den neuen Studiengängen Bachelor und Master erhofft sich die Bildungspolitik Praxisnähe, Zeitgewinn und Internationalität.

Bontrup: Spätestens in zehn Jahren werden die Wissenschaftler feststellen: Was haben wir nur mit diesen Studiengängen angerichtet! Und die Wirtschaft wird bemerken, dass die Bachelorabsolventen nicht adäquat ausgebildet sind.

VDI nachrichten: Aber die Studiengänge erlauben durch die Module doch individuelle Schwerpunktlegungen.

Bontrup: Das modularisierte Studium führt zu einem fragmentierten Lernen, das den Blick auf die Zusammenhänge versperrt. Und gerade das Erkennen der Zusammenhänge und die thematische Auseinandersetzung, Rede und Gegenrede – Dialektik also – zeichnen Wissenschaft und ein effektives Studieren aus. Nur dadurch gibt es nachhaltige Entwicklungen in einer Gesellschaft. Findet ein wissenschaftlicher Disput nur noch ungenügend statt, wie wir es heute in der deutschen Wirtschaftswissenschaft erleben, wo fast alle nur noch neoliberal ausgerichtet sind, können keine dringend benötigten Innovationen reifen.

WOLFGANG SCHMITZ

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