Bildung

Die träge Masse namens Schule

Die Schule ist ein träges System, das notwendige Veränderungen nur sehr langsam vollziehen kann, meint Bildungsforscher Klaus Klemm. Um auch technologische Inhalte zeitgemäß und praxisnah zu unterrichten, bedarf es demnach noch einiger Geduld.

VDI nachrichten: Herrschen katastrophale Zustände an deutschen Schulen?
Klemm: Wir haben ein ernstes Problem. Die deutsche Auswertung der Pisa-Studie zeigt, dass etwa 20 % eines Altersjahrgangs in der Mathematik, in den Naturwissenschaften und im Leseverständnis nicht über die Kompetenzen verfügt, die man benötigt, um eine auch nur annähernd anspruchsvolle Berufsausbildung zu beginnen und erfolgreich zu Ende zu bringen. Wir wissen auch, dass eine durchaus vergleichbare Größe die Berufsausbildung tatsächlich abbricht.
VDI nachrichten: Wie lange dauert es, bis Reformen greifen?
Klemm: Erst in zehn bis 15 Jahren wird sich die jetzt begonnene politische Reform auswirken, also erst in der nächsten Generation von Schulabsolventen. Man muss sehen, Schule ist mit insgesamt 12 Mio. Beteiligten, also Schülern, Lehrern und sonstigen Mitarbeitern, eine große Organisation, die nur schwer in Bewegung zu setzen ist. Das Personal ändert sich nur sehr sukzessiv. Und auch die Zuständigkeit von 16 Kultusministern in 16 Bundesländern ist nicht gerade ein beschleunigender Faktor. Aber trotzdem: Mit der Intention, den Kindergärten einen stärkeren Bildungsauftrag zu geben, mit der Intention, den Spracherwerb für Kinder mit Migrationsgeschichte im Vorschulalter und im Grundschulalter zu forcieren und mit der Intention, bundesweit klare Zielsetzungen zu vereinbaren, die Schule in bestimmten Abschnitten einer Schulkarriere erreichen muss, ist die Kultusministerkonferenz – für ihre Verhältnisse – mit erstaunlichem Tempo auf dem richtigen Weg.
VDI nachrichten: Die zuletzt veröffentlichte Pisa-Studie lässt den Schluss zu, dass die Mathematiknoten sogar innerhalb der Bundesländer kaum vergleichbar sind. Warum ist das so? Sind zentrale Abschlussprüfungen notwendig, um bundesweit gleiche Standards zu erreichen?
Klemm: Das Problem nicht vergleichbarer Noten ist alt bekannt. Aber gerade die jüngste Pisa-Auswertung zeigt: Auch ein Land wie Baden-Württemberg, das am Ende der Haupt- und Realschulbildungsgänge ebenso wie beim Abitur zentral prüft, kann nicht verhindern, dass die Noten an den Realschulen für vergleichbare Leistungen sehr stark voneinander abweichen.
VDI nachrichten: Können Noten überhaupt den individuellen Leistungsstand der Schüler wiedergeben?
Klemm: Noten bewerten einen erreichten Leistungsstand. Sie orientieren sich dabei an Zielvorgaben, an denen der Lehrpläne, am Leistungsstand in der jeweiligen Lerngruppe und – weniger ausgeprägt – an der Leistungsentwicklung des jeweiligen Lernenden. Diese dreifache Orientierung macht es so schwer, den individuellen Leistungsstand „objektiv“ zu beschreiben.
VDI nachrichten: Fehlt den Lehrern Sachkompetenz, auch im IT-Bereich?
Klemm: Es ist erstaunlich, dass sich so viele Lehrer um neue technische Themen kümmern, obwohl ihre Ausbildung schon weit zurückliegt. Aber die Eigeninitiative der Lehrer in Form von Weiterbildung reicht nicht aus. Die Länder müssen stärkere Anreize schaffen, damit sich die Leute in diese Bereiche hineinbewegen. Es ist ein grundsätzliches Problem, dass neue Themen spät aufgegriffen werden, weil Schule als System sehr träge ist. Auch der ganze Bereich Wirtschaft und Recht, der für das Leben jedes Einzelnen von immenser Bedeutung ist, taucht nicht in den Lehrplänen aller Schulen in allen Ländern verpflichtend auf.
VDI nachrichten: Sollten mehr Lehrer aus der Berufspraxis kommen?
Klemm: Die Schulen brauchen diese Leute schon deshalb, weil es in den Fächern Physik, Chemie, Mathematik und Englisch großen Lehrermangel gibt. Allerdings ist die Tatsache, dass jemand in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Chemieunternehmens einen guten Job macht, keine Garantie dafür, dass er jungen Leuten Spaß an der Chemie vermitteln kann. Grundsätzlich besteht aber die Notwendigkeit, praxisbezogene Erfahrungen in den Unterricht einzubauen. Denn es gibt viele junge Leute, die nur dann wieder Lust an Schule gewinnen, wenn Unterricht anders gestaltet wird als es heute der Fall ist.
VDI nachrichten: Welche Fehler machen die Unternehmen bei der betrieblichen Ausbildung?
Klemm: Der Anspruch, alle Jugendlichen, also auch Lernschwächere, auszubilden, lässt den Eindruck entstehen, dass die Schüler insgesamt immer schwächer werden. Dabei gibt es unter ihnen Gruppen, die besondere Zuwendungen bräuchten, die von den Unternehmen mit Blick auf die Bilanzen aber nicht gewährt werden können oder sollen. Unternehmen sind gut beraten, jetzt, also auch in Jahren rezessiver Tendenzen, in die Ausbildung zu investieren. Wir werden in den nächsten Jahren eine deutliche Verkleinerung der demographischen Basis erleben. Besonders für den Osten Deutschlands gilt das. Im Jahr 2000 war dort die Alterstufe der 15-Jährigen 240 000 stark, im Jahr 2010 werden wir in dieser Altersstufe nur noch ein Drittel, also 80 000 zählen. Wenn jetzt nicht alle optimal ausgebildet werden, kann man ein Wirtschaftswachstum im Osten vergessen. Es müsste auf Vorrat ausgebildet werden. Das Nichtausbilden junger Menschen können wir uns jedenfalls nicht leisten. MANFRED BURAZEROVIC
Prof. Dr. Klaus Klemm ist Bildungsforscher und Erziehungswissenschaftler an der Uni Essen.

Von Manfred Burazerovic

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