Bildung

Die richtige Mischung macht virtuelles Lernen attraktiv

Kritiker warnen vor dem „gläsernen Mitarbeiter“.

Die Halbwertzeit von Wissen sinkt dramatisch. Schon ein paar Jahre nach Studienende sind die Kenntnisse aus den Vorlesungen und Seminaren Schnee von gestern. Längst haben viele Firmen reagiert und permanente Weiterbildungsangebote für sämtliche Abteilungen und Hierarchiestufen installiert. Allerdings: Immer mehr Firmen leiden unter den steigenden Kosten für Seminare und Workshops und erhoffen sich den Ausweg über das Internet: Der Trend in der Weiterbildung heißt „E-Learning“.
„Das webbasierte Training ist sicher keine Wunderwaffe“, schränkt Ulrich Scholten von der SPI-Gesellschaft für Transfer GmbH in Karlsruhe, sofort ein, „aber es ist wie beim Aspirin: In der richtigen Dosierung ist es sehr wirksam.“ Die Zurückhaltung ist nicht verwunderlich, denn die Erwartungen sind hoch. Längst ist das multimediale Lernen, ob direkt über das Web, das Firmen-Intranet oder mit Hilfe von Computer-Lernprogrammen auf CD-ROM, zum „Shooting-star“ der Aus- und Weiterbildung avanciert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zeit und Kosten sparendes Lernen am Arbeitsplatz, Erhöhung der Selbstverantwortung, Lernen als täglicher Normalzustand. Wie dringend notwendig neue Lernformen sind, beweist für Ulrich Scholten allein die Mechatronik: „Die Unternehmen wollen breit ausgebildete Praktiker weit über ein Kernfach hinaus, und allein das notwendige Wissen eines Mechatronikers wird immer komplizierter.“
Genau hier können interaktive Medien selbst schwierigste technische Sachverhalte veranschaulichen und fast spielerisch vermitteln. So bleibt dem Lernenden erspart, seitenlange technische Beschreibungen zu durchwühlen.
Hinzu kommen die auch quantitativ ständig steigenden Wissensanforderungen. Natürlich muss auch ein Elektriker von heute weit über sein Grundrüstzeug hinaus mit technischen Innovationen vertraut sein. Zudem sollen das Arbeitsumfeld immer flexibler und die Mitarbeiter immer mobiler werden.
Das geht nur mit lebenslangem Lernen, aber wann? Und wo? Im Internet oder Intranet, raten die Bildungsfachleute, und zwar immer dann, wenn der Mitarbeiter Zeit und Lust hat. Von so permanent geschulten Mitarbeitern profitieren auch die Kunden, ist Scholten sicher: „Ich vergleiche das immer mit dem Flugsimulator: Der Kapitän hat dort bereits alle Unwägbarkeiten trainiert, auf die er im Ernstfall erst einmal reagieren müsste, und genau hier liegen die Vorteile des computergestützten Lernens.“
Inzwischen schätzen Unternehmen, Organisationen und Verbände den Anteil des computerunterstützten und netzbasierten Lernens an der betrieblichen Fortbildung bereits auf 20 %. „Lernen “just in time“ und “on demand“ ist bei der Qualifizierung der Mitarbeiter zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor geworden“, hat Margot Schons, Hauptgeschäftsführerin der ibis acam Unternehmensgruppe in Andernach, beobachtet. Gute Aussichten also für den Dienstleister für berufliche Bildung, vom wachsenden Trend des Online-Lernens weiter zu profitieren. Auch Mitbewerber McGraw-Hill Lifetime Learning aus Basel ist optimistisch, die eigenen Zuwachsraten im deutschsprachigen Raum von zuletzt schon 50 % dank E-Learning fortsetzen zu können. „Die Zeit“, sagt McGraw-Geschäftsführer Nils Jörgensen, „ist in den Unternehmen eben die Ressourcenknappheit Nummer eins, und hier bietet das Lernen am Computer Abhilfe.“
Doch die Entwicklung löst nicht nur Begeisterung aus. Vor allem die klassischen Trainer fürchten, dass sie der „Lehrmeister“ Computer ersetzen soll. Nils Jörgensen verspricht zwar den „E-Trainern“ von morgen glänzende Perspektiven bei der permanenten Betreuung, Coaching und Chat-Runden mit den Kurs-Teilnehmern am anderen Ende der Leitung, doch die langjährigen Seminarleiter müssten in diesem Fall selber neu lernen, um ein völlig neues Instrument der Wissensvermittlung beherrschen zu können.
Ganz so tiefgreifend wird die Entwicklung nicht werden, glaubt Ulrich Scholten, „schließlich kann webbasiertes Training nur begleitend funktionieren, und zwar in Synergie mit den klassischen Seminaren.“ Gleichwohl bietet SPI inzwischen Fortbildungen an, in denen – natürlich am Computer – Themen aus der industriellen Maschinenbau- und Fertigungstechnik wie Hydraulik und Pneumatik, speicherprogrammierter Steuerung, Mechatronik und CNC-Technik behandelt werden. Dabei soll gerade Ausbildern und Lehrern in Schulungen und Veröffentlichungen die notwendige Medienkompetenz vermittelt werden. Denn als Forderung der Zukunft steht in punco Lernzielerreichung der unterhaltsame Umgang mit dem Medien-Mix an erster Stelle.
Voraussetzung für den Siegeszug des Online-Lernens ist natürlich die Akzeptanz des Einzelnen. Empfindet der Mitarbeiter die animierten Lernprogramme nur als langweilige Spielerei oder frustrieren ihn zu hohe Schwierigkeitsgrade, wird er sich schnell wieder ausklinken. Immer mehr Programme versuchen dagegen mit Einstufungstests und intelligenten Animationen, dem Lernenden die richtige Mischung aus Unterhaltung und individueller Wissensvermittlung zu bieten. Denn Ziel ist, dass der Mitarbeiter auch das nächste Mal wieder einschaltet, und zwar freiwillig. Allerdings gehen manche Firmen bereits zu sanftem Druck über und erheben die erfolgreiche Teilnahme an Computerlernprogrammen zur Voraussetzung für den Besuch von Seminaren oder sogar für die nächste Beförderung. Gewerkschaften befürchten schon den gläsernen Mitarbeiter, dessen Ergebnisse beim Abschlusstest vom Vorgesetzen per Mausklick abgerufen werden können. Auch die Umgehung von Arbeitszeitvorschriften drohe, so die Kritiker, wenn Mitarbeiter auch Zuhause nach Weisung des Chefs mit der Lernsoftware büffeln müssen.
Nils Jörgensen verweist darauf, dass das Problem der Überwachung bei Firmen mit der richtigen Philosophie gar nicht erst aufkomme. Dort stünden allein die Wünsche der Mitarbeiter im Vordergrund. Und die glaubt Nils Jörgensen genau zu kennen: „Wer online arbeitet, will auch online lernen!“ ANDREAS LEIMBACH

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