Bildung

„Die Bachelorausbildung von Meistern und Technikern ist kein Zugewinn“

In „einem unüberschaubaren Dickicht aus Programmen, Maßnahmen und Projekten“ würden viele Jugendliche in Deutschland ohne Aussicht auf einen Lehrvertrag geparkt, bemängelt Georg Spöttl. Der Leiter des Instituts Technik und Bildung an der Universität Bremen warnt im Interview mit den VDI nachrichten zudem davor, die Weiterbildung von Meistern und Technikern zu Ingenieuren als Lösung des Fachkräftemangels zu verstehen.

VDI nachrichten: Die duale Berufsausbildung in Deutschland hat Vorbildcharakter. Aber längst nicht alle Interessenten kommen in ihren Genuss. Fördermaßnahmen sollen hier Brücken bauen. Eine gute Idee, oder?

Georg Spöttl: Rund 50 % eines Jahrgangs gehen in diese Ausbildung. Die OECD hat erstmals in ihrem 2010 erschienenen Bericht die Verzahnung der theoretischen und arbeitsbezogenen Ausbildung in der dualen Berufsausbildung positiv bewertet und als Zukunftskonzept benannt. Allerdings hat sich die Ausbildung zum „goldenen Weg“ für die guten Schulabsolventen entwickelt. Schwächere haben kaum eine Chance.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten fehlte es zudem an einer ausreichenden Zahl betrieblicher Ausbildungsplätze, sodass ein Übergangssystem mit einem unüberschaubaren Dickicht aus Programmen, Maßnahmen und Projekten entstanden ist. Eine zu hohe Zahl von Abgängern allgemeinbildender Schulen wandert in dieses Übergangssystem. Die Zahlen schwanken. Je nach Quelle ist von 500 000 bis 700 000 der bis zu 25-Jährigen die Rede. Laut einer Bertelsmann-Studie werden jährlich deutlich mehr als 5 Mrd. € ausgegeben, um Maßnahmen in diesem Übergangssystem zu finanzieren. Konsequenz für viele Jugendliche sind lange und demotivierende Warteschleifen in diesem „Aufbewahrungssystem“, ohne dass das Ziel eines Lehrvertrags erreicht wird.

Gibt es Alternativen?

Das Übergangssystem ist abzuschaffen und alles daranzusetzen, den Übergang von den allgemeinbildenden Schulen in die Berufsbildung nicht in einer „Aufbewahrungsanstalt“ zu organisieren. All diejenigen, die die Befähigung für eine Berufsausbildung im dualen System mitbringen, müssen dort unterkommen. Hier sind die Unternehmen gefordert, sich auf diese Jugendlichen einzulassen, mehr Geduld für deren Qualifizierung aufzubringen und eine ausreichende Zahl an Ausbildungsplätzen zur Verfügung zu stellen. Mit den bisher für das „Parken“ der Jugendlichen ausgegebenen Milliarden ließe sich ein Umsteuern bestens finanzieren. So könnte verhindert werden, dass eine große Bevölkerungsgruppe endgültig in das gesellschaftliche Abseits gerät.

Also stehen vor allem die Unternehmen in der Pflicht?

Ja, aber auch die allgemeinbildenden Schulen und die berufsbildenden Schulen als Partner des dualen Systems: die einen, die qualifizierter auf eine Berufsausbildung vorbereiten müssen, die anderen, die die betriebliche Ausbildung begleiten und die didaktische Kompetenz haben, schwächere Jugendliche zu fördern. Das geht jedoch nicht in Klassen mit 30 Schülern. Unsere Studien belegen, dass bei gezielter Förderung auch ehemals schwache Schüler nicht nur den Abschluss schaffen können, sondern auch gute Facharbeiter werden. In besonderen Fällen und anspruchsvollen Berufen muss eben im Bedarfsfall länger ausgebildet werden. Bereits realisierte Konzepte zeigen, dass es gute Alternativen zum bislang praktizierten Übergangssystem gibt.

Unternehmen verlangen von Ingenieurbewerbern vor allem Praxiswissen. Da ist es doch ideal, wenn sich Meister und Techniker zu Ingenieuren fortbilden.

Ich selbst unterstütze sehr den Zugang von Praktikern zu Hochschulen. Wenn sie erfolgreich abschließen und zurück in die Industrie gehen, bringen sie Praxiswissen mit, über das sie gründlich zu reflektieren gelernt haben. Sie beherrschen weiterhin die „Werkstattsprache“ und bringen eine sehr gute theoretische Basis mit. Aber ich gebe zu bedenken: Damit werden den Unternehmen die am besten qualifizierten Personen am oberen Ende der Facharbeiterebene entzogen. Wenn sie dann mit dem Bachelorabschluss zurückkommen, ist das weder für die Personen noch für die Unternehmen ein großer Zugewinn. Es müsste schon der Master oder die Promotion sein. Zudem werden Meister und Techniker an Mathematik, Thermodynamik und Mechanik scheitern, weil sie darauf nicht vorbereitet sind. Dieser Karriereweg könnte etwa mit dualen Studiengängen – Studium in der Hochschule und fachliche Weiterbildung im Betrieb – gestützt werden. So könnten Meister und Techniker mit einem Masterabschluss als Führungskräfte in ihre Fachgebiete zurückkehren.

Wo könnten die Arbeitsfelder der zu Ingenieuren ausgebildeten Meister und Techniker liegen?

Dieses Feld ist bisher vollkommen unerforscht. Es ist also pragmatisches Handeln der Unternehmen gefragt. Sowohl für große als auch mittlere Unternehmen könnte die Weiterqualifizierung von Technikern große Vorteile haben, wenn sie danach mit Produktentwicklung oder Fertigungsleitung betraut werden. Meister eignen sich vermutlich vor allem als Führungskräfte in mittleren Unternehmen, als Fertigungsleiter, als Trainer oder Ausbildungsleiter, je nach technischem Hintergrund. Bei beiden Zielgruppen ist es sicherlich von großem Vorteil, dass die Einarbeitungsphasen sehr kurz sein werden, weil sie Betriebe und deren Geschäfts- und Arbeitsprozesse sehr gut kennen.

Wo liegen die größten Potenziale zur Bekämpfung des aktuellen Fachkräftemangels?

Im Übergangssystem. Ingenieure dürfte es bald wieder ausreichend geben, weil die Studierendenzahlen deutlich steigen – von 2005 bis 2009 um 16,9 % –, wovon auch die Ingenieurwissenschaften deutlich profitieren. Wenn adäquate Stellen, etwa in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, angeboten werden, wird auch eine größere Zahl der Bachelorabsolventen auf die Masterweiterbildung verzichten. Der Aufwand an Nachqualifizierung durch die Unternehmen dürfte aber größer werden als er in den vergangenen Jahren war.

Muss die akademische Technikausbildung trotz Bologna-Reform neu überdacht oder feinjustiert werden?

Durch die Vorgaben von Politik und Akkreditierungsagenturen, aber auch durch die Hochschulvertreter selbst findet eine deutliche Überreglementierung der Studiengänge statt. Es ist also das eingetreten, was alle vermeiden wollten: die totale Verschulung. Was Studierende nach einem Seminar noch wissen und können, ist in den Hintergrund getreten. Wichtig ist der Erwerb von Credits. Feinstregulierung in Kombination mit IT-basierter Kontrolle der Studienverläufe berauben die Hochschulen jeglicher studentischer Kreativität. Es sind massive Korrekturen nötig, um das abzubauen, was die Studierenden „Bildungsbulimie“ nennen. Wenn auch noch die Promotionen verschult werden, werden die kreativen Köpfe bald keine Entwicklungschancen mehr an Hochschulen haben.

Geben deutsche Unternehmen Anreize, um attraktiv für junge Arbeitskräfte zu sein – seien es Auszubildende oder Ingenieurabsolventen –, aber auch für Frauen und Ältere?

Es ist bekannt, dass große Unternehmen viele positive Anreize setzen, um junge Arbeitskräfte zu gewinnen. Es sind jedoch noch viel zu wenige. So bilden insgesamt nur 25 % der Unternehmen aus. Für Bachelor-Absolventen gibt es zu wenige lukrative Einstiegsmöglichkeiten, weshalb viele den Master anstreben. Hoch qualifizierte Spezialisten sind nicht sehr erwünscht, auch wenn sie perfekt in Deutsch und Englisch sind. Mittlere und vor allem kleinere Unternehmen haben in Fragen der Attraktivität sicher großen Nachholbedarf.

Frauen sind schon seit einiger Zeit stärker im Fokus von Unternehmen. Über bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ließen sich hoch qualifizierte Frauen wieder in das Berufsleben einbinden. Aber um einen betrieblichen Kindergarten zu etablieren, ist ein erheblicher Aufwand erforderlich. Der Gedanke daran wird deshalb besonders von kleineren Firmen schnell wieder fallen gelassen. Zudem wird bei älteren Mitarbeitern immer noch stärker auf Ausstiegsmodelle gesetzt als auf Weiterqualifizierung, statt ihr Know-how zu nutzen und zu sichern.

Gewinnt oder verliert der Ingenieurberuf an Attraktivität?

Er wird an Attraktivität gewinnen. Gerade bei den momentanen Anstrengungen im Feld von alternativen Technologien, neuen Verkehrskonzepten und der Verbreitung neuer Werkstoffe wird deutlich, dass Ingenieure viele Gestaltungsmöglichkeiten haben. Daran sind junge Menschen sehr interessiert.

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