Bildung

Deutscher Schulalltag – lieber pauken als verstehen

Physik zählt auch weiterhin zu jenen Fächern, um die Oberstufenschüler gerne einen großen Bogen machen. Die geringe Attraktivität dieses Faches liege vor allem an überholten didaktischen Vorstellungen, meinen Bildungsforscher.

Der Schock war groß: Vor drei Jahren zeigten die Ergebnisse der ersten TIMSS-Studie (Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie), dass die Siebtklässler mit ihrem Wissen international weit zurücklagen. Nun untersuchte das Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung die Oberstufe (Mathematische und naturwissenschaftliche Bildung am Ende der Schullaufbahn).
In der 12. und 13. Klasse besteht allerdings auch kein Grund zur Freude. In Mathematik und Physik reicht es allenfalls zum Mittelmaß bei deutschen Schülern. Die gelbe Karte erhalten bei diesem Ergebnis in erster Linie die Lehrer. Zwischen den Lehrplanvorschriften und der Konkretisierung dieser Vorgaben klafft eine Lücke, stellten die Bildungsforscher fest. So sollen nach den Lehrplänen zwar konzeptuelles Verständnis, die Fähigkeit, elementare Operationen zu verknüpfen, und der Transfer des Gelernten auf neue Zusammenhänge vermittelt werden, doch in der Realität schreiben die Schüler die Lösungsvorgaben von der Tafel ab und „dann machen sie die Hausaufgaben“, monieren die Wissenschaftler.
MPI-Direktor Prof. Jürgen Baumert hält die Abwahl der naturwissenschaftlichen Fächer bei Abiturienten denn auch für „die Quittung für schlechten Unterricht in der Zeit zuvor“. Die Befragung der Oberstufenschüler zeigte, dass im Fach Physik Projektunterricht oder auch Schülerexperimente so gut wie nicht vorkommen. Auch der Computereinsatz rangiert weit hinten. Demonstration und Rezeption beherrschen den Schulalltag.
Bereits nach dem ersten TIMSS-Schock reagierten die Politiker. Bund und Länder fördern mit insgesamt 25 Mio. DM ein Modell für einen besseren Schulunterricht. Die Ergebnisse des Projekts liegen noch nicht vor. Der Vorsitzende des Schulausschusses bei der Kultusministerkonferenz (KMK), Klaus Karpen, resümiert nun nach dem TIMSS-Ergebnis: „Wir müssen in erster Linie bei den Lehrern etwas tun.“
Doch trotz des schlechten Unterrichts wird Mathematik bei den Leistungskursen noch von 34,4 % aller Schüler gewählt und liegt damit an zweiter Stelle hinter Englisch (38,9 %). Physik lassen die angehenden Abiturienten allerdings gerne außen vor. Nur 8,2 % entscheiden sich hier für den Leistungskurs. Für Chemie können sich nur 5,4 % begeistern.
Unterschiede zeigt die Studie wieder zwischen Jungen und Mädchen. Wie schon in der Mittelstufe, setzt sich in den höheren Klassen die mathematisch-naturwissenschaftliche Abstinenz fort. Aufgeschlüsselt nach Geschlecht wählen 47,1 % der Jungen, aber nur 26,2 % der Mädchen den Mathematik-Leistungskurs. Bei Physik ist das Verhältnis 15 % zu 3 %. Das Fazit der Wissenschaftler: „Die insgesamt sehr großen Leistungsnachteile der Frauen in Physik machen deutlich, dass es dem Physikunterricht der gymnasialen Oberstufe nicht gelingt, Voraussetzungen zu schaffen, die Frauen und Männer zu gleichen Lernerfolgen führen.“ Das größere Interesse an den beiden untersuchten Fächern haben die Schüler aus den neuen Ländern. Knapp 41 % entscheiden sich von ihnen für Mathematik (alte Länder: 32,4 %) und rund 13 % für Physik (alte Länder: 6,2 %).
Die MPI-Untersuchung räumt allerdings auch mit einem Vorurteil auf. Nicht der kleine ausgewählte Kreis von Abiturienten sorgt für hohes Leistungsniveau, sondern weit mehr Spitzenleistungen gibt es bei hohen Schülerzahlen. „Die Elite kann von der Breitenförderung profitieren“, glaubt der Hamburger Wissenschaftler Prof. Wilfried Bos. In Deutschland gebe es einen „restriktiven Zugang“ zur voruniversitären Bildung. Nur 25 % einer Jahrgangsstufe machen den Sprung von der zehnten Klasse in die gymnasiale Oberstufe. Während in den Ländern mit Schüler-Spitzenleistungen die Zahlen erheblich höher liegen: In Norwegen sind es über 80 %, in Frankreich rund 75 % und auch in Schweden wechseln knapp 71 %. Auch in den USA wollen sich 65 % der Schüler den Weg zur Hochschulausbildung offen halten. BIRGIT BÖHRET

Von Birgit Böhret
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