Bildung

Dem Wirrwarr im IT-Dschungel entrinnen

VDI nachrichten, Frankfurt, 17. 9. 04 -Das IT-Weiterbildungssystem Apo-IT ist noch unbekannt in den Unternehmen. Der von Branchenverbänden, Bundesregierung und Gewerkschaften entwickelte Ansatz ermöglicht es Arbeitnehmern, am Arbeitsplatz ein Spezialistenprofil zu erlangen, das auf die Qualifikationsanforderungen der IT-Branche abgestimmt sein soll. Wer bereits Erfahrungen gesammelt hat, ist damit zufrieden, aber manches ließe sich noch verbessern.

Peter Trosien gehört zu den ersten IT-Fachkräften Deutschlands, die eine Weiterbildung zum Projektkoordinator abgeschlossen haben. Der 34-Jährige arbeitet bei dem Freiburger IT-Unternehmen Pyramid als Leiter des Einkaufs und Produktmanagements. Bei dem Projektkoordinator handelt es sich um eines von 29 Spezialistenprofilen, das gemeinsam von den Sozialpartnern – den Branchenverbänden Bitkom und ZVEI sowie den Gewerkschaften IG Metall und ver.di – und der Bundesregierung in den Jahren 2000 bis 2002 erarbeitet worden ist. Die Spezialistenprofile sollen typische Qualifikationsanforderungen der IT-Branche abdecken, wie die Systemadministration, die Software-Entwicklung oder eben die Projektkoordination.
Anders als bei etablierten Formen der Fortbildung steht bei der arbeitsprozessorientierten IT-Weiterbildung (Apo-IT) das eigenständige Lernen im Rahmen der täglichen Arbeit im Vordergrund. Der Arbeitgeber stellt dazu ein geeignetes Projekt zur Verfügung, das der Mitarbeiter unter Anleitung eines internen oder externen Coaches selbstständig bearbeitet. Die Weiterbildung endet mit einem Zertifikat von einer unabhängigen Stelle. Peter Trosien ist gelernter Industriekaufmann. Da bei seinem Arbeitgeber Projekte an der Tagesordnung sind, erschien ihm diese Art der Fortbildung lohnenswert, zumal er sie als „sehr praxisbezogen“ erlebte. Der 34-Jährige koordinierte dabei die Mitarbeiter eines Projekts, in dessen Rahmen eine spezielle Server-Lösung zu entwickeln war. „Vor allem das Schreiben der Dokumentation brachte einen nachhaltigen Lernerfolg“, sagt Trosien, „denn man wird dabei nochmals mit den Problemen und Fehlern konfrontiert, die aufgetreten sind.“ Die abschließende Zertifizierung gebe der Weiterbildung einen offiziellen Anstrich, allerdings „hängt ihr Wert vom Bekanntheitsgrad der Apo-IT ab“.
Trosien hat das neuartige Konzept jedenfalls so gut gefallen, dass er im Herbst mit einem Professional-Profil weitermachen möchte. Die Weiterbildung in einem dieser sechs Profile setzt voraus, dass man das Zertifikat für eines der 29 Spezialistenprofile in der Tasche hat. Am Ende der Professional-Weiterbildung steht dann eine öffentlich-rechtliche Prüfung vor einer Kammer.
Die Berliner Cert-IT war bis vor einigen Monaten die einzige Zertifizierungsstelle für die Apo-IT. Rund 50 Anmeldungen habe es im vergangenen Jahr gegeben, so der Geschäftsführer Stefan Grunwald. „Für das laufende Jahr sind es bislang etwas mehr als 100, und wir erwarten bis Jahresende insgesamt weitere 250 bei allen Zertifizierungsstellen.“ Ursprünglich sei die Apo-IT als systematischer Karriereweg für die neuen IT-Berufe und deren Vorgänger gedacht gewesen. Derzeit handele es sich bei den Prüflingen zu 70 % um Quereinsteiger, die keinen formalen IT-Abschluss hätten, so Grunwald. „Das spiegelt allerdings auch die tatsächlichen Verhältnisse in der Branche wieder.“
Auch bei Siemens hat man erste Erfahrungen mit der Apo-IT gesammelt. Insgesamt steht Norbert Giesen, der bei Siemens Professional Education am Standort Berlin für den Bereich Geschäftsentwicklung zuständig ist, dem neuen Weiterbildungsansatz sehr positiv gegenüber. „Wir bieten das Konzept künftig allen Werksbereichen an“, so Giesen, „und legen den Verantwortlichen auch den Mehrwert dar.“ Denn gerade der Zwang zur Dokumentation der Arbeiten im Rahmen der Weiterbildung bringe auch dem Unternehmen einen positiven Rückkopplungseffekt, um Abläufe verbessern zu können.
Allerdings empfand Giesen die von der Apo-IT vorgegebenen Referenzprojekte an verschiedenen Stellen als nicht sehr verständlich aufbereitet. „Das haben bei uns dann die eigenen Berufsschullehrer geleistet.“ Giesen sieht in der Apo-IT auch kein Weiterbildungssystem für die Masse: „Die Unternehmen müssen einen entsprechenden Bedarf haben.“
Auch von unabhängiger Seite kommt trotz aller positiven Aspekte, die der neue Ansatz bietet, Kritik. So hat Professorin Margit Frackmann von der Universität Hannover das neue IT-Weiterbildungssystem evaluiert und festgestellt, dass es am Marketing mangele: „Die Apo-IT stellt einen entscheidenden Paradigmenwechsel dar, vom kursorientierten, theorielastigen Lernen zum handlungsorientierten und arbeitsintegrierten Lernen. Das kommt in der Selbstdarstellung des Systems viel zu wenig zum Ausdruck.“ Frackmann und ihre Kollegen kritisieren auch, dass die Spezialistenprofile zu eng ausgelegt seien und manche in der Praxis wohl kaum vorkämen. Daher, so Frackmann, sollte man die Zahl der Profile drastisch verringern.
MICHAEL VOGEL

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