Bildung

Dem Entsetzen über Pisa müssen radikale Bildungsreformen folgen

Nur radikale Änderungen im Bildungssektor stoppen die Talfahrt des Wirtschaftsstandortes Deutschland, meint Bernhard Schreier. Die Pisa-Studie ließe allerdings befürchten, dass der Fachkräftemangel sich noch verschärfen wird.

Das Entsetzen über die Ergebnisse der Pisa-Studie war groß – doch schon recht schnell wieder verhallt. Trotz erdrückender Erkenntnisse über den Zustand unserer Schulen und Hochschulen ist nichts passiert. Die Frage stellt sich, wieso nichts geschieht. Warum wird, wenn überhaupt, nur rudimentär auf das marode Bildungssystem und dessen nachteilige Auswirkungen auf Deutschland als Wirtschaftsstandort reagiert? Unsere Industrie spürt die hieraus entstehenden Nachteile immer stärker. Der seit Jahren wachsende Fachkräftemangel ist nur ein Beleg dafür.
Dabei sind hoch qualifizierte Mitarbeiter entscheidend, wenn sich Deutschland im internationalen Wettbewerb halten will. Immerhin sind es die Spitzenleistungen in Bildung und Forschung, auf die der Wohlstand unserer Gesellschaft fußt. Doch um diesen Wohlstand auch für die Zukunft sicherzustellen, ist ein gut funktionierendes Bildungssystem zu errichten.
Hierfür bedarf es mehrerer Schritte. Zunächst müssen die verkrusteten Strukturen auf politischer Ebene aufgebrochen werden. Denn hier blockieren sich die Verantwortlichen gegenseitig und verstricken sich in letztlich ergebnislosen Diskussionen. Es ist anachronistisch, dass in einem zusammenwachsenden Europa mit einer einheitlichen Währung in Deutschland parallel 16 Landesministerien und Behörden über Lehrpläne, Schulformen und Unterrichtsmaterialien sinnieren. Gleichzeitig schaffen sie eine „Zentralstelle für Normungsfragen und Wirtschaftlichkeit im Bildungswesen“, die sich einzig darum kümmert, die einzelnen Ministerien über die jeweilige Arbeit des anderen Ministeriums zu informieren.
Absolut unverständlich ist, dass Bundesländer wie Bremen, das Saarland oder Hamburg eigene Schulbehörden unterhalten geradezu unfassbar, dass Schleswig-Holstein überhaupt den Versuch unternehmen konnte, sich der Rechtschreibreform zu entziehen. Die Kulturhoheit, von den Kultusministern gerne als wettbewerbsfördernder Vorteil gepriesen, erweist sich so als lästiger, Geld vernichtender Hemmschuh.
Erst kürzlich wurde die Blockade durch die Kleinstaaterei wieder deutlich. Die Kultusminister-Konferenz (KMK) konnte sich noch nicht einmal auf einen nationalen Bildungsbericht verständigen, der die dringend benötigte Transparenz hätte schaffen können, um den Reformbedarf an den deutschen Schulen richtig einzuschätzen. Deshalb dürfen Schulen und Universitäten nicht länger unter die Hoheit der Länder fallen.
Eine Paranthese: Auch die Umweltpolitik oblag bis in die 80er Jahre hinein ausschließlich den Ländern. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl erkannte die Bundesregierung, dass sich ein einheitlicher Standard sowie ein hohes Niveau im Umweltschutz nur erzielen lassen, wenn die Gesetzgebungshoheit auf den Bund übergeht. Am 6. Juni 1986, nur sechs Wochen nach dem Tschernobyl-Gau, reagierte die Bundesregierung mit der Gründung des Bundesumweltministeriums auf diese Erkenntnis. Heute brauchen wir einen ähnlichen organisatorischen Neuanfang, der uns in die Lage versetzt, Entscheidungen zu treffen und zeitnah durchzusetzen. Denn eine Kultusministerkonferenz, die keinerlei gesetzgeberischen Befugnisse hat, ist ein zahnloser Tiger, der unnötig Ressourcen frisst. Stattdessen brauchen wir einen Bundesbildungsminister, der für die Ausbildung der Lehrkräfte, Lehrpläne und vor allem den Etat verantwortlich ist. Wir sollten Pisa als Tschernobyl der Bildungspolitik sehen.
Natürlich geht es in der Bildungsfrage auch ums Geld. Die Budgets für das Bildungssystem sind ein Indikator, welche Priorität dieser Bereich abseits wohlfeiler Reden tatsächlich besitzt. Schon ein Beispiel aus meinem direkten regionalen Umfeld macht das bisherige Missverhältnis bei der Verteilung der Finanzmittel deutlich: Mit 32,4 Mio. € finanziert Heidelberg jährlich den laufenden Betrieb der 36 Schulen. Gleichzeitig unterstützt die Stadt mit 39,9 Mio. € Einrichtungen wie Theater, Orchester, Kurpfälzisches Museum, Tiergarten und Musikschule. Es kann nicht angehen, dass nur Griechenland und Irland in der EU noch weniger für Bildung ausgeben als das Hochtechnologieland Deutschland.
Wir müssen aber auch im Bildungssektor bereit sein, Berührungsängste abzubauen, um nach alternativen Finanzierungsmodellen zu suchen. So geht etwa die Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften als erste deutsche Hochschule im großen Stil auf Sponsorensuche.
Und auch die Industrie ist aufgerufen, sich stärker als bisher zu engagieren. Schon allein aus Eigeninteresse. Bereits heute reicht die Zahl der deutschen Hochschulabgänger bei weitem nicht, um den Bedarf an Ingenieuren zu decken. Und das, obwohl die Anzahl der Stellenanzeigen aufgrund der schwachen Konjunktur in den vergangenen beiden Jahren stark rückläufig war. In anderen Branchen sieht es nicht anders aus. Diese Entwicklung sollte als Alarmsignal genügen, um vor allem an den Hochschulen in die Ausbildung unserer Ingenieure, Betriebswirtschaftler und Juristen zu investieren.
Auch neue oder ungewohnte Wege sollten bei der Finanzierung des Bildungswesens eingeschlagen werden. So hat Heidelberg für seine Print Media Academy mehr als 40 Mio. € ausgegeben. In einem weltweiten Netzwerk arbeiten die Studenten in Seminaren, Workshops und bilden sich in Produkt- und Managementtrainings weiter.
Finanzielles Engagement zahlt sich jedoch erst aus, wenn in den Schulen und Hochschulen unseres Landes zumindest wettbewerbsähnliche Strukturen errichtet werden. Ein erster Schritt in diese Richtung ist ein einheitlicher Lehrplan, der auch verbindliche und überprüfbare Lernziele für die Schulen festlegt. Noch wird dieser durch die Kulturhoheit der Länder blockiert. Dabei sind die Grundlagen für diesen gemeinsamen Rahmen-Lehrplan längst aufgestellt und könnten direkt umgesetzt werden. Für die KMK hat der Berliner Erziehungswissenschaftler und Vizepräsident der Humboldt-Universität, Heinz-Elmar Tenhorth, Oberstufen-Pläne für Mathematik, Deutsch und Englisch herausgegeben. Jetzt arbeitet er an einem Curriculum für Physik, Chemie und Biologie.
Mit diesem ließen sich die dringend nötigen Evaluationsstandards durchsetzen. Bislang finden sich unter den bundesweit fast 30 000 Schulen nur wenige Hunderte, die sich um Fragen von Teamarbeit oder Evaluation kümmern. In der Wirtschaft ist Evaluation vollkommen selbstverständlich im Schulalltag können deutsche Lehrer Routineunterricht hinter geschlossener Klassentür verstecken. Professionelle Kooperation ist hingegen unüblich. Die Fragen stellen sich: Warum besuchen sich so wenige Pädagogen gegenseitig im Unterricht, um voneinander zu lernen? Warum schreiben so wenige Schulen parallel in einer Klassenstufe die gleiche Klassenarbeit und fragen sich, wie die Leistungsunterschiede zustande kommen? Wieso öffnen sie sich so selten dem Blick von außen?
Zum Schulmanagement gehört auch, dass die Verantwortung auf mehreren Schultern liegt. Lehrer tauschen ihre besten Ideen, Materialien und Unterrichtssequenzen (best practices) aus, überprüfen gegenseitig ihre Lehreinheiten. Sie legen Halbjahresziele fest und entwickeln Indikatoren für den Unterrichtserfolg. Da solche professionellen Lerngemeinschaften Zeit kosten, ist die ideale Schule – auch für Lehrer – eine Ganztagsschule. Das bedeutet aber auch veränderte Arbeits- und Präsenzzeiten für Lehrer. Solche Strukturen sind in anderen Ländern längst Standard. Das setzt eine Managementkultur voraus, die den Schulleitern größere Freiheiten bei der Gestaltung von Etats und Personalentscheidungen einräumt und Anreize für Leistung schafft. Dafür brauchen die Schulchefs erheblich mehr Verantwortung und mehr Rechte als heute: Sie sind für das Budget ihrer Schule verantwortlich, nehmen Einfluss auf Einstellungen, entscheiden über Beförderungen und Prämien für besondere Leistungen ihrer Lehrer. Außerdem können sie ungeeignete Pädagogen entlassen.
Eigeninitiative ist also gefragt, ebenso wie der Mut zu fundamentalen übergreifenden Änderungen im Bildungssystem. Nur dann kann der Wirtschaftsstandort Deutschland auch in Zukunft auf seine lebenswichtige Ressource „Wissen“ bauen.
BERNHARD SCHREIER

Von Bernhard Schreier

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