Bildung

Bildungsqualität gibt es nicht zu Dumpingpreisen

VDI nachrichten, Düsseldorf, 5. 11. 04 -Um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, müsse Deutschland rund 30 Mrd. € mehr als bislang in die Bildung stecken, fordert die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Der globale Wettbewerbsdruck für deutsche Unternehmen steigt, die Beschleunigung der Produktzyklen erfordert Innovation auf Innovation und neue Technologien benötigen flexibel ausgebildete Fachleute mit Teamgeist.
Die Anforderungen an alle Beteiligten steigen, die Meldungen über das deutsche Bildungswesen lassen aber die Hoffnung auf eine Deckung des hoch qualifizierten Personalbedarfs schwinden. Der demografische Wandel tut sein Übriges: Im Jahre 2030 wird die Zahl der Erwerbstätigen um 1,2 Mio. gesunken sein. Höchste Zeit, eigene Konzepte für eine Gesundschrumpfung des deutschen Bildungswesens von der Kinderkrippe bis zur Weiterbildung zu erarbeiten, sagte man sich in der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), und legte in der vergangenen Woche den zweiten Teil der Studie „Bildung neu denken!“ vor, der sich mit der Finanzierung auseinander setzt.
Um die Bevölkerung des drittgrößten Industrielandes der Erde für die Zukunft fit zu machen, müssten jährlich zusätzliche 30 Mrd. € für die Bildung bereit gestellt werden, das sind 30 % mehr als heute. Mit dieser Rechnung wartet die Bayerische Wirtschaft aufgrund ökonomischer Analysen der Prognos AG und wissenschaftlicher Begleitung durch die Freie Universität Berlin auf.
Den Schwarzen Peter haben demnach Bund und Länder in Händen. „Wir erleben die Folgen des Staatsversagens in Bildungsfragen“, bilanziert VBW-Präsident Randolf Rodenstock. „10 % der Schulabgänger bleiben ohne Abschluss, 20 % sind nicht berufsbildungsfähig.“ Ein Grund für die Stagnation seien die zu hohen Garantiegehälter für pädagogisches Personal. Von leistungsförderndem Wettbewerb könne so nicht die Rede sein. Im tertiären Bildungsbereich brächen 30 % der Studenten ihre Ausbildung ab, nur 19 % eines Jahrgangs schafften es bis zum Hochschulabschluss.
Diese Entwicklungen stimmen die Wirtschaftsexperten skeptisch, vor allem, da der von ihnen vorgelegte Katalog wichtiger Wissensgebiete Kenntnisse „mindestens oberhalb des Facharbeiterniveaus“ verlangt. Er reicht von der „Generierung virtueller Wirklichkeiten“ über die „Wahrnehmung mit intelligenten Netzwerken“, die „Logistik von Verteilungssystemen“, das „Wissensbasierte Entwerfen von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen“, die „Optimierung von Materialeigenschaften“ bis hin zu „Wasserversorgung“ und „Wasserbauwirtschaft“.
In die grundlegende Phase vom vierten bis zum 14. Lebensjahr sollen auf Wunsch der bayerischen Unternehmer 11,6 Mrd. € mehr gepumpt werden. Was folgende inhaltliche Veränderungen mit sich brächte: Schulanfänger sollten in einer flexiblen Eingangsstufe gefördert werden, Schüler nicht mehr sitzen bleiben und auch nicht nach der 4. oder 6. Klasse auf verschiedene Schultypen verteilt werden. Überhaupt zeichne sich das deutsche Bildungswesen durch hohe soziale Ungerechtigkeiten aus, kritisiert der Familienunternehmer Rodenstock. Dazu gehöre, dass gering verdienende Eltern zwar das Studium der Kinder besser verdienender Eltern mitfinanzierten, für die Kindergartenbetreuung aber hohe Gebühren zahlen müssten.
Grundlage aller Reformen sei die Bereitschaft der Bevölkerung, von der ausschließlichen Zuständigkeit der Institutionen Abschied zu nehmen. Private Haushalte müssten stärker in Bildungskarrieren investieren, Unternehmen in Weiterbildung und Gemeinden in Vorschulen.
Rodenstock schlägt die Kürzung staatlicher Leistungen im Sozialbereich vor, da diese heute „sechs Mal höher sind als für Bildung“. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, wies darauf hin, dass nicht alle Maßnahmen zur Steigerung der Bildungsqualität mit Kosten verbunden seien. Vor allem die größere Autonomie der Hochschulen bewirke eine teilweise finanzielle Abnabelung vom Staat. Auch der neu eingeführte Bachelorabschluss stelle aufgrund seiner kürzeren Dauer von sechs oder sieben Semestern eine Entlastung gegenüber dem Diplom dar. „Wenn wir die Lachse im Rhein haben, können wir endlich auch mal was für unsere Kinder tun“, meinte Lenzen lakonisch.ws
Die Studie „Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ist im Verlag Leske + Budrich erschienen.

 

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