Bildung

Bildungsmängel erfordern Handeln, nicht lebenslanges Reden

Politiker verschanzen sich ob fehlender Lösungsansätze und Handlungsbereitschaft hinter Worthülsen. Hans-Jürgen Ubben, Vorstand des Bildungskonzerns Cognos, fordert im folgenden Beitrag von der Bildungspolitik eine klare Sprache und das Ja zu ökonomischer Orientierung.

Nun liegt er vor: der erste Europäische Bildungsbericht. Er soll die Grundlagen für die gemeinsame Entwicklung der Bildungssysteme in Europa schaffen. Eigentlich ein guter Anlass, um über die länderübergreifenden Dimensionen der Bildungspolitik nachzudenken. Aber irgendwie mag keine richtige Diskussionsfreude aufkommen. Denn auch dieser Bildungsbericht verweist Deutschland nach Pisa und anderen Bildungsrankings wieder auf die hinteren Plätze.
Die schlechte Lesekompetenz der deutschen Schüler, die niedrige Frauenquote in mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen – das alles ist bestens bekannt. Nun fügt der europäische Bildungsbericht hinzu, dass die Deutschen nicht nur schlecht ausgebildet sind, sondern auch vergleichsweise schlechte Chancen haben, ihr Bildungs- und Qualifikationsprofil mittels Weiterbildung zu schärfen. Während in Schweden, England oder Finnland pro Monat durchschnittlich 18 bis 22 von 100 Menschen an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, sind es in Deutschland weniger als sechs. Sieht ganz so aus, als ob die Botschaft des „lebenslangen Lernens“, die unsere Politiker so gerne verkünden, in der Wirtschaft und bei den Menschen noch nicht ganz angekommen ist. Lebenslanges Lernen, das klingt für viele zu sehr nach Drohung und zu wenig nach Chance und Möglichkeit.
Dabei lassen es die EU-Bildungsexperten an mahnenden Worten nicht fehlen: „Die Humanressourcen sind der größte Schatz der EU“ heißt es dort. Das klingt gut. Wenn mit den Humanressourcen – neudeutsch: Human Resources – die Menschen gemeint sind, entpuppt sich diese Mahnung beim näheren Hinsehen als Plattitüde: „Die Schaffung und die Weitergabe von Wissen werden maßgeblich von den Humanressourcen beeinflusst . . . “ heißt es weiter. Ja, von wem denn sonst?
Eine Sprache, die an unverbindliche Sonntagsreden und alltagsfernes Wunschdenken erinnert, erweist dem wichtigen Zukunftsfaktor Bildung einen Bärendienst. Schließlich dient Bildung nicht nur der Zukunft späterer Generationen, sondern nicht zuletzt der Behebung vieler Missstände in der Gegenwart. In den Betrieben spüren wir die Defizite täglich: der Ausbilder, der feststellen muss, welche Schwierigkeiten seine Lehrlinge mit der einfachen Anfertigung eines Ausbildungsberichtes haben der Personalleiter, der – Konjunkturkrise hin oder her – keinen Ingenieur findet, der genau auf das Anforderungsprofil passt.
In den meisten der derzeit 357 Ausbildungsberufe wird es spätestens ab dem Jahr 2010 allein aus demografischen Gründen Facharbeitermangel geben. So mancher Techniker oder EDV-Experte sieht seine Chancen auf beruflichen Aufstieg schwinden, weil ihm die Zeit fehlt, sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Die Schere öffnet sich immer weiter, ohne dass nennenswerte Abhilfe naht: Für ungelernte Hilfskräfte gibt es kaum noch Jobs. Zugleich können viele Firmen verlockende Aufträge nicht mehr annehmen, weil ihnen das notwendige Fachpersonal fehlt.
Je konkreter die Probleme, desto abstrakter die Sprache der Experten und Politiker. „Damit die Europäische Union zur weltweit wissensbasierten Wirtschaft avancieren kann, ist es dringend erforderlich, mehr, effizienter und wirksamer in Humanressourcen zu investieren.“ Es mag ungerecht sein, inhaltsleere Sätze wie diesen aus dem Bildungsbericht herauszugreifen, vielleicht liegt die Schwammigkeit ja auch in der Übersetzung. Außerdem erklärt der Bericht wenig später, was er unter Investitionen in Humanressourcen versteht: „Dies bedeutet höhere Investitionen der öffentlichen Hand in Bereiche, die für die Wissensgesellschaft von zentraler Bedeutung sind, und gegebenenfalls höhere private Investitionen, vor allem in die Hochschulbildung, die Erwachsenenbildung und die berufliche Weiterbildung.“
Hier wiederum spricht der Bericht ein großes Wort gelassen aus und bleibt sehr unkonkret. Was sind private Investitionen? Investitionen der Unternehmen oder der Privatpersonen? Investitionen worin? In öffentliche Schulen und Universitäten? Oder für den Aufbau von Privatuniversitäten und Corporate Academies? Geht es darum, das abgewirtschaftete Bildungssystem mit privaten Finanzmitteln künstlich vor dem Zusammenbruch zu bewahren? Oder steckt hinter der Einforderung von mehr privaten Investitionen ein Umdenken in der Bildungspolitik?
Wenn wir in Deutschland unsere Bildungsdefizite wirklich lösen wollen, müssen wir Bildung völlig neu denken. Und Farbe bekennen, das heißt konkret werden: Ist Bildungspolitik Sozialpolitik mit vornehmlich moralisch-erzieherischem Auftrag? Oder Investitionspolitik, die sich auf eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung stützt? Was meinen wir, wenn wir Engagement und Investitionen in „lebenslanges Lernen“ einfordern? Wenn die Unternehmen investieren sollen, dürfen sie dann Bildung auch gestalten? Oder wird das staatliche Hochschulsystem durch Verbot von Studiengebühren auch weiterhin in seiner überkommenen Form künstlich am Leben gehalten? Auf dass alle Studenten gleich – will sagen: gleich schlecht – studieren dürfen?
Da nun der erste Europäische Bildungsbericht bereits vorliegt, gibt es die theoretische Möglichkeit, dass Politiker Bildungsfragen zum Schwerpunkt des Europawahlkampfes machen. Konkrete Fragen, die schnell geklärt und deshalb öffentlichkeitswirksam diskutiert werden müssen, gibt es genug. Man denke nur an die vielen operativen Folgen bei der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in den Ingenieurwissenschaften. Allerdings kann eine vertiefende Diskussion nur führen, wer sich traut, unangenehme Wahrheiten an- und auszusprechen. Zum Beispiel die, dass – wer private Investitionen in Bildung wünscht – man Bildung auch als Markt und Ware begreifen muss. Oder dass der akute Ingenieurmangel Staat und Wirtschaft zur Prioritätensetzung zwingt: Bestimmte Berufsausbildungen müssen wir stärker fördern als andere. Außerdem gilt es klarzustellen, dass „lebenslanges Lernen“ den Einzelnen nicht nur fördert, sondern auch fordert: Jeder muss mehr lernen, auch in der Freizeit, und stärker in Bildung investieren.
Wirkliche Zukunftsmodelle wie die Kombination von Arbeits- und Lernzeitkonten oder Finanzierungsmodelle („Bildungssparplan“ statt „Bausparplan“) stecken noch nicht mal in den Kinderschuhen. Mehr noch: Die entscheidende Frage, ob und inwiefern Bildungspolitik Europapolitik sein kann, beantwortet der Europäische Bildungsbericht nicht wirklich. Kann man einerseits Bildungspolitik als Ländersache deklarieren, wenn man andererseits die Vereinheitlichung des Hochschulsystems auf europäischer Ebene anspricht? Wie ernst meinen es Politiker, wenn sie es – wie im Bildungsbericht formuliert – für wichtig halten, dass „die Europäische Union zur weltweit führenden wissensbasierten Wirtschaft avancieren kann“?
Am 13. Juni ist Europawahl. Es wäre schön, wenn die Politiker sich des Megathemas Bildungsökonomie annähmen und lernten, konkret zu sein. Damit Bildungspolitik mehr ist als lebenslanges Reden.HANS-JÜRGEN UBBEN

 

Von Ubben

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