Bildung

Bildung unter Zeitdruck?  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 26. 5. 06, ws – Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hatte vergangene Woche die Klage eines Vaters gegen die um ein Jahr verkürzte Gymnasialzeit zurückgewiesen. Damit ist die Diskussion um die zeitlich geraffte Bildung nicht aus der Welt. Ein Ingenieur-Professor aus Reutlingen befürchtet sogar einen „Generationenbetrug“.

Peter Schulz ist stolzer Vater von zwei Kindern. Weniger stolz ist der Neusäßer auf die Schulpolitik seines Bundeslandes Bayern. Die Kinder seien nach Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G 8) von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends damit beschäftigt, das zeitlich gestraffte Schulpensum zu bewältigen. Schulz ging vor Gericht und klagte. Ohne Erfolg. Das Problem aber ist für Schulz und andere Kritiker damit nicht aus der Welt.

„Es ist tragisch, mit anzusehen, wie ein derart unglückliches Gesetz auf diese Weise seinen Fortbestand erhält“, meint Schulz. „Wir werden erst in einigen Jahren sehen, was das Ergebnis des Urteils ist, wie die Kinder mit dem erhöhten Druck klarkommen.“

Solche Bedenken kann die zuständige Justiz nicht nachvollziehen. Ziel des Gesetzes sei es, so Karl Huber, Präsident des Verfassungsgerichtshofes, junge Menschen früher in den Beruf zu bringen. „Sie sollen länger im Beruf verweilen und so durch Entlastung der verschiedenen sozialen Sicherungssysteme zur Generationengerechtigkeit beitragen“ – auch wenn dies eine Mehrbelastung für die Schüler bedeute.

Neben kritischen Stimmen von SPD und Grünen klagt auch die Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern (LEV) über „eine Vielzahl von organisatorischen und inhaltlichen Baustellen“, die „zur Überlastung unserer Kinder“ beitrügen.

„Wir hatten nichts anderes erwartet“, meint die Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands Ursula Walther zur um ein Jahr verkürzten Gymnasialzeit. „Es gehört in Bayern zum Weltbild, dass Kinder und Jugendliche durch massiven Druck besonders gut lernen. Das widerspricht zwar den Erkenntnissen von 100 Jahren Reformpädagogik genauso wie der aktuellen Gehirnforschung, aber diejenigen, die heute Entscheidungen treffen, sind ja in genau diesem System “etwas geworden“.“ Der Elternverband erwägt eine Popularklage gegen die fehlende Chancengleichheit in der Bildung.

Führende Bildungspolitiker sehen mit dem Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes die „Zukunftsfähigkeit“ (Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider) der Schüler gestärkt. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer ist überzeugt: „Die zusätzliche Unterrichtszeit soll nicht dazu dienen, in kürzester Zeit den bisherigen Stoff im Verhältnis 1:1 unterzubringen. Wir werden vielmehr auch im Gymnasium Stunden für individuelle Förderung zur Verfügung stellen.“

Der Bildungsforscher Klaus Klemm hält das Abitur nach zwölf Schuljahren deshalb für sinnvoll, weil die Studienanfänger in Deutschland zu alt seien. Während Absolventen in Nachbarländern bereits an ihren Berufskarrieren feilten, legten Studenten hierzulande mit Ende 20 das Diplom ab.

Einen „Generationenbetrug“ befürchtet Paul Wyndorps, Professor für Konstruktion an der Hochschule Reutlingen. Der dreifache Vater zeichnet den fiktiven „Werdegang“ eines in Deutschland heranwachsenden Maschinenbauingenieurs. Jahrgangsübergreifender Unterricht in der Grundschule verspräche zwar Einsparpotenziale bei Lehrern, aber zusammen mit der Vorverlegung der Einschulung um ein halbes Jahr und Englisch ab dem ersten Schuljahr fange gleich nach dem Kindergarten der Stress an.

34 Unterrichtsstunden plus mindestens eine Stunde täglich für die Hausaufgaben seien zu bewältigen, um den Ansprüchen des auf acht Jahre reduzierten Gymnasiums gerecht zu werden. Wer dann noch den Luxus von Musikschule und Sportverein auf sich nähme, für den ist „dann die 40-Stunden-Woche locker erreicht“, so Wyndorps. Für Freunde bliebe kaum noch Zeit.

Der angehende Maschinenbauingenieur solle anschließend in häufig nur sechs Semestern ein hoch komplexes Studium absolvieren. Aufgrund der gegenüber dem früheren Diplom um zwei Semester reduzierten Studiendauer müssten einige Fächer zeitlich parallel absolviert werden, bei denen „der eine Professor das schon anwendet, was der andere noch nicht unterrichtet hat. Das Ganze erfolgt dann wieder mit rund 34 Semesterwochenstunden zuzüglich Nacharbeit, Semesterprojekten, Hausarbeiten und Klausurvorbereitung“. Zur Abdeckung des gestiegenen Finanzbedarfs (Studiengebühren) werde nebenbei gejobt.

Als Abschluss erhält man den Bachelor, der „hinter vorgehaltener Hand an einigen Universitäten als ,zertifizierter Studienabbruch“ bezeichnet wird“. Für einen dem alten Diplom vergleichbaren bzw. höherwertigen Studienabschluss (Master) benötige man neben guten Noten erhebliche weitere Gelder für Studiengebühren. Für Freundschaften bliebe immer weniger Zeit, geschweige denn für die Gründung einer Familie.

Mit dieser zeitlich gestrafften Bildungskarriere, so Wyndorps, habe der junge Ingenieur „die Sicherung des Rentenniveaus für die jetzige Entscheidungsgeneration erreicht, die alle im Kindergarten spielen durften, in neun Jahren Gymnasium in Ruhe reifen konnten, ohne Studiengebühren und Zeitbegrenzung ein hochwertiges Studium ihrer Wahl absolvieren konnten … und zur Entfaltung ihrer individuellen Persönlichkeit auf eigene Kinder weitgehend verzichtet haben“.

WOLFGANG SCHMITZ

„Kaum Zeit für Freundschaften und die Gründung einer Familie“

Von Wolfgang Schmitz
Von Wolfgang Schmitz

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