Bildung

„Besser als jeder Leistungskurs“  

VDI nachrichten, Wiesbaden, 6. 10. 06, ws – Externe Lernlabore bieten Schülern mehr, als jede Schule intern leisten kann. 200 davon gibt es bundesweit. Obwohl sie ihre Bedeutung eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, ist Ihre Zukunft gefährdet.

Larissa, Julia und Mira halten konzentriert die Pipette in der Hand. Sie müssen verstrahlte DNA in ein Gel einlegen, das später die Strahlenschäden sichtbar machen wird. Diesen Versuch in der so genannten Elektrophoresekammer machen die 16-Jährigen zum ersten Mal. Die Anleitung liegt vor ihnen auf dem Tisch. Zweieinhalb Stunden später scannen sie das Gel in einen Computer ein und können ihr Material auswerten. Im Berufsalltag braucht man einen solchen Versuch etwa in der Tumortherapie oder der bemannten Raumfahrt.

Die drei experimentieren mit ihrer Klasse einen Tag lang im Schülerlabor der Darmstädter Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI). Es sind keine Naturwissenschaftsfreaks, die hier arbeiten. Die Zehntklässler besuchen das altsprachliche Heinrich-von Gagern-Gymnasium in Frankfurt, beherrschen Latein und Altgriechisch und tauchen doch bereitwillig in die Welt der Kernphysik ein. „Nicht nur staunen, sondern auch verstehen“, lautet die Parole von Axel Gruppe. Der Mathematiker ist einer von zwei Lehrern, die das Land zweimal in der Woche für die Betreuung der jungen GSI-Forscher freistellt.

Im GSI-Labor können die Schulklassen an authentischem Material arbeiten, zwar nicht an Schwerionen, aber doch an kleinen radioaktiven Quellen. Schon allein aus Sicherheitsgründen wäre dies im normalen Physikunterricht nicht möglich. Acht Experimentierplätze gibt es bis hin zu einer heiß begehrten Nebelkammer, in der man den Teilchenzerfall beobachten kann, um später die Halbwertzeit von Radon zu berechnen, ein Versuch, der im Unterricht bestenfalls mit zerfallendem Bierschaum simuliert werden kann.

„Wissenschaft zum Anfassen und Erleben“ bieten die rund 200 Schülerlabore, die es in Deutschland an Universitäten, Forschungseinrichtungen und in der Industrie vor allem mit den Schwerpunkten Biologie, Physik und Chemie gibt – mehr als in jedem anderen europäischen Land.

Rund 300 000 Schülerinnen und Schüler, vom Erstklässler bis zum Abiturienten, besuchen ein solches Labor im Jahr, erfahren, wie ein Handy funktioniert, erforschen die DNA eines Neandertalers oder beobachten Negerküsse im Vakuum. Kein Labor gleicht dem anderen.

Vor zehn Jahren und damit lange vor den ersten Pisa-Ergebnissen startete die heute boomende Schülerlaborszene, um den in Deutschland lange vernachlässigten naturwissenschaftlichen Unterricht sinnvoll zu ergänzen. So gehe es der Laborbewegung zwar auch um Nachwuchsförderung und den Abbau von Vorurteilen gegenüber unbeliebten Schulfächern, aber vor allem um „Breitenwirkung“, wie Dorothee Dähnhardt, Geschäftsführerin des Schülerlabornetzwerks „Lernort Labor“ betont.

„Auch der spätere Jurist oder Germanist soll eine gewisse naturwissenschaftliche Bildung erlangen“, findet Dähnhardt. Dabei bieten die Labore nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer einen wichtigen Fortbildungsort. Die Geschäftsführerin bezeichnet sie als Innovationsmotor für neue Erkenntnisse und Methoden: „Sie bringen den aktuellen Wissensstand an die Schulen.“

Erste Auswertungen der Schülerlaborarbeit zeigen nach Aussagen des Kieler Bildungsforschers Manfred Euler, dass die Labore das Interesse an Naturwissenschaften nachhaltig fördern. „In den Köpfen der Jugendlichen“, betont der Experte, „passiert mehr, als dass oberflächlich Spaß erzeugt wird. Die Labore wirken tiefer“. Die außerschulischen Einrichtungen sprechen laut Euler Jungen und Mädchen gleichermaßen an und fördern Hochbegabte ebenso wie Lernschwache.

„Es motiviert Schüler und Lehrer“, berichtet Axel Gruppe vom GSI-Schülerlabor. Ein Versuchstag hätte Fernwirkungen bis zum Abitur. „Manche Schulen kommen immer wieder.“ Und auch den drei Expertinnen an der Elektrophoresekammer wird schnell klar, dass Physik viel interessanter ist, wenn man die Versuche weitgehend in Eigenregie durchführen kann. „Besser als jeder Leistungskurs“, bringt ein Eintrag im Gästebuch des GSI-Schülerlabors die Eindrücke auf den Punkt.

Doch trotz unbestrittener Erfolge stehen Deutschlands Schülerlabore an einem Wendepunkt. Anschubfinanzierungen vor allem aus Stiftungen und EU-Töpfen laufen aus. Damit droht nach Angaben von Dähnhardt schon im nächsten Jahr 30 % bis 40 % der Labore ebenso das Ende wie der vom Bundesbildungsministerium finanzierten Koordinierungsstelle „Lernort Labor“, die der Bund im Zuge der Föderalismusreform aufgeben möchte.

„Jetzt müssen intelligente Finanzierungskonzepte gefunden werden“, mahnt Dähnhardt. Denn die Labore, so ihre Vision, haben durchaus eine Zukunft: nicht nur als Lernorte für Schüler, sondern als Stätten lebenslangen Lernens und Gesamtbildungseinrichtungen. JUTTA WITTE

 

Von Jutta Witte

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