Bildung

Aus Unsicherheit oft „Nein“ zu Technik und Wissenschaft

Anlässlich der Verleihung des diesjährigen BMW-Scientific Award an Nachwuchswissenschaftler formulierte Joachim Milberg seine Forderung, schon in Elternhaus und Schule eine „Konjunktur der Begeisterung für Technik und Naturwissenschaften“ zu entfachen. Im Folgenden Auszüge seiner Rede

Wenn wir Schumpeter folgen, dann sind Innovationen die entscheidende Größe, die dafür sorgt, dass manche Länder in der Entwicklung voranpreschen und andere zurückbleiben, dass hier ein hoher technischer Stand erreicht und dort nur mühsam das Allernotwendigste getan wird.

Also: Innovationen bestimmen letztlich über Erfolg und Misserfolg, über Aufstieg und Fall von Volkswirtschaften.

Die Situation an unserem Standort können wir nur durch Wachstum verbessern. – Ich denke darin stimmen wir alle überein.

Eine Leistungssteigerung, die gleichzeitig mehr Arbeitsplätze schafft, ist an unserem Standort aber nur durch innovatives Wachstum möglich.

Nur innovatives Wachstum, also Wachstum über Innovationen, Wachstum durch das Schaffen von etwas originär Neuem, führt – im Gegensatz zum Wachstum nur durch Produktivitätssteigerung – zu einer Vergrößerung des Gesamtmarktvolumens und damit zu mehr Arbeitsplätzen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein Zitat von Werner von Siemens verwenden, der gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts festgestellt hat: „Die naturwissenschaftliche Forschung bildet immer den sicheren Boden des technischen Fortschritts, und die Industrie eines Landes wird niemals eine international leitende Stellung erwerben und sie halten können, wenn das Land nicht gleichzeitig an der Spitze des naturwissenschaftlichen Fortschritts steht.“

Dieser Satz hat nichts von seiner Gültigkeit verloren, aber am Anfang dieses Jahrhunderts mit komplexeren Produkten, einer komplexeren Industrie und einer komplexeren Wirtschaft müssen wir aus meiner Sicht noch hinzufügen:

Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie eines Landes ist noch mehr bestimmt durch die Fähigkeit, die Erkenntnisse naturwissenschaftlicher und technischer Forschung in innovative Produkte und Prozesse umzusetzen und diese Produkte zu vermarkten und dieses ist die ureigenste Aufgabe von Ingenieuren!

Naturwissenschaftler und Ingenieure sind also entscheidende Treiber und Träger von Innovationen.

Angesichts zunehmender Komplexität müssen sie allerdings neben fach-immanenten Aufgabenstellungen immer öfter auch Fragestellungen und Ansätze aus „fachfremden“ Gebieten aufnehmen und berücksichtigen.

Das sind oftmals Fragen, die Staat, Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt betreffen.

Der moderne Ingenieur wird so zum wichtigen Mittler zwischen Naturwissenschaft, Technik und Gesellschaft. Damit wird er mehr und mehr auch zum Partner von Gesellschaft und Politik.

Um diese Aufgabe zu lösen, müssen wir in erster Linie beim Nachwuchs ansetzen. Denn eines liegt auf der Hand: Unsere Innovationskraft versiegt ohne qualifizierten, engagierten und kreativen Nachwuchs sozusagen an der Quelle.

Ich gehe deshalb so weit zu sagen: Die Zukunft unserer Volkswirtschaft, unseres Lebens- und Arbeitsstandortes Deutschland, entscheidet sich nicht in den Fabrikhallen, sondern im Elternhaus, in den Schulen und in den Hörsälen und Labors unserer Hochschulen.

Dort wird die Begeisterung für Technik als hohes Kulturgut geweckt oder sie wird schon bei den ersten Gehversuchen gedämpft. Dort werden die Grundfertigkeiten erlernt, um nachhaltige Leistungsfähigkeit durch neue Techniken und Ideen zu entwickeln.

Und dort wird auch wesentlich die Fähigkeit zum Wissenstransfer entwickelt. Technologietransfer erfolgt nämlich über Köpfe und nicht nur über technische Systeme…

Nachdenklich stimmen sollten uns in diesem Zusammenhang die aktuellen Ergebnisse der Bund-Länder-Kommission und des Gutachtens der OECD: Sie diagnostizieren unserem „Land der Ingenieure und der Technik“ einen Nachwuchsmangel insbesondere in Natur- und Ingenieurwissenschaften.

Was kann hier Abhilfe schaffen? Um es gleich zu sagen: Geld spielt dafür meiner Meinung nach nicht die ausschlaggebende Rolle.

Es geht vielmehr um Anreize unterschiedlichster Art, die ein positives Gesamtklima ausbilden, die sozusagen eine Konjunktur der Begeisterung für Naturwissenschaft und Technik entfachen.

Das ist eine Aufgabe, die die Kraft einer einzelnen Hochschule und eines einzelnen Unternehmens übersteigt.

Aber jeder Einzelne kann einen Beitrag hierzu leisten…

Andererseits besteht oft ein Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt, wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand sowie individueller Befindlichkeit und Umwelt.

Damit wird der zunehmende Einfluss von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft auf die Zukunft unserer Gesellschaft deutlich.

So kommt aber auch die Komplementärgröße zu Macht und Einfluss der Techniker ins Spiel: ihre bewusst reflektierte Verantwortung.

Hans Jonas leitet sie von der Frage ab: „Warum brauchen wir eine neue Ethik, warum genügt die bisherige nicht mehr? Warum genügen die zehn Gebote nicht mehr?“

Seine Antwort lautet:

„Das hochtechnische Zeitalter erfordert eine neue ethische Besinnung, weil die Macht des Menschen eine Größenordnung und Reichweite erlangt hat, von der man bisher keine Vorstellung hatte.“

Wir müssen also immer aufs Neue das richtige Maß finden zwischen der notwendigen Freiheit von Wissenschaft und Wirtschaft auf der einen Seite und anderen, korrespondierenden und konkurrierenden Wert- und Zielvorstellungen der Gesellschaft auf der anderen Seite.

Ich meine: Hinter den kritischen Fragen der Gesellschaft nach den ethischen Grenzen des Machbaren stehen auch Unwissenheit und Unsicherheit der Menschen hinsichtlich der Macht und des Einflusses von Technologie und Wirtschaft auf unser Leben.

Denn die Erfahrung lehrt: Je mehr gemeinsames Wissen fehlt, desto mehr bröckelt das Vertrauen, desto mehr wächst die Neigung, „Nein“ zu sagen zu Wirtschaft, Technik und Fortschritt. „Nein“ aus Unsicherheit gewissermaßen, nicht aus Überzeugung.

Daraus folgt aus meiner Sicht, dass die Wissenschaft wie die Wirtschaft stärker ihr Handeln, die Gründe und Folgen – auch unter moralischen Aspekten – gegenüber den Bürgern offen legen müssen.

Ich sage als Vorstandsvorsitzender eines international tätigen Unternehmens, aber gerade auch als Ingenieurwissenschaftler mit besonderer Betonung:

Wir haben eine Bringschuld der Aufklärung gegenüber der Bevölkerung.

Wirtschaft und Wissenschaft können jedoch eine allgemeine Verständigung über Werte, Regeln und Ziele nicht allein herbeiführen.

Eine breite gesellschaftspolitische Diskussion ist notwendig.

Sie bildet zugleich die Voraussetzung für den geforderten gesamtgesellschaftlichen Aufbruch zu neuen Ufern. Nur wenn wir auf unsere Partner in Gesellschaft und Politik zugehen, bleiben Wissenschaft und Wirtschaft anerkannte Ansprechpartner für die Bürger.

JOACHIM MILBERG

Joachim Milberg

gehört seit 1993 dem BMW-Vorstand an, wo er zunächst die Produktion, später Engineering und Produktion leitete. Im Februar 1999 wurde der promovierte Ingenieur Sprecher des Vorstandes. Nach einer Maschinenschlosser-Lehre studierte Milberg Fertigungstechnik in Bielefeld und Berlin, wo er zum Dr.-Ing. promovierte. Es folgten Stationen bei Gildemeister und an der TU München. Von 1989 bis 1993 war Joachim Milberg Mitglied des Präsidiums des VDI. rok

Von Rolf O. Karis
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