Bildung

„An einer Umlagefinanzierung kommen wir nicht vorbei“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 15. 12. 06, has – Mit kurzen Ausbildungsbausteinen würde das Niveau der Facharbeiter-Ausbildung in Deutschland geschwächt, meint IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner. Für eine flexible Arbeitswelt biete die duale Ausbildung die bessere Grundlage. Sie fordert, dass die Tarifparteien in einem Monitoring den Fachkräftebedarf in den Branchen ermitteln.

Görner: Diese Klage ist einerseits Ausdruck einer Anspruchshaltung der Arbeitgeber, die ins Unermessliche gestiegen ist. Aber dahinter stecken auch Veränderungen in der Arbeitswelt. In vielen Berufen sind die Anforderungen gestiegen, zugleich sinkt der Anteil der leistungsstarken Auszubildenden an einem Jahrgang, weil mehr junge Menschen studieren. Daher kann ich verstehen, wenn der eine oder andere Ausbilder meint, manche Azubis seien nicht mehr so gut wie früher. Hinzu kommt, dass Schulen Jugendliche oft nicht angemessen vorbereiten, weil zu wenige Lehrer Erfahrungen aus der Arbeitswelt haben.

VDI nachrichten: Sind die Ausbildungsinhalte noch zeitgemäß?

Görner: Die Inhalte und Ausbildungsordnungen wurden in den vergangenen Jahren reformiert. Daran haben auch Fachleute aus den Betrieben mitgewirkt. Ich höre dazu keine Kritik, auch nicht von den Arbeitgebern.

VDI nachrichten: Warum wollen dann das Bundesbildungsministerium und Arbeitgeber die duale Ausbildung durch so genannte Module ersetzen?

Görner: Dahinter steht nicht zuletzt das Interesse von Arbeitgebern, sich nicht mehr für die mangelnde Ausbildungsleistung rechtfertigen zu müssen.

VDI nachrichten: Mit Modulen lassen sich Versäumnisse bei der Ausbildung kaschieren?

Görner: Wenn jeder Baustein als Qualifizierung gilt, geht der Überblick verloren und niemand weiß mehr, wie viel Qualifikation tatsächlich da ist. Viele Arbeitgeber wollen Kosten senken und und nur noch das ausbilden, was aktuell gebraucht wird. Dabei wird aber übersehen, dass Beschäftigte Qualifikationen brauchen, wie z. B. Qualitätsbewusstsein, Kundenorientierung und Arbeitshaltungen, die nicht einfach in kurzen Kursen gelehrt werden können. Modulausbildungen greifen zu kurz. Deshalb lehnen wir diesen Weg ab.

VDI nachrichten: Andere Länder kommen auch ohne duale Berufsausbildung klar.

Görner: Ich bestreite, dass modulare Systeme, wie in den angelsächsischen Ländern praktiziert, die gleiche Leistungsfähigkeit haben wie die duale Berufsausbildung. Duale Ausbildung ist mehr als die Addition einzelner Qualifikationen. Sie ist flexibel und entspricht den hohen Anforderungen, mit denen es die deutsche Wirtschaft zu tun hat. Junge Menschen lernen hier im Ernstfall, dass es von ihnen abhängt, ob etwas verkauft wird oder ob sich Kunden beschweren. Das lernt man nicht in der Schule.

VDI nachrichten: Arbeitgebervertreter verlangen, das Ausbildungsniveau in Deutschland auf EU-Niveau zu senken.

Görner: Davon halte ich gar nichts. Im Ausland werden wir für unser Qualifikationsniveau beneidet. Etliche Länder versuchen, das deutsche duale System zu kopieren. Länder, die auch ein duales System haben, z. B. Dänemark, wollen es ausbauen, nicht abbauen.

VDI nachrichten: Ist eine modulare Ausbildung für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten nicht das Richtige?

Görner: Keineswegs! Wie soll jemand, der Probleme mit dem Lernen hat, seine Ausbildungsmodule selbst managen? Es wird schließlich zu einer Verschulung der Ausbildung kommen, weg von den Betrieben. Und das ist für Jugendliche mit Problemen genau der falsche Ansatz.

VDI nachrichten: Welche wären die richtigen?

Görner: Die ausbildungsbegleitenden Hilfen müssen wieder ausgebaut werden. Die waren nachweislich sehr erfolgreich, wurden aber mit der Reform der Bundesagentur für Arbeit zurückgefahren. Und warum soll jemand nicht länger lernen, wenn er Probleme hat – in der Schweiz wird das so praktiziert.

VDI nachrichten: Kommt die Modularisierung nicht der Flexibilität in der Arbeitswelt entgegen?

Görner: Wenn immer mehr Beschäftigte immer kürzer in einem Unternehmen arbeiten, müssen sie sich schnell auf andere Arbeitsplätze und andere Arbeitgeber einstellen. Das geht nicht mit weniger, sondern nur mit mehr und besserer Ausbildung. Das Modulkonzept ist einfach zu langsam.

VDI nachrichten: Dann handeln Arbeitgeber, die sich für eine Modularisierung stark machen, gegen ihre eigenen Interessen?

Görner: Davon bin ich überzeugt. In vielen Chefetagen wird nicht mehr langfristig genug gedacht. Viele Unternehmer spekulieren darauf, dass andere ausbilden, von denen sie bei Bedarf Mitarbeiter abwerben können. Und anschließend wundern sie sich über Fachkräftemangel. Im übrigen sind es ja keineswegs alle Arbeitgeber, die nach Kurzausbildung rufen. Das Handwerk, der Maschinenbau, die Elektroindustrie, die IT Branche – sie alle halten den vorgeschlagenen Weg für falsch. Man sieht: Die IG Metall befindet sich durchaus in guter Gesellschaft.

VDI nachrichten: Wer glaubt, dass andere für ihn ausbilden?

Görner: Vor allem jene Unternehmen, die stark ausgelagert haben und jene, die auf Leiharbeiter setzen. Diese Unternehmen gehen davon aus, dass ausgelagerte Betriebsteile und Leiharbeitsfirmen über genügend Fachkräfte verfügen. Ich bezweifele, dass sich irgendjemand Gedanken darüber macht, wo die ihre Fachkräfte herbekommen. Leiharbeitsfirmen bilden selbst ja allenfalls Verwaltungskräfte aus. Und in ausgelagerten Betriebsteilen wird oft nicht mehr ausgebildet, weil die Aufgabenbereiche für eine qualifizierte Berufsausbildung zu klein sind.

VDI nachrichten: Wäre in solchen Fällen ein Ausbildungsverbund sinnvoll?

Görner: Ja, z. B. in Verbindung mit dem alten Unternehmen. Und da werden wir auf Dauer an einer Umlagefinanzierung für die berufliche Bildung nicht vorbeikommen. Damit ließe sich Gerechtigkeit zwischen Betrieben, die ausbilden und jenen, die nicht ausbilden, sicherstellen. Und dann gäbe es auch wieder mehr Lehrstellen.

VDI nachrichten: Wer sollte die Umlage bezahlen?

Görner: Die Unternehmen, die nicht ausreichend ausbilden. Sie zahlen in einen Fonds, mit dem Ausbildung finanziert wird, wie es in der Bauwirtschaft schon seit mehr als 30 Jahren praktiziert wird.

VDI nachrichten: Werden die Unternehmen sich dann nicht von Ausbildung freikaufen?

Görner: Die Baubranche zeigt, dass die Ausbildungsquote dort sehr hoch ist, obwohl diese Branche wirklich krisengeschüttelt war. Das beste wäre aber eine gesetzliche Umlage. Eine Branchenlösung ist mit den Gewerkschaften auch zu machen.

VDI nachrichten: Haben Sie schon mit Arbeitgebern gesprochen?

Görner: Viele Verbände wehren sich gegen eine Umlage. Das ist aber kurzsichtig. Vielfach wird nicht gesehen, dass wir längst auf dem Weg in den Fachkräftemangel sind. Wegen der Veränderungen in den Unternehmen, wie z. B. Outsourcing und Leiharbeit, weiß niemand, welche Fachkräfte auf dem Markt zur Verfügung stehen.

VDI nachrichten: Wie könnte das abgestellt werden?

Görner: Durch ein Fachkräfte-Monitoring in den Branchen. Dazu müssten sich die Tarifparteien zusammensetzten und versuchen, den Fachkräftebedarf zu erheben. Altersstruktur und Qualifikationsbedarfe sind ja im einzelnen bekannt. Ich habe dem Bundesbildungsministerium vorgeschlagen, ein solches Monitoring anzuregen und damit Impulse zu setzen für künftige Fachkräfte und diejenigen, die ihre Ausbildung gewährleisten müssen.

VDI nachrichten: Gibt es schon Reaktionen?

Görner: Bisher noch keine. Ich habe aber nicht vor, das auf Halde liegen zu lassen. HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger
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