Bildung

Abschied von der grauen Theorie

Die Krefelder Freiherr-vom-Stein-Realschule und das Chemieunternehmen Stockhausen führen seit drei Jahren erfolgreich gemeinsame Projekte durch. Eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren.

Geometrie langweilig? Chemie öde? Erdkunde ätzend? Für die Schüler der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Krefeld sind derartige Wertungen schlicht unverständlich. Wo ihre Altersgenossen in den meisten anderen Schulen trübsinnig graue Theorien büffeln, hat für sie das Abenteuer Wirklichkeit längst begonnen. Vor drei Jahren bereits unterzeichnete die Krefelder Realschule eine Kooperationsvereinbarung mit der unmittelbar benachbarten Stockhausen GmbH & Co. KG, einem weltweit tätigen Chemieunternehmen mit rund 2200 Mitarbeitern. Seitdem mehren sich die Projekte, die in enger Zusammenarbeit von Unternehmen und Schule vorbereitet und durchgeführt werden,
Inzwischen gibt es kaum ein Unterrichtsfach, das nicht mit Beispielen aus dem benachbarten Chemieunternehmen arbeitet und damit theoretische Lerninhalte mit Leben füllt, im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifbar“ macht, wie Jutta Reinelt hervorhebt. Die Fachlehrerin für Chemie und Physik koordiniert die Zusammenarbeit und ist ständig unterwegs, um ihr Projekt unter dem Dach der „Kurs“-Initiative auch in anderen Schulen Nordrhein-Westfalens bekannt zu machen und Nachahmer zu begeistern.
Kurs steht für das Kooperationsnetz von Unternehmen der Region mit Schulen. Rund 120 Lernpartnerschaften zwischen Betrieben und Schulen gibt es bereits. Einig sind sich die Macher auf beiden Seiten über ihre Beweggründe: Schüler und auch Lehrer wollen wissen, wie es im Arbeitsleben tatsächlich zugeht, welche Anforderungen an künftige Erwerbstätige gerichtet werden. Die Unternehmen ihrerseits sind neugierig auf die Mitarbeiter von morgen und hochgradig daran interessiert, die notwendigen Anforderungen so früh wie möglich zu formulieren und zu transportieren. Um nichts Geringeres geht es, als ein Ende der Zweigleisigkeit von Schule und Wirtschaft herbeizuführen. Die Idee ist nicht neu. Sie ist auch nicht revolutionär. Aber sie ist schwer umzusetzen. Veronika Jung, bei Stockhausen verantwortlich für Kurs: „Die anfänglich extreme Zurückhaltung vieler Lehrer hat sich im Laufe der Zeit ins Positive gewandelt.“
Mit dieser Einschätzung vom schweren Anfang steht Veronika Jung nicht allein. Jutta Reinelt ist erkennbar stolz, wenn sie berichtet, dass mittlerweile die Hälfte aller Lehrer an Projekten mit Stockhausen beteiligt sind. Das beginnt bereits in der 5. Klasse. Die Schüler haben im Kunstunterricht das riesige Chemiewerk durch den Zaun betrachtet und gezeichnet, wie sie den Betrieb wahrnehmen. In der 7. Klasse fließen betriebliche Themen in den Chemieunterricht ein, in der 8. Klasse kommen in Biologie und Mathematik Betriebsbeispiele hinzu. Unterricht zum Anfassen also. „Wir haben in der Schule Bakterien gesammelt, mit Wattestäbchen und so“, erzählt Sonja Stahl aus der 9 b. „Dann kam ein Pharmazeut von Stockhausen und nahm unsere Proben mit. Eine Woche später haben wir im Labor unter dem Mikroskop gesehen, was aus einer winzigen Bakterienkultur einmal werden kann. Wir hatten ja keine Ahnung …“
Im Mathematikunterricht werden die Schüler der 10. Klassen in diesem Schuljahr eine Produktkalkulation für die Herstellung von T-Shirts anfertigen. Ebenso zwangs- wie beiläufig werden hier Prozent- und Zinsrechnung wiederholt, die von der Wirtschaft seit Jahren immer wieder beklagte Achillesferse der Bewerber.
Spielerisch bereiten sich die Realschüler auf ihr erstes Bewerbungsgespräch vor, indem sie in die unterschiedlichen Rollen schlüpfen und sich gegenseitig über ihre beruflichen Neigungen ausfragen. Im Deutsch-Unterricht wurden zunächst fiktive Bewerbungen geschrieben. Gemeinsam mit Stockhausen-Experten wurden die Bewerbungsunterlagen dann einer Prüfung unterzogen und mit einem Feedback an die Teilnehmer zurück gegeben. Zur Verblüffung der Schüler interessierte sich das Unternehmen nicht allein für die Noten, sondern auch für Details wie die Qualität des Bewerbungsfotos oder auch Hinweise auf eventuelle Nebenjobs oder Praktika. „Am meisten aber hat mich beeindruckt“, erzählt Vanessa Pesch aus der 9 b, „dass unsere Lehrerin abschließend sagte, sie habe mindestens ebenso viel wie wir Schüler bei diesem Training gelernt.“
Bei den Schülern kommen Veronika Jung und ihre Kollegen von Stockhausen mit ihren Methoden ohnehin gut an. Mit den Lehrern verhält es sich oftmals anders. Hier schlägt Jung vor, im Rahmen der bei Stockhausen ständig durchgeführten Trainingsmaßnahmen zu Themen wie Präsentationstechniken und Zielvereinbarungen künftig Lehrer einzuladen, um eine zielgerichtete Denkweise, wie sie im Unternehmen üblich ist, auch an den Schulen zu etablieren.
Warum eigentlich treibt das Unternehmen diesen enormen Aufwand? Im Firmenleitbild ist verankert, dass Stockhausen ein „lernendes Unternehmen“ ist. Was passt da besser als die Kooperation mit einer Schule – eine Kooperation, bei der beide Partner von einander lernen. REINHARD MYRITZ/ws

Kurzinterview

Kurs auf gemeinsame Ziele

Prof. Dr. Günter Vollmer, Inhaber des Lehrstuhls für Chemiedidaktik an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, ist der Gründer des Kooperationsnetzes Unternehmen der Region und Schulen (Kurs).
VDI nachrichten: Macht Kurs Schluss mit der Theorie im Bildungswesen?
Vollmer: Richtig. Bei Kurs geht es um Lernpartnerschaften zwischen Lehrern und Schülern auf der einen sowie Führungskräften und Mitarbeitern regional benachbarter Firmen auf der anderen Seite. Ein reales, permanent ansprechbares und unmittelbar in der Nähe verfügbares Partner-Unternehmen sorgt für Beispiele, die von den Lehrern fächerübergreifend in den Lernstoff integriert werden.
VDI nachrichten: Wie läuft die Vernetzung in der Praxis ab?
Vollmer: In der Regel folgt einem von unseren Mitarbeitern moderierten Prozess des gegenseitigen Kennenlernens das Festlegen konkreter gemeinsamer Ziele. Dann wird ein Kooperationsvertrag der Partner geschlossen. Nach einem Jahr kommt es zu einer Folgevereinbarung. Bewährtes wird übernommen, anderes eliminiert. Nach drei Jahren ist eine gewisse Kooperationsroutine erreicht. Dann müssen wir die Schulen untereinander vernetzen, denn eine Schule mit einer Bank als Partner möchte möglicherweise nun auch mit einem Industrieunternehmen zusammenarbeiten.
VDI nachrichten: Was sind die größten Hürden?
Vollmer: In vielen Fällen sind das die vorgefundenen Interessen von Organisationen mit ihren oft sehr starren Strukturen. Ich meine damit beide Seiten, sowohl die Schulen als auch die Unternehmen. Es waren immer Lichtblicke für mich, wenn ich bewegliche Partner gefunden habe, wie beispielsweise einige Industrie- und Handelskammern. RM

Von Ralf Müller-Wondorf
Von Ralf Müller-Wondorf

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