Interview: Forschungsförderung

Zwischen Agrar- und Forschungsförderung

Die EU will mehr Risikokapital für kleine und mittlere Unternehmen zugänglich machen, ein einheitliches EU-Patent schaffen und die Mitgliedstaaten sowie Unternehmen anspornen, mehr in Forschung und Entwicklung (FuE) zu investieren. Zugleich will EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die EU-Länder drängen, den EU-Forschungsausgaben gegenüber den Agrarsubventionen endlich Vorrang einzuräumen.

VDI NACHRICHTEN: Sieben Jahre nach Ihrer Idee, ein europäisches MIT zu gründen, nimmt das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) Gestalt an. Trägt der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirtschaft Früchte?

BARROSO: Ich bin sehr stolz, dass das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) nach seiner Einrichtung im Jahr 2008 Realität geworden ist. Es hat sein Hauptziel erreicht, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen in einer neuen Form von Partnerschaft zusammenzubringen. Bisher sind 61 Universitäten, 73 Unternehmen und 51 Forschungseinrichtungen Teil der drei Wissens- und Innovationsgemeinschaften (KIC). Das EIT hat ebenso ein Masterprogramm ins Leben gerufen. Wir erwarten, dass bis Ende des Jahres mehr als 1000 Studenten für einen EIT-Studiengang eingeschrieben sein werden.

Ist die Finanzierung gesichert?

Deshalb hat die EU-Kommission vorgeschlagen, das Budget des EIT für die Periode von 2014 bis 2020 deutlich auf 3,18 Mrd. € zu erhöhen.

Sie wollen die EU-Forschungsfinanzierung in der mittelfristigen Finanzplanung ab 2014 nahezu verdoppeln. Werden Sie sich gegen Europas opponierende Bauernlobby durchsetzen können?

Wir haben in der Tat für die EU-Forschungsfinanzierung im Zeitraum 2014 bis 2020 eine Erhöhung um 46 % auf 80 Mrd. € vorgeschlagen. Wir hoffen, dass sich der politische Wille der Mitgliedsstaaten in einer ausreichenden Finanzausstattung widerspiegelt. Alles, was deutlich darunter liegen würde, würde unsere Glaubwürdigkeit infrage stellen, der Wirtschaft zu mehr Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu verhelfen. Die EU-Kommission wird ihre Vorschläge verteidigen. Was ich auf keinen Fall sehen möchte, ist, dass die EU-Forschungsfinanzierung einem Kuhhandel zwischen Unterstützern der gemeinsamen Agrarpolitik und der Kohäsionspolitik zum Opfer fällt.

Gut 82 % der europäischen Jugendlichen sehen Wissenschaft und Technologien positiv, wollen aber selbst nicht Natur- oder Ingenieurwissenschaften studieren. Was läuft falsch?

Wissenschaft und Technik verbessern unser Leben und sie sind auch Europas Wettbewerbsvorteil. Sie schaffen Wachstum und Arbeitsplätze. Bis 2020 wird Europa eine Million zusätzliche Wissenschaftler benötigen, wenn wir unsere Ziele in den Bereichen Wirtschaft und Innovation erreichen wollen. Europa braucht also mehr denn je erstklassige junge Wissenschaftler. Das bedeutet, dass ein Schwerpunkt auf Schulfächer wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik gelegt werden muss. Dies stellt eine Herausforderung für unsere Mitgliedsstaaten dar – doch die Kommission kann auf EU-Ebene Hilfestellung leisten.

Mehr als die Hälfte der EU-Jugendlichen votiert gegen Atomenergie und Gentechnik. Warum machen Sie sich dafür stark?

Die Position der Kommission ist in beiden Bereichen neutral, sowohl was die Atomenergie angeht als auch im Bereich der gentechnisch veränderten Organismen (GVO). Der nationale Energiemix ist in Verantwortung der Mitgliedsländer. Wir haben jedoch konkrete Schritte unternommen, um die Atomenergiesicherheit zu erhöhen. Zu diesen Maßnahmen gehören Forschung, Stresstests von Atomkraftwerken und europäische Rechtsvorschriften. Mit dem Iter-Projekt im französischen Cadarache unterstützen wir zudem die Kernfusionsforschung. Wenn wir auf diesem Gebiet erfolgreich sind, dann haben wir es geschafft, eine saubere, unbegrenzte und sehr sichere Energiequelle zu finden.

Verspielt die EU ihr Wissenschaftspotenzial in der Gentechnik?

Im Bereich der GVOs ist es sehr wichtig, dass man eine Balance zwischen Risikobewertung einerseits und Innovation zur Schaffung von mehr Wettbewerbsfähigkeit und größerer Ernährungssicherheit andererseits schafft. Dies kann nur gelingen, wenn die politische Entscheidungsfindung im Bereich GVO auf einer strikten wissenschaftlichen Herangehensweise basiert.

Droht die EU ihr Innovationspotenzial in den Schlüsseltechnologien zu verlieren?

Wissenschaft und Innovation bilden das Rückgrat unseres reformierten Wirtschaftsmodells in Europa und sind der Kern unserer Strategie „Europa 2020“, die für intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum steht. Europa unternimmt große Anstrengungen, sich den globalen Herausforderungen, die unseren Planeten betreffen, zu stellen und die Gemeinsame Forschungsstelle (GFS) spielt dabei mit ihren rund 3000 Wissenschaftlern an fünf Standorten eine essenzielle Rolle. In der EU haben wir weltweit anerkannte Spitzenforscher, aber die Konkurrenten aus den Schwellenländern holen auf und wir können sie schon im Rückspiegel sehen. Deshalb müssen wir die Umsetzung der Strategie „Europa 2020“ ernst nehmen und uns stark auf Forschung und Innovation konzentrieren.

Obwohl mehr Frauen als Männer in der EU promovieren, kommt nur jede Dritte in den europäischen Forschungslabors an. Ist das nicht eine enorme Ressourcenverschwendung?

In der Tat. Unseren Daten zufolge sind 46 % aller Doktoranden in der EU weiblich und nur 30 % der Forscher Frauen. Der Anteil an Frauen in führenden akademischen Positionen beträgt nur 19 %. Das reicht nicht, denn wir können es uns nicht leisten, Talent zu verschwenden. Mehr Frauen in der Wissenschaft bedeutet mehr Wissenschaftler insgesamt und das ist es, was wir brauchen, um mit den globalen Wettbewerbern mitzuhalten, die sehr stark in Wissenschaft und Innovation investieren. Schon im Juni dieses Jahres wollen wir mit einer Kommunikationskampagne auf Frauen in der Wissenschaft aufmerksam machen.

An der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) am Lago Maggiore haben Sie jüngst ein globales Krisenmanagement-Labor eröffnet. Was hat dies auf sich?

In Krisensituationen ist der rechtzeitige Zugang zu relevanten Informationen wichtiger als je zuvor. Das Europäische Labor für Krisenmanagement beschäftigt sich genau damit und ermöglicht eine rasche Reaktions- und Einsatzbereitschaft im Krisenfall überall auf der Welt. Ein konkretes Beispiel ist das Globale Katastrophenalarm- und Koordinationssystem (GDACS) der Kommission und der Vereinten Nationen. Egal wann und wo ein Tsunami durch ein Erdbeben ausgelöst wird, sendet das GDACS, basierend auf der Tsunami-Szenario-Datenbank der GFS, innerhalb von Minuten Warnungen an über 15 000 registrierte Nutzer weltweit. Dadurch werden das Krisenbeobachtungs- und Informationszentrum der Kommission (MIC), das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) und das Welternährungsprogramm (WFP) in die Lage versetzt, sofort mit der Planung ihrer humanitären Maßnahmen zu beginnen.

Hat das Ziel, 3 % des Bruttosozialprodukts in Forschung zu investieren,
Bestand?

Durch die Wirtschaftskrise wurden die Karten neu gemischt. Es besteht nun viel mehr politisches Engagement, die Wirtschaftspolitik zu koordinieren, auch in Zukunft. Wir haben eine Wirtschaftsstrategie beschlossen, Europe 2020, in der Innovation eine Schlüsselrolle spielt, denn sie ist ein Wachstumsmotor. Ich glaube, dass wir durch den Schulterschluss zwischen EU-Mitgliedsstaaten und dem privaten Sektor das 3 %-Ziel bis 2020 erreichen werden. Laut aktuellen Statistiken haben 23 von 27 Mitgliedsländern der Europäischen Union zwischen 2007 und 2008 einen Zuwachs in öffentlichen und privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung verzeichnet. Es gibt zudem Zuwachs bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei EU- Unternehmen und wir werden innovationsfreundliche Maßnahmen bei den öffentlichen Aufträgen präsentieren. Zudem haben wir einen einheitlichen Markt für Risikokapitalfonds vorgeschlagen, was für kleine und mittlere Unternehmen von Bedeutung ist. 

Von Thomas A. Friedrich

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