Hochschule

„Wissenschaft ist nicht allein in Geld messbar“  

VDI nachrichten, Bochum, 2. 12. 05 – Deutsche Hochschulen sollen sich dem Wettbewerb stellen. Eine Forderung, die auch Gerhard Wagner im Gespräch mit den VDI nachrichten befürwortet. Der Rektor der Ruhr-Universität Bochum warnt jedoch davor, größere Handlungsspielräume mit einer Überbetonung wirtschaftlicher Aspekte zu koppeln. Hochschulen sollten nicht alles unreflektiert annehmen, nur weil es Geld bringt, so das Credo des Ingenieurs Gerhard Wagner.

Wagner: Wir bewerben uns in allen drei Bereichen: den Graduiertenschulen, den Exzellenzclustern sowie den Zukunftsperspektiven. Das würden wir nicht tun, wenn wir uns keine Chancen ausrechnen würden. Hinter einigen Hochschulen, wie Aachen und München, die vermutlich gesetzt sind, gibt es eine zweite Reihe, in der die Plätze sicherlich hart umkämpft sind.

VDI nachrichten: Die Ruhr-Universität hat ein anderes soziales Umfeld als viele andere Hochschulen. Wie könnte sich das auf die Chancen im Exzellenzwettbewerb auswirken?

Wagner: Wir haben hier sicherlich mehr Studierende aus Migranten- oder bildungsfernen Familien als etwa Bonn oder Münster. Der unterschiedliche soziale Hintergrund führt dazu, dass die Absolventenquote in Bonn und Münster höher ist als bei uns. Diese schlechtere Quote wirkt sich aber keineswegs auf Qualität und Leistungsfähigkeit unserer Studierenden aus.

Im Gegenteil: Wir sind stolz darauf, vielen Kindern aus Migrantenfamilien zum Abschluss zu verhelfen. Wenn man sieht, wie gut wir in der Forschung positioniert sind, zeigt sich, wie stark unsere Absolventen sind. Was uns zu schaffen macht, sind neben der vergleichsweise hohen Abbrecherquote die längeren Studiendauern. Viele Studierende müssen ihr Studium selbst finanzieren. Das kostet Zeit. Und das wirkt sich auch negativ auf die in NRW praktizierte leistungsorientierte Mittelverteilung aus.

VDI nachrichten: Wie bekommen Sie das Problem der langen Studiendauern in den Griff?

Wagner: Wir haben flächendeckend Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt, über die sich bereits erste Verbesserungen einstellen.

VDI nachrichten: NRW-Innovationsminister Pinkwart schlägt eine intensivere Kooperation der Ruhrgebietsuniversitäten vor, etwa zwischen Dortmund und Bochum, um einen noch exzellenteren Wissenschaftsraum entstehen zu lassen. Was halten Sie davon?

Wagner: Das kann ich nur befürworten. Ein Zusammenschluss allerdings, wie Duisburg und Essen, kommt für Bochum und Dortmund aus Kapazitätsgründen nicht in Frage. Wir bilden eine gut funktionierende Allianz, Beispiel Maschinenbau. Die Fakultäten beider Universitäten arbeiten seit vielen Jahren eng zusammen, wobei Dortmund den Schwerpunkt auf die Produktionstechnik legt, Bochum auf die Konstruktionstechnik. Professorenberufungen werden ebenso gemeinsam abgesprochen wie das Prozedere bei Initiativen, etwa dem Exzellenzwettbewerb. Die Diplomprüfungsordnungen sind identisch, die beiden Rektorate treffen sich zum regelmäßigen Austausch. Mit Duisburg-Essen und Dortmund unterhalten wir ein Büro in New York, um gemeinsam auf dem US-Hochschulmarkt aufzutreten. Gespräche über andere Kooperationen im Ausland, etwa in Asien, laufen.

VDI nachrichten: Die Ruhr-Universität rühmt sich eines großen Studienangebots. Macht das Festhalten an selten nachgefragten Fächern in Zeiten klammer Kassen noch Sinn?

Wagner: Der Bauchladen, der die Ruhr-Universität einmal war, ist sie inzwischen nicht mehr. Es macht keinen Sinn, wenn Orchideenfächer an jedem Hochschulstandort der Region vertreten sind. Wollen diese Fächer überleben, müssen sie forschungs- und drittmittelstark sein und eine hohe Anziehungskraft ausüben.

Andererseits darf sich der Staat zum Schutz dieser Fachbereiche nicht aus der Verantwortung zurückziehen, sondern muss landesweit koordinieren. Wird Hochschulpolitik nur noch den Universitäten überlassen, könnte die Überbetonung wirtschaftlicher Aspekte den Erhalt dieser Orchideenfächer gefährden. Ein praktisches, realitätsnahes Beispiel, warum diese Bereiche nicht aussterben dürfen: Nach den Attentaten vom 11. September wurden händeringend Experten mit Arabischkenntnissen gesucht. Vorher hatte man sich womöglich gefragt: Wozu braucht man so etwas?

VDI nachrichten: Sind auch die Ingenieurwissenschaften von der Fächerstreichung betroffen?

Wagner: Die Ingenieurwissenschaften sind insofern betroffen, als sie genau wie andere Fächer immer wieder hinterfragt werden müssen: Was ist zeitgemäß? Was sollten wir aufgeben? Wie groß ist die Nachfrage? Als ich studierte, gab es an jeder Universität einen Lehrstuhl für Fördertechnik, inzwischen haben viele Hochschulen diese Disziplin aufgegeben, zuweilen wegen einer neuen Schwerpunktlegung oder aufgrund von Zusammenlegungen. Ich wünschte, die Zahl der Lehrangebote verringerte sich, um in größeren Clustern zusammengelegt zu werden. Für das Management einer großen Universität wäre die Aufteilung in Departments und Schools praktikabler.

VDI nachrichten: Eine Hochschule braucht die Nähe zur Wirtschaft. Wie weit darf der Einfluss von Unternehmen und Verbänden gehen?

Wagner: Vor wenigen Jahrzehnten herrschte an Hochschulen große Skepsis gegenüber der Wirtschaft, teils sogar starke Ablehnung. Seit einigen Jahren läuft der Trend in die entgegengesetzte Richtung: Der Einwerbung von Drittmitteln aus der Industrie wird eine manchmal schon zu große Bedeutung beigemessen. Wissenschaft ist nicht allein in Geld messbar oder anders gesagt: Hochschulen sollten nicht alles unreflektiert annehmen, nur weil es Geld bringt. Zieht sich der Staat zu weit zurück, besteht an Hochschulen durchaus die Gefahr der Fremdsteuerung. Kritisch wird es vor allem, wenn über den Geldgeber Ergebnisse beeinflusst werden. Die letzte Entscheidung, ob ein Projekt angegangen wird oder nicht, sollte bei den Hochschullehrern liegen. Generell halte ich die Kooperation mit der Wirtschaft aber für wissenschaftlich fruchtbar und ökonomisch für überlebenswichtig.

VDI nachrichten: Wäre da noch die Geldquelle Studiengebühren.

Wagner: Ich wäre ein schlechter Rektor, würde ich nicht behaupten, wir bräuchten nicht mehr Geld. Ich habe nur Zweifel, ob Studiengebühren der richtige Weg sind. Ich glaube, dass wir nur so lange etwas von den zusätzlichen Einnahmen haben, bis sich der Staat aus der Finanzierung zurückzieht. Der Entwurf der Landesregierung besagt, dass die Finanzierung auf dem bestehenden Niveau bleibt. Bleibt die Summe aber fünf Jahre gleich, bedeutet das real ein Minus von rund 10 % gegenüber dem heutigen Stand. Die Entwicklung in Großbritannien bestätigt meine Befürchtung: Die Studiengebühren schießen dort rasant in die Höhe.

VDI nachrichten: Die Konsequenz: weg mit den Studiengebühren und den Staat wie gehabt in der Pflicht lassen.

Wagner: Das wäre zu einfach. Ich habe nicht aus ideologischen Gründen Schwierigkeiten mit den Beiträgen. Die Kapazitätsverordnung hindert uns daran, Gelder zur Qualitätsverbesserung einzusetzen. Denn wenn wir mit dem Geld der Studierenden mehr Leute einstellten, müssten wir in den NC-Fächern gleichzeitig die Zahl der Studienplätze erhöhen. Die Relation Lehrender zu Studierenden, also das Betreuungsverhältnis, würde nicht besser. Positive Effekte der Gebühren wären ein schnelleres und intensiveres Studium. Was das für Studierende bedeutet, die auf Jobs angewiesen sind, wäre dann allerdings eine weitere Frage. Deshalb bleibt meine Haltung sehr skeptisch.

VDI nachrichten: In NRW wird es den Hochschulen vorbehalten sein, Studiengebühren in Höhe bis zu 500 € zu erheben. Beziehen Sie die Studenten in die Entscheidungsfindung ein?

Wagner: Wenn überhaupt Studiengebühren, dann müssen die Studierenden davon ausgehen können, dass das Geld in die Qualitätsverbesserung fließt. In einer Region wie dem Ruhrgebiet muss man sich fragen, ob Studierende die „preiswertere“ Universität wählen oder ob sie sich für diejenige entscheiden, von der sie sich aufgrund höherer Gebühren mehr Qualität versprechen. In einer Internetumfrage an unserer Universität können die Studierenden sich zum Thema Gebühren äußern. Letztlich entscheidet der Senat. Ich würde im Falle von Studiengebühren gerne den einzelnen Fachbereichen überlassen, ob und in welcher Höhe sie Gebühren erlassen – in Absprache mit den Studierenden. Ich bin gespannt auf das Ergebnis.

VDI nachrichten: Welche Auswirkungen hat die Föderalismusreform auf die Hochschulen?

Wagner: Es ist zu hoffen, dass künftig Blockadesituationen, wie das lange Hickhack um die 1,9 Mrd. € der Exzellenzinitiative, vermieden werden. Wichtig wird sein, dass die bisherigen Bundesgelder für Hochschulen und Forschung in vollem Umfang an die Länder gehen und dort auch wirklich in die Hochschulen fließen. Es ist gut, dass Hochschulzugang und -abschluss bundeseinheitlich geregelt bleiben sollen. WOLFGANG SCHMITZ

Prof. Dr.-Ing. Gerhard Wagner (59) ist seit 2002 Rektor der Ruhr-Universität Bochum. Bis 1989 bekleidete er zahlreiche Positionen in der Industrie. Seitdem ist Wagner Professor am Lehrstuhl für Maschinenelemente und Fördertechnik.

Von Wolfgang Schmitz

Stellenangebote im Bereich Projektmanagement

NORD-MICRO GmbH & Co. OHG-Firmenlogo
NORD-MICRO GmbH & Co. OHG Ingenieur als Projektleiter (m/w/d) Entwicklung Frankfurt am Main
Hamburger Hochbahn AG-Firmenlogo
Hamburger Hochbahn AG Projektleiterin / Projektleiter Technische Gebäudeausrüstung Hamburg
Flughafen München GmbH-Firmenlogo
Flughafen München GmbH Ingenieur (m/w/d) Versorgungstechnik München
Reinhard Feickert GmbH-Firmenlogo
Reinhard Feickert GmbH Bauleiter (m/w/d) im Tiefbau / Kanalbau Rhein-Main-Gebiet, Raum Ruhr / Elbe, Raum Main / Donau
Landratsamt Bodenseekreis-Firmenlogo
Landratsamt Bodenseekreis Technische Sachbearbeitung (m/w/d) Schwerpunkt Tankstellen, Schreinereien, Chemiebetriebe und Großhandel Friedrichshafen
Landratsamt Bodenseekreis-Firmenlogo
Landratsamt Bodenseekreis Technische Sachbearbeitung (m/w/d) Schwerpunkt Maschinen-, Fahrzeug- und Fahrzeugteilebau Friedrichshafen
BORSIG ZM Compression GmbH-Firmenlogo
BORSIG ZM Compression GmbH Kaufmännischer Leiter (m/w/d) Meerane
Rolls-Royce Power Systems AG-Firmenlogo
Rolls-Royce Power Systems AG Projektleiter Systemarchitekt (m/w/d) Energieerzeugungsanlagen Friedrichshafen
BORSIG ZM Compression GmbH-Firmenlogo
BORSIG ZM Compression GmbH Leiter Technik (m/w/d) Getriebeturboverdichter Meerane
RICHARD WOLF GmbH-Firmenlogo
RICHARD WOLF GmbH Projektleiter (m/w/d) Produktion Knittlingen

Alle Projektmanagement Jobs

Top 5 Studium

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.