Hochschule

„Wir legen in der Vorlesung immer noch Folien auf“  

VDI nachrichten, Ellwangen, 18. 7. 08, cha – Ingenieure bauen mit Mittelstufenschülern Laser oder Pumpen, Bürgermeister haben ihre Liebe für Science Center entdeckt, Stiftungen stampfen millionenschwere Wanderausstellungen aus dem Boden, um dem Nachwuchs Technik und Naturwissenschaften nahezubringen. Ob das alles zielführend ist, daran hat der Soziologe Uwe Pfenning von der Universität Stuttgart seine Zweifel.

Pfenning: Ja, mit Sicherheit. Allerdings ist es kein Baum voller Früchte und vor allem wird es ein Baum sein, der weiter gepflegt werden muss. Es ist noch ein langer Weg, bis wir die momentane Mangelsituation in den Technikberufen behoben haben.

VDI nachrichten: Sie und Ihre Kollegen vom Lehrstuhl für Technik- und Umweltsoziologie untersuchen, welche Initiativen was bewirken. Was können Sie bereits sagen?

Pfenning: Das Zusammenspiel der Projekte bewirkt den größten Effekt. Punktuelle Projekte wie der „Ideenpark“ von ThyssenKrupp müssten in den Schulen ihren Anschluss finden – mit einem attraktiven technischen und naturwissenschaftlichen Unterricht. Das wäre nachhaltig. Punktuelle Projekte erzeugen eine Menge Lust und Interesse, mehr können sie auch gar nicht leisten. Dann liegt alles in der Hand der Eltern und der Schulen.

Die Gesellschaft hat zum Glück nur auf die Schulen Einfluss, aber da verpuffen bislang sehr viele Anfangserfolge der punktuellen Projekte. Die wenigen kontinuierlichen Projekte, die es gibt, fördern dagegen wirklich das langfristige Interesse der Jugendlichen, sind aber sehr arbeitsintensiv und damit teuer. Allerdings wirken sie oft wie eine Talentförderung, sprechen also vor allem interessierte Jugendliche an, und erschließen weniger neue Gruppen.

VDI nachrichten: Der „Ideenpark“ von ThyssenKrupp kostete 15 Mio. €. Wie viele kontinuierliche Projekte könnte man mit diesem Geld finanzieren?

Pfenning: Umgelegt auf Schülerlabore in Schulen – ein gut ausgestattetes kostet knapp 300 000 € – wären es rund 50.

Es geht aber nicht darum, das eine zu tun und das andere zu lassen. Der „Ideenpark“ hat seine Berechtigung, weil er eben auch die Öffentlichkeit und die Politik auf das Thema aufmerksam macht.

VDI nachrichten: Haben Sie im Rahmen Ihrer Untersuchungen auch Projekte gefunden, die wirkungslos sind?

Pfenning: Ja, die gibt es. Grundsätzlich ist natürlich alles zu begrüßen, was in diesem Bereich gemacht wird¿

VDI nachrichten: Man kann also nichts kaputt machen?

Pfenning: Nein. Aber wenn Projekte die Begeisterung bei Jugendlichen wecken und dann einfach enden, ohne dass sie eine Fortsetzung in Schule oder Elternhaus finden, frustriert das die Jugendlichen.

VDI nachrichten: Mancher wird sagen, dass wir nicht jahrelang auf wissenschaftliche Evaluierungen warten können. Glaubt man den Wirtschaftsverbänden, ist das Problem dafür zu akut.

Pfenning: Ja, diesen Schuh muss sich auch die Wissenschaft zum Teil anziehen, weil sie das Thema relativ spät aufgegriffen hat.

Fakt ist dagegen, dass jahrelang nur punktuell über Fachkräftemangel und Techniksozialisation geforscht worden ist. Inzwischen sind wir zwar auf dem richtigen Weg, aber wir – die Wissenschaft und erst recht die Politik – sind leider sehr spät aufgebrochen.

VDI nachrichten: Was antwortet ein Soziologe auf die Frage, wieso es so wenige Studenten in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern gibt?

Pfenning: Das Image der technischen und naturwissenschaftlichen Berufe ist konträr zum positiven Image der Technik im Alltag. Früher hatte man gemeint, dass es genügt, Technik zu nutzen, damit genügend junge Leute entsprechende Berufe ergreifen. Ein großer Irrtum. Eine weitere Ursache ist die individuelle Wahrnehmung dieser Berufe, die als sehr konservativ, altbacken, lern- und arbeitsintensiv gelten. Und als sehr selektiv – womöglich schafft es weniger als die Hälfte der Studienanfänger bis zum Abschluss. Natur- und Technikwissenschaften haben auch lange darauf vertraut, dass diese Berufe gute Bezahlung und sichere Arbeitsplätze garantieren – was eben so nicht stimmt und zudem an Bedeutung für die Berufswahl verloren hat.

VDI nachrichten: Was tun?

Pfenning: Man muss die Ausbildungsstrukturen dieser Berufe attraktiver machen, Stichwort „erfahrungsorientiertes Lernen“: Erst die Praxis, dann die Theorie. Heute kommt dagegen erst die Vermittlung der Grundlagen, also Mathematik, mit deren Hilfe auch aussortiert wird. Dann kommt die Theorie und im Hauptstudium schließlich die Praxis. Aber die Jugendlichen erwarten gerade die umgekehrte Reihenfolge. Hier ist unser Bildungssystem, auch die Universitäten, noch zu sehr verschult.

VDI nachrichten: Aber Differentialrechnung ist nun mal nicht einfach und jeder Ingenieur braucht“s¿

Pfenning: Richtig, aber auch das kann Spaß machen, wie man am Beispiel des Mathematikums in Gießen sieht. Wir haben ja die technischen Mittel, Wissen sehr anschaulich zu verdeutlichen, etwa mit der Hilfe von Visualisierungssoftware. Aber in heutigen Technikvorlesungen sagen wir noch immer, Technik sei ganz modern – und legen dann Folien auf.

MICHAEL VOGEL

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