Nachwuchsförderung

„Wir wollen anderes hören als ,Weiter so!““  

Junge Menschen sollen kein Blatt vor den Mund nehmen und zu Neuerungen in Unternehmen anregen, fordert Heinz-Gerhard Wente im Kontext der gerade veröffentlichen Continental-Studie. In Krisenzeiten sei es auch für einen großen Automobilzulieferer nicht einfach, den Nachwuchs angemessen zu fördern. Um aber für die Zeit nach der Krise gerüstet zu sein, dürfe die „Kette von der Universität zu Continental nicht abreißen“. VDI nachrichten, Berlin, 11. 9.09, ws/cha

Wente: Die Krise ist nun einmal da und da müssen alle – ob nun Personalmanager oder operativ Verantwortliche – konzentriert dagegen anarbeiten.

Was bedeutet dies für den Personalbestand?

Gegenüber dem Jahresende 2008 haben wir aktuell mit etwa 130 000 weltweit rund 9000 Mitarbeiter weniger an Bord. Wenn wir in den vergangenen Jahren etwa 1200 Universitätsabgänger pro Jahr eingestellt haben, so hat sich die Zahl 2009 mehr als halbiert.

Weltweit sind es derzeit um die 500, in Deutschland werden wir wohl bei rund 100 Neueinstellungen liegen. Lassen Sie uns das Jahr 2009 als Jahr der Konsolidierung betrachten. Wir rechnen fest damit, dass wir mit dem Ansteigen der Konjunktur auch wieder in Richtung „normale“ Einstellungszahlen kommen.

Aber noch ist Kurzarbeit angesagt?

Ja. Von unseren 44 000 in Deutschland Beschäftigten sind derzeit 11 000 in Kurzarbeit. Wir hoffen, dass wir auf diesem Niveau bleiben können.

Sind bei Ihnen auch Praktikantenplätze betroffen?

Ja, leider. Wir haben normalerweise etwa 1000 Praktikanten und Werkstudenten in Deutschland. Derzeit sind es rund 700.

Aber wenn die halbe Belegschaft in Kurzarbeit ist, sind Abstriche nicht zu vermeiden. Als Personalchef versuche ich natürlich, so vielen jungen Menschen wie möglich einen Platz anzubieten, denn die Kette von der Universität zu Continental darf nicht abreißen.

Wie groß ist Ihre Befürchtung, dass die Krise noch einmal die Zugangszahlen zu den MINT-Fächern beeinflusst?

Ich glaube schon, dass das für uns alle eine ziemliche Herausforderung wird.

Wenn die Konjunktur wieder anzieht, könnte es Engpässe geben.

Wir müssen alles tun, um Studierende weiterhin für diese Fächer zu interessieren und ihnen Zukunftsperspektiven zu bieten.

Es gab ja bislang zahlreiche Initiativen, die Schüler zu überzeugen.

Das ist nach wie vor eine ganz wichtige Aufgabe. Wir gehen mit unseren Personalern, aber auch mit unseren lokalen operativen Managern, verstärkt in Schulen. Eine Signalwirkung hat beispielsweise auch der Erfolg unserer internen Bemühungen, für alle Bachelor-Absolventen, die bei uns im dualen Studiengang ihre Prüfung abgelegt haben, einen angemessenen Job zu finden.

Gibt es in der Continental-Studie ein Ergebnis, das Sie überrascht hat?

Ich hätte mir teilweise noch deutlichere Antworten gewünscht. Klar ist für mich, dass wir im Unternehmen jetzt nicht nur die Krise aussitzen können, um dann so weiterzumachen wie bisher. Nicht, dass wir gravierende Fehler gemacht haben, aber wir waren auf ein paar Dinge nicht eingestellt.

Was wir von unseren jungen Mitarbeitern – solchen, die schon bei uns sind oder denen die neu kommen – erwarten, ist kein Plädoyer für ein „Weiter so!“, sondern wir bauen auf Ideen für Veränderungen.

Die Unternehmen setzen zunehmend auf Selbstverpflichtung im Rahmen der Corporate Social Responsibility (soziale Verantwortung). Aber nur 6 % halten CSR für wichtig. Überrascht Sie das?

Überraschend ist schon, dass die Begrifflichkeit CSR offensichtlich noch nicht eingängig ist. Andererseits fordern die Studenten soziale Verantwortung wie die „faire Behandlung von Arbeitnehmern/Lieferanten/Kunden“. Für Continental gilt seit geraumer Zeit eine CSR-Richtlinie, die diese und weitere Schwerpunkte als Unternehmensleitlinien transportiert.

Laut der Studie wünschen sich die Studenten mehr staatliche Unterstützung für Schlüsselindustrien. Freut sie das?

Die Antworten halte ich eher für einen gewissen Selbstschutz. Möglicherweise wünschen sich die Absolventen in diesen Unternehmen einen sicheren Arbeitsplatz, der vermeintlich durch stärkere Einbringung des Staates gewährleistet ist.

BIRGIT BÖHRET

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