Hochschule

„Wir sind gut, das ist eben so“

Friedrich Opel, Hans Bahlsen, Ernst Sachs und viele andere berühmte Pioniere haben an der „Fachhochschule Mittweida University of Applied Sciences“ studiert. Nach wie vor ist sie Dreh- und Angelpunkt für Mittweidas Geschicke.

Die „roaring twenties“ dürften für die Einwohner des Städtchens Mittweida keinesfalls langweilig gewesen sein. 2300 Studenten aus aller Welt brachten damals nicht nur Farbe in die Stadt. „Zwischen 1900 und 1930 gab es über 100 studentische Verbindungen, jede hatte ihre eigene Lokalität und es kam zu üblen Schlachten“, weiß der heutige Rektor der Fachhochschule Mittweida, Werner Totzauer. Der Mannheimer Ingenieur Carl Georg Weitzel hatte das „Technicum“ 1867 gegründet.
Das Konzept der praxisorientierten Ausbildung für Maschinenbauer ging auf. Bereits sechs Jahre nach der Grundsteinlegung gab es 187 Studierende. Elektrotechnik kam als zweites Fach hinzu und die kontinuierliche Erweiterung führte zu heute 21 Studiengängen. Die heutige Studentenzahl entspricht durchaus wieder der Relation der Blütezeit. In der 17 000-Einwohner-Stadt gibt es 3800 Studierende.
Der Ausländeranteil von damals 50 % liegt heute bei 10 % und auf dem Kopfsteinpflaster des Marktplatzes vor dem historischen Rathaus finden keine „Schlachten“ mehr statt um studentische Lokalitäten. „Tote Hose“, ist der Kommentar der Fachhochschüler. 60 % kommen ohnehin aus dem Umland und verlassen die Stadt am Abend.
Der 30-jährige Alexander Lange, der nach einer Berufsausbildung nun im 5. Semester Wirtschaftsinformatik studiert, verbringt die Abende bei seiner Familie. Der frisch gebackene Vater will später „ins Management“. Dass er dafür wahrscheinlich umziehen muss, hat er einkalkuliert. Swen Hausmann, ebenfalls Wirtschaftsinformatiker im 5. Semester, hofft dagegen auf einen Arbeitsplatz in seiner Heimatstadt Chemnitz und würde dafür sogar einen geringeren Verdienst in Kauf nehmen: „Geld ist ja nicht alles.“
In der Stadt ist zwar nichts los und die Arbeitsplätze der Zukunft sehen die meisten auch außerhalb der sächsischen Kleinstadt, aber alle loben die gute Ausbildung. Und: Im Gegensatz zur Technischen Uni in Chemnitz ist „hier für alles Geld da“, sagt der 24-jährige Hausmann: „Aus Amerika und so“, glaubt er. Stimmt, darauf ist auch Rektor Totzauer stolz. Die neue Turnhalle, das neue Laborgebäude für die Maschinenbauer und einiges mehr haben frühere Absolventen finanziert, die eben zum Teil auch in den USA leben.
Die Hochschule ist eine Lebensader der Region. Einerseits. Doch die Maschinenbauer, die im Umland dringend gebraucht werden, „wandern fast alle ab“. Von HP bis IBM rekrutieren sie hier ihren Technikerbedarf. Um den Wegzug zu stoppen gibt es in Zusammenarbeit mit dem Technologiepark Unternehmergespräche für Studenten und viele Hilfen, um die Jungen zum Gründen zu motivieren. „Die Existenzgründungen sind merklich eingebrochen“, sagt Peter Opitz, Chef des zehn Jahre alten Technologieparks Mittweida.
Einige haben es trotzdem gewagt. Die Jüngeren spontan, wie Studierende der Hochschule, die auf dem 8000 Quadratmeter großen Gelände ein Messtechnik-Unternehmen betreiben, eine Tochter des US-Konzerns Tektronics.
Die Älteren Anfang der 90er Jahre eher aus der Not. „Ich stand 1992 als Maschinenbauer auf der Straße“, erzählt Thomas Kimme nüchtern. Der 39-jährige Laserspezialist gründete 1994 im Technologiepark mit viel Know-how und Krediten die heutige Laservorm GmbH. Mit dabei als Kompagnon sein ehemaliger Professor Horst Exner, der heute an der Hochschule Mittweida das Laserkompetenzzentrum Mittelsachsen leitet, und ein weiterer Partner. Das Besondere der neuen Technik: „Mit geringstem Wärmeeintrag schweißen wir auf 1/10 Millimeter genau an ein Bauteil einen Zusatzwerkstoff, der beispielsweise besonderer Druck- oder Hitzelast ausgesetzt ist“. Der Vorteil: Teure Werkstoffe müssen nur partiell eingesetzt werden und das Verfahren beschleunigt weitere Automatisierung und spart Kosten.
„Wir sind 1995 damit an den Markt gegangen und haben auf internationalen Messen weltweit bei Entwicklern Erstaunen geerntet“, erinnert sich Kimme. So begann der Start von Laservorm mit einer vielversprechenden Technik, aber ohne Kaufinteresse. Erst jetzt, sieben Jahre später, sei die Industrie langsam reif dafür. Kimme ist nicht der erste Gründer, der dem Markt voraus ist. Seine 16 Angestellten, davon acht Ingenieure, verdienen den größten Teil des Umsatzes als Dienstleister mit Laserschweißen und -härten sowie Auftragsschweißen.
Weit gehend exportorientiert ist Detlev Müller. Erst im Juni hat der Unternehmer im Technologiepark eine neue Produktionshalle eingeweiht. Sein Firmenimperium besteht aus der IMM Elektronik GmbH, dem IMM Ingenieurbüro und der proagil GmbH. Auch er hatte damals zwei Alternativen nach dem Aus seiner Forschungstätigkeit an der Hochschule: ein Wegzug aus Mittweida samt Bewerbung in den alten Bundesländern oder die Ich-AG: „Nachts konnte ich die Technik an der Hochschule nutzen, von den ersten Ingenieursaufträgen habe ich dann meinen ersten Rechner gekauft“, berichtet er. „Nie hätte ich damals davon geträumt, dass ich einmal 100 Mitarbeiter und drei Firmen habe“, sagt der Elektrotechniker.
„Die Leiterplatte ist nicht tot.“ Davon war Müller entgegen Professorenmeinung von Anfang an überzeugt. Erst bewies er das als reiner Dienstleister, dann hochspezialisiert für die professionelle Audio- und Studiotechnik. Damit macht Müller heute 80 % seines für 2002 anvisierten Umsatzes von 10 Mio. Euro. Und exportiert in alle Welt, ohne dass IMM Elektronik als Trademark bekannt ist. Die neuen Ideen kommen von freischaffenden Entwicklern der Firma RME, Syntax aus München vertreibt das Profi-Audio-
equipment international. Und Müllers Firma entwickelt die Schaltungen, konstruiert und bestückt die elektronischen Baugruppen, baut die Muster, testet und liefert ladenfertig aus.
Ohne Berater hätte es Müller nicht so weit gebracht. „Bis zu fünf Seniorexperten hatten wir teilweise hier.“ Mit ihnen hat er die einzelnen Firmenbereiche strukturiert und ein neues Selbstbewusstsein gelernt: „Man muss sich Ziele setzen.“ Bereits zum zweiten Mal ist Müller mit seinem Firmenverbund für den Wirtschaftspreis „Oskar für den Mittelstand“ nominiert. „Wir sind gut, das ist eben so“, kommentiert Müller seinen Erfolg. Er setzt auf weiteres Wachstum: „Wenn die Audiotechnik mal rückläufig wäre, dann sind inzwischen mit unserer Medizintechnik andere Bereiche nachgewachsen.“
Bürgermeister Matthias Damm (CDU) spielt eifrig mit. „Ich tue alles, um Arbeitsplätze hier zu schaffen und zu halten“, sagt der 48-jährige Damm emphatisch. Ein eindeutiges Plädoyer des zupackenden ehemaligen Anwalts, der zudem Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik ist. Allein die Standortvorteile wie das technische Know-how in der Symbiose aus Hochschule und Technologiepark reichten derzeit nicht aus. „Wegen der Rezession ist es sehr schwer, hier entsprechende Industrieansiedelung zu bekommen.“
Damm glaubt an weiche Standortfaktoren. Und erinnert sich an die ausgeprägte Studentenatmosphäre um die Jahrhundertwende in Mittweida. Allein deswegen will er in den nächsten Jahren das Studentenleben wieder stärker vom Campus in die Stadt zu ziehen. Eine neue Bibliothek direkt am historischen Markt in der denkmalgeschützten Altstadt mit Hochschul-Seminarräumen schwebt ihm vor. Damit soll Mittweida wieder an die große Tradition anknüpfen.
N. WOHLLAIB/ B. BÖHRET
www.mittweida.de

Mittweida
Mittweida liegt im Industriedreieck Chemnitz, Leipzig und Dresden mitten im Zschopautal und hat mit dem rekonstruierten Wasserkraftwerk von 1923, der Burg und Talsperre Kriebstein einige touristische Highlights vor der Haustüre. Dennoch kann die Region kaum vom Tourismus leben. Wichtigster Wirtschaftsfaktor ist nach wie vor die Hochschule mit 300 Angestellten und 3800 Studenten. Größter Arbeitgeber mit 300 Beschäftigten ist Pfleiderer, der in Mittweida Tür-Zargen herstellt. Von der Textilindustrie mit den Kombinaten Wäscheunion und Baumwollspinnerei Mittweida hingegen ist nach der Wende kaum etwas übrig geblieben. Deshalb ist vor allem die Frauenarbeitslosigkeit sehr hoch. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote bei 20 %. wobö

Bisher erschienen:
Neumarkt in der Oberpfalz (Nr. 25, 21. 6. 02);
Saarbrücken (Nr. 26, 28. 6. 02)
Die Region um Kiel (Nr. 27, 5. 7. 02); Luckenwalde (Nr. 29, 19. 7. 02);
Greifswald (Nr. 30, 26. 7. 02);
Aurich (Nr. 31, 2. 8. 02);
Minden-Lübbecke (Nr. 32, 9. 8. 02)
Melsungen (Nr. 33, 16. 8. 02);
Künzelsau (Nr. 35, 30.8. 02)
Montabaur (Nr. 36, 6. 9. 02),
Eisenach (Nr. 37, 13. 9. 02),
Dessau (Nr. 39, 27. 9. 02)

 

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